Von Uta van Steen

Wir woben ein Netz in der Kinderzeit,

Ein Netz aus sonnigem Schein,

Eine Kindheitsquelle gruben wir,

Ein Wasser klar und rein.

Charlotte Brontë, 1835

Ein kalter Wind weht über die Halbinsel. In Haverfordwest, einem trostlosen walisischen Städtchen, schaut der Schulleiter Cyril Davis aus dem Fenster und sieht zwei dunkelhäutige kleine Mädchen „in einer Art Gänsemarsch zehn Meter voneinander entfernt hintereinander gehen. Ihre Bewegungen waren absolut synchron“.

Auch der Schularzt John Rees kann sich noch sehr genau an seine erste Begegnung mit June und Jennifer erinnern. Es war bei einer Tuberkulose-Impfung: „Zwischen all den weißen Armen war da plötzlich ein brauner. Ich schaute hoch, das Wort blieb mir ihm Halse stecken. Ich sah ein kleines, braunes Mädchen, das starr vor sich hin blickte. Auf die Spritze reagierte sie nicht. Sie war nicht wie die Toten, die ich im Krieg gesehen hatte, es war schlimmer. Sie war ein Zombie.“

June und Jennifer Gibbons sind Zwillinge. Schwestern, die sich bis aufs Blut hassen und dennoch nicht ohne einander leben konnten. „Meine Schwester, ein dunkler Schatten, der mich meines Sonnenlichts beraubt, sie ist meine einzige Qual“, notiert June in ihren Tagebüchern. „Sie hätte bei der Geburt sterben sollen“, vertraut Jennifer dem ihren an: „Kain hat Abel getötet. Das sollte kein Zwilling vergessen.“

Als die beiden Mädchen sich ihre Verzweiflung von der Seele schrieben, waren sie bereits zu lebenslänglichem Aufenthalt in Broadmoor verurteilt worden, Englands berüchtigtstem Hospital für geisteskranke Kriminelle. Zwei Teenagern, angeklagt wegen Brandstiftung und Diebstahl, wurde das gleiche Strafmaß zuerkannt wie sonst nur Mördern, Sexualverbrechen! und dem Yorkshire-Ripper.

Zufällig war eine Reporterin der Sunday Times bei der Verhandlung an jenem grauen Apriltag vor vier Jahren anwesend. „Die Zwillinge, klein und verletzlich, sprachen kein Wort, außer einem Grunzen ab und zu, das vor Gericht als Schuldbekenntnis ausgelegt wurde“, erinnert sich Marjorie Wallace: „Die emotionslose Gerichtspantomime spielte sich rings um die Mädchen ab, ohne sie zu berühren.“ Bestürzt über das harte Urteil machte sich die Journalistin auf die Suche nach der Vergangenheit der beiden Mädchen. Ihr Buch über „Die schweigsamen Zwillinge“, die heute 24 Jahre alt sind, liest sich spannend wie ein Krimi und so bizarr wie ein erschreckendes, böses Märchen.

June und Jennifer geben der Psychiatrie ein unlösbares Rätsel auf. Die beiden Mädchen leben in einer vollkommenen Symbiose, führen eine autistische Existenz wie in einer Schneekugel. Von der Außenwelt schirmen sich die Schwestern durch Schweigen ab. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr sprachen sie kaum ein Wort, weder zu ihren Eltern noch zu Lehrern und Geschwistern. „Manchmal habe ich ihnen ins Gesicht geschlagen, bloß um sie zu einer Reaktion zu bewegen“, erinnert sich ihr Schulkamerad Lance: „Sie waren Außenseiter wie ich in dieser Horrorfilmstadt. Ich wäre ihr Freund geworden, wenn sie nur mit mir gesprochen hätten.“ Doch bei jedem Versuch, sie aus ihrem selbstgewählten Gefängnis zu befreien, erstarrten June und Jennifer zu der sprichwörtlichen Salzsäule – bewegungslos, sprachlos. Zwei Marionetten, die nicht ahnen, wer die Fäden führt.

Die Zwillinge bewegen sich stets in perfekter Übereinstimmung. Wie auf unmerkliche Zeichen hin wenden sie gleichzeitig ihre Köpfe, senken die Augen und schlagen die Beine übereinander. Doch was wie vollendete Harmonie wirkt, ist in Wahrheit ein erbitterter Krieg. Verzweifelt versuchen die Zwillinge zu erforschen, wo June beginnt und Jennifer aufhört.

Detailliert beschreibt Marjorie Wallace die Identitätssuche dieser beiden Mädchen, die sich mit solcher Heftigkeit lieben und hassen, daß sie weder zusammen noch getrennt leben können: „Wie Zwillingssterne sind sie in einem Gravitationsfeld zwischen sich gefangen, verdammt dazu, einander auf ewig zu umkreisen. Wenn sie.sich zu nahe kommen oder auseinandertreiben, werden beide vernichtet.“ Deswegen entwickelten die Mädchen Spiele, Strategien und Regeln zur Erhaltung dieses Gleichgewichts. Da gilt es dann Strafen zu verbüßen und Bußgelder zu bezahlen, und „Versagen, Bestrafung, ja sogar der Tod erwartet diejenigen, die zu lange spielen.“

Doch die Zwillinge haben einen Weg gefunden, Bericht zu erstatten vom Kriegsschauplatz ihrer Psyche. Während ihrer Recherchen stößt die Reporterin im Haus der Eltern auf eine schier unglaubliche Menge an Geschriebenem – Romane, Skizzen, Zeichnungen, Kurzgeschichten und vor allem Berge von Tagebüchern, sorgsam verpackt in schwarzen Plastiktüten – ‚ die von dem stummen Kampf um Individualität erzählen, den keine gewinnen konnte.

