Als Hermann Heinemann vor zwei Jahren zum nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister ernannt wurde, rieb sich manch einer erstaunt die Augen. Dieser biedere Sozialdemokrat aus dem Ruhrgebiet, gelernter Sparkassenangestellter und Vorsitzender des mitgliederstärksten Parteibezirks Westliches Westfalen, der sich immer so gern mit den Jusos angelegt hat: Welche originellen, in die Zukunft weisenden Ideen für die Gesundheits- und Sozialpolitik sollten von dem schon kommen?

Jetzt versucht aber dieser Hermann Heinemann, eine Wende in der deutschen Drogenpolitik einzuleiten – mit dem dicken Schädel des Ruhrgebietsmenschen, der ein Problem lange hin- und hergewälzt hat und nun meint, auf dem richtigen Wege zu sein. Am Krankenhaus Bergmannsheil in Bochum, an der Rheinischen Landes- und Hochschulklinik Essen und im Düsseldorfer Gesundheitsamt treffen Ärzte die Vorbereitungen dafür, daß sie von Anfang 1988 an insgesamt 75 ausgesuchte Heroinabhängige regelmäßig "L-Polamidon", ein Produkt aus dem Hause Hoechst, abgeben können.

Polamidon ist der Handelsname für Methadon, das die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges zur Bekämpfung starker Schmerzen erfunden haben – ein synthetischer Opiatersatz für das knappe Morphium. Methadon verhindert die Entzugserscheinungen, wenn Süchtige ihr Heroin absetzen, hat aber nicht dessen euphorisierende Wirkung. Doch während ein Abhängiger Heroin vier-, bis fünfmal pro Tag zu sich nehmen muß, hält eine Dosis Methadon knapp 24 Stunden vor. Der Hersteller warnt auf seinem Beipackzettel zutreffend: "L-Polamidon Hoechst kann Sucht erzeugen."

Vor allem in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz wird Methadon, zum Teil seit mehr als zwanzig Jahren, bei der Behandlung Heroinabhängiger eingesetzt. In der Bundesrepublik mußten Ärzte, die dies versuchten, stets mit einem staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren oder Schlimmerem rechnen. Nur in wenigen Ausnahmefällen wurde es bisher an Süchtige abgegeben: an Aids-Kranke oder an drogenabhängige Frauen in der Schwangerschaft, um sie für diese Zeit vor der Beschaffungