Von Manfred Sack

ARCH+ – das ist ein merkwürdiger Name. Einmal gelesen oder gehört, wird man ihn nicht wieder los. Und die Zeitschrift, die ihn trägt, ist vollständig damit identisch. Er ist, seit er Ende der sechziger Jahre für dieses Blatt erfunden wurde, zugleich Programm: Arch plus meinte immer schon Architektur und "etwas mehr"; am Anfang meinte es das "etwas mehr" sogar viel mehr als Arch(itektur). Jedoch, das immer noch eigenwillige Blatt ist aus den kurzen Hosen längst heraus und wendet sich mit Leidenschaft auch dem zu, das einst äußerste Skepsis, wenn nicht Widerwillen hervorgerufen hatte: der Architektur, ja, der Bau- und Stadtbaukunst in allen ihren Denk- und Erscheinungsformen und mit allen ihren Begleiterscheinungen. Das Doppelheft, das jetzt im Handel ist, hat Le Corbusier zum Thema. Es ist sogar so originell zusammengestellt, daß es sich zwischen der reichhaltigen Literatur über das sperrige Genie, dessen hundertster Geburtstag Anlaß für Hunderte von Aufsätzen und Ausstellungen in der ganzen Welt war, leicht behauptet. "Wir machen ja", sagt der Redakteur Nikolaus Kuhnert, "versteckte Bücher": Themenkompendien. Wir zählen gerade das 90. Heft – für eine Zeitschrift dieser Eigenart eine sehr bemerkenswerte Zahl.

ARCH+ wird in Aachen redigiert, verlegt und gedruckt, erscheint alle zwei Monate, hat eine zu zwei Dritteln durch Abonnenten gesicherte, im übrigen ziemlich wechselhafte Auflage von nunmehr viereinhalb- bis sechstausend Exemplaren. Diese auffallend irrationalen Schwankungen lassen sich wohl nur durch die Geschichte dieses Blattes (und seiner Leser) verstehen, das immer noch ein bißchen anders als andere Architektur-Zeitschriften geblieben ist.

ARCH+ wurde 1968 nicht zufällig in Stuttgart gegründet. Dort gab es den Philosophen, Ästhetiker und Informationstheoretiker Max Bense, der, von wenigen verstanden, von vielen bewundert, viele junge Leute faszinierte. Dort befaßte sich der junge Professor Jürgen Joedicke mit den Grundlagen der Architektur. Das Interesse vieler Studenten in dieser theoriesüchtigen, der Praxis und der Tradition mißtrauenden Zeit gehörte nicht der schönen Bau-Kunst, sondern der wissenschaftlichen Erörterung in nahezu jeder Erscheinungsform. Man diskutierte über Planungstheorie und -methodik, ließ sich von den Anfängen der Computerisierung, der Informatik faszinieren, befaßte sich mit quantitativen Bewertungsverfahren, stellte Nutzwertanalysen an, kümmerte sich um die Partizipation. Die Forschungslust war beträchtlich.