„Wir sind Todfeindinnen geworden“, erkennt June in Broadmoor. „Wir fühlen, wie die tödlichen Strahlen aus unseren. Körpern kommen und uns gegenseitig die Haut verbrennen. Wir schmieden böse Pläne, und wer wird gewinnen? Blut, ein Messer, ein Beil... Ich frage mich, wie kann ich meinen Schatten loswerden?“ Jennifer spürt die düsteren Gedanken ihrer Schwester. „Wenn ich stürbe, würde sie vermutlich zusammenbrechen und auch sterben“, grübelt sie. „Soll ich ihr Gesicht in Stücke reißen, wenn wir wieder zusammenkommen?“

Wie Tolstois Familie Karenin waren auch die Gibbons auf ihre ganz persönliche Weise unglücklich. Aubrey Gibbons hatte kurz nach seinem Weggang aus Barbados in England bei der Royal Air Force eine bescheidene Karriere gemacht. Mit seiner älteren Frau Gloria und den beiden Kindern David und Greta lebten sie als einzige schwarze Familie in einer trostlosen Nachkriegswohnsiedlung. 1963 wurden die Zwillinge geboren, kurz darauf die kleine Schwester Rosie.

Die Gibbons führen ein ruhiges, ereignisloses Leben. Daß June und Jenny so still sind, erklären sich die Eltern mit Scheu und Schüchternheit der Kinder. Ohnehin gelten in ihrer westindischen Heimat Zwillinge seit jeher als sonderbar. Und in der Schule fällt die Stummheit der kleinen schwarzen Mädchen kaum auf, da sie sich brav und fügsam verhalten und recht gut schreiben lernen. Warum und wann genau die Mädchen ihr Schweigen als Waffe gegen die Welt benutzen, weiß bis heute niemand.

Erst in einer neuen Schule, nach dem Umzug nach Haverfordwest, wird die Krankheit der Zwillinge erkannt. „Sie waren wie Strohhalme im Strudel eines Stromes“, erinnert sich der Lehrer Michael John. Wenn sie sich angriffen, standen sie einander gegenüber und teilten abwechselnd ihre stummen Hiebe aus. Ein Kinderpsychiater diagnostiziert Zungenlähmung. Nach einer überflüssigen Operation werden die Mädchen auf eine Sonderschule geschickt. Dort geraten sie in ein Karussell von Pädagogik und Psychiatrie, das nur eines nicht schafft – June und Jennifer das Sprechen zu lehren. „Zusehen, wie sie nicken, die Beine übereinanderschlagen und wieder nebeneinanderstellen“, notiert ein frustrierter Psychologe: „Sie haben ihre zeitliche Übereinstimmung regelrecht zu einer Kunst verfeinert; mir ist, als sähe ich einem verrückten Variete-Duo zu.“

Auch Trennungsversuche führen zu keinem Erfolg. June läßt dem Kollegium eine schriftliche Botschaft zukommen: „Alles, was ihr über uns sagt, ist falsch. Wir sind zwar Zwillinge, aber besondere Zwillinge. Wir sind genau gleich in allem, was wir tun. Aber manche Leute denken, eine von uns ist der Störenfried, und sie ist der Boß. Boß, ausgerechnet!“ Doch die Lehrer haben mit ihrer Vermutung nicht unrecht. Die dominante Jennifer tut alles, damit aus den Zwillingen ein einziger Mensch wird. „Du bist Jennifer. Du bist ich“, beschwört sie ihre Schwester.

Die Behörden kapitulieren. 1979 verlassen die Zwillinge die Schule und verkriechen sich fortan zu Hause in ihrem Zimmer. Mit den Eltern verständigen sie sich schriftlich. „Mama, könntest du uns heute ein liniertes Heft besorgen. Jenny“, schreiben sie, oder: „Bring das Mittagessen nicht vor 16 Uhr. Wir sind beschäftigt. Danke, June.“ Ergeben nimmt die Familie die stummen Gestalten oben im Hause hin. Gloria veranstaltet Tupperware-Partys, Aubrey konzentriert sich auf seinen (ob. Die Eltern ahnen nichts von dem bizarren, sprachlosen Krieg ihrer Töchter. Niemand registriert die Flucht der Zwillinge in eine imaginäre Gegenwelt des Spiels, der Literatur und des Ockultismus.

„Diese unheimlich begabten, spitzfindigen: Spinnfitzigen, merkwürdigsten Kinder“: Was Arno Schmidt über die Brontë-Schwestern feststellte, trifft auch auf die Gibbons-Zwillinge zu. Überhaupt läßt sich manche Parallele zum Pfarrhaus von Haworth ziehen. Wie bei den Brontës geleitete auch June und Jennifer das Spiel mit Puppen ins Exil der Phantasie. Doch ihr Weg führte nicht in ein geheimnisvolles Glasstown, sondern in ein „Clockwork Orange-Land im gewaltigen Vorstadt-Amerika. Ihre Traumstadt war Malibu, der Ort, „wo Teenager ständig ‚breit‘ sind von Rauschgift und Alkohol“.

Tod, Gewalt und Haß sind die Themen ihrer Storys, die sie mit einer merkwürdigen Vorliebe für alles Amerikanische in Kalifornien ansiedeln. In dieser eingebildeten Horror-Welt finden die makabren Geschichten statt, die June und Jenny unermüdlich niederschreiben – mit den Puppen als Helden. Mal stirbt „Polly, 4 Jahre, an einem Gesichtsschnitt“, dann erliegt „George, 4 Jahre, einem Ekzem“. „Peter, 5 Jahre“, gilt als verschollen, und Julie rafft ein Magendrücken dahin.

Die Zwillinge schreiben wie besessen. Es ist ihr einziger Zufluchtsort aus ihrem Privatkrieg. Zudem leiden sie, mittlerweile in der Pubertät, unter immensen Schuldgefühlen wegen ihrer sexuellen Phantasien. Nur in ihren Träumen führen sie eine glänzende Existenz als begehrte und begabte Schönheiten à la Garbo. Brieflich bitten sie ihre Mutter, ihnen Bleichmittel, Jugendcremes und Diätpillen zu kaufen.

June und Jennifer belegen Fernkurse in Schriftstellerei. Mit dem Geld aus ihrer Arbeitslosenunterstützung gelingt es June, ein Buch zu veröffentlichen: „Der Pepsi-Cola-Süchtige.“ Den Antiheld Preston treibt es in Malibu durch ein Szenario von Sex, Gewalt und Tod: „Ein scharfes Messer schnitt in Prestons Herz. Der Schmerz betäubte sein Trommelfell. Preston schaukelte auf der Zauberschaukel der Freiheit, sie ging schneller, schwang in eine unbekannte Welt. Er fiel, schwebte in einen leeren, schwarzen Tunnel... wie eine im Weltraum gefangene Rakete kam eine Pepsi-Cola-Dose auf ihn zugetrudelt... sie krachte.“

Auch Jennifer schreibt einen Roman über ein herzkrankes Baby, dem das Herz eines Hundes eingesetzt wird. Allerdings findet sie keinen Verleger. Kurz darauf wagen die Mädchen den ersten und einzigen Ausbruch aus ihrer Isolation und stürzen sich in einen schweigsamen amour fou mit drei amerikanischen Brüdern aus der Nachbarschaft. „Einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich habe meine liebe Unschuld an Carl Kennedy verloren. Endlich. Es hat furchtbar geblutet. Wir haben’s in der Kirche gemacht. Sorry, Gott“, schreibt Jenny in ihr Tagebuch.

June und Jennifer schwelgen in Phantastereien von Liebe und Erotik. Doch in Wahrheit wurden sie von den Jungen brutal vergewaltigt. Um ihnen zu imponieren, beginnen die Mädchen zu rauchen, Klebstoff zu schnüffeln und zu trinken. Als die Brüder wegziehen, bricht June und Jennys Traumwelt klirrend in Scherben. Als eine Art letzter Hilfeschrei begehen die stummen Zwillinge Einbrüche und Brandstiftung. Fast ist es für sie eine Erleichterung, als sie gefaßt werden.

Es beginnt eine qualvolle Odyssee durch die psychiatrischen Anstalten. Die Zwillinge werden voneinander getrennt. Immer noch schreiben June und Jennifer wie besessen, mit einer Imagination und Gefühlsintensität, die der der Brontës in nichts nachsteht. Sie sind berühmt geworden, wie sie es sich immer in ihren Geschichten ausgemalt haben: Die BBC hat einen Fernsehfilm über die beiden gedreht, und Hollywood interessiert sich für ihre Tagebücher.

Doch immer noch bekämpfen sich die Schwestern, sobald sie einander begegnen. Ihr Schweigen aber beginnt zu bröckeln – sie sprechen jetzt auch mit anderen Menschen, spielen Bingo und Tischtennis. June hat ihren Heathcliff gefunden – einen 28jährigen Mitinsassen, wegen Mordes angeklagt.

Wäre ihre Jugend weniger peinigend gewesen, hätte man sie früher voneinander getrennt? June grübelt: „J. und ich sind zwei historische Zwillinge, farbige Mädchen. Das Leben draußen geht weiter, es zieht vorüber, die Erinnerungen an unsere Verhandlung, unseren Fall. Wird man fragen, wo sind sie jetzt? Wie sehen sie heute aus? Und eines Tages werden wir still und heimlich entlassen: reife Frauen.

Alles muß ein Ende haben. Etwas Neues beginnt.“