So geschah es im Jahre 1968, daß Studenten, unzufrieden mit den traditionellen Bauzeitschriften und gelangweilt von deren augensüchtigen Themen, ihr eigenes Blatt gründeten: ARCH+ . Dem Untertitel zufolge handelte es sich um "Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung". Ein Hinweis in Heft 1 gab bekannt, daß die Publikation "an der Abteilung für Architektur der Universität Stuttgart" angesiedelt war – aber in völliger redaktioneller Freiheit. Mathematik, Systemtheorie und -technik spielten eine ungleich wichtigere Rolle als etwa die Ästhetik. Die neue Welt und ihre Behausungsprobleme sollten nicht mit Phantasie, sondern mit kühlem Verstand gelöst werden. Die acht ambitionierten Studenten erledigten alles selber. Sie verfaßten Artikel, animierten Gesinnungsfreunde zum Schreiben, tippten das ganze Blatt auf der Schreibmaschine, sorgten für die photomechanische Vervielfältigung, besorgten den Vertrieb. Bisweilen verzögerte sich das Erscheinen eines Heftes, weil es noch nicht ganz voll war. Alsbald versuchte man, den Kreis der Interessierten zu erweitern, erfuhr Resonanz aus Berlin. Waren die Stuttgarter stärker methodisch interessiert, dachten die Berliner politischer; als dann ein ganzer Schwung von Berliner Assistenten an die Technische Hochschule Aachen berufen wurde, um dort den Studiengang Architektur zu erneuern und zu aktualisieren, gab es schließlich drei Fraktionen in ARCH+. Wie immer bei derlei Konstellationen gab es Krach, die Zeitschrift schaukelte auf Wellen mal auf, mal ab. Anfang der siebziger Jahre trennte man sich. "Jetzt", berichtet Nikolaus Kuhnert, ein mit einer Dissertation über Typologie promovierter Berliner Architekt in Aachen und seit langem der Redakteur der Zeitschrift, "jetzt wollten wir endlich eine gute Architektur- und Städtebauzeitschrift machen."

Es ging mühsam an. Und es dauerte auch eine Weile, bis die "weiße Periode" der Schwarz auf Weiß gedruckten, so betont asketischen Zeitschrift endete und Farbe auf das Titelblatt kam. Noch Mitte der siebziger Jahre hatte ARCH+ den ärmlichen Charme selbstgemachter Blätter: die Groteskschrift scheußlich, das Schriftbild ungleichmäßig, die Druckqualität flau, die Illustrierung nach Kräften bieder-originell. Das graphische Bild rechnete nicht mit genießerischen Augen, und außerdem mangelte es immer an Geld. Es gab keinen Finanzier, so gut wie keine Anzeigen, man entzog sich jeglichen Wirtschaftsinteressen. Diese Bescheidung drängte sich auch in den hölzernen Texten auf. Noch vor zehn Jahren hatte die Sprache in ARCH+ Mühe, sich normalen Mensch zu eröffnen, geschweige sie thematisch auf Trab zu bringen. In den langen, komplizierten Sätzen rumpelte das blutleere Vokabular politologisch-soziologisch-sozialpsychologischer Eiferer. In dieser unsinnlichen Sprache hieß Entwurf "Konzeptionsbildung", das Bauen war "materielle Realisation", das Gebäude ein Gegenstand "konsumptiver Produktion"; die Verachtung des Bestehenden drückte sich in vielerlei Ismen aus. Solche Texte lesen sich heute streckenweise wie die Parodie auf den introvertierten Jargon von Experten, die zwar den Bürger suchten, aber nur Insider trafen. Wie denn auch anders, wenn Leser von einer sperrigen Redaktionsnotiz in Heft 33 (1977) zu "Arbeitskonferenzen", "Liniendiskussionen" und "ad-hoc-Redaktionsgruppen" aufgerufen werden: für ein Journal ohne den mindesten professionell-journalistischen Ehrgeiz.

Erst 1980 regte sich ein neuer Geist: der Titel nun schon mit einer Farbe, das Papier ein wenig heller, die Schrift (Times Antiqua) endlich lesbar, die Sprache annähernd normal, wenngleich kein Zweifel am wissenschaftlichen Anspruch blieb: dreißig und mehr Fußnoten am Ende waren nicht selten. Die Themen machten neugierig: frühe Auseinandersetzung mit dem italienischen Architekten Aldo Rossi; ein ganzes Heft über die bessere Art der Stadterneuerung, die alte Bewohner nicht vertreibt, sondern respektiert, so wie es Hardt-Waltherr Hämer im berühmt gewordenen Berliner Block 118 gegen tausend Widerstände praktiziert hat. Man schrieb über die "Wiederentdeckung des Raums" in der Stadt, von der Kunst zu wohnen, vom Typus und von Typologien, hoffend, mit systematischen Überlegungen weiter zu kommen als mit der frei schweifenden Phantasie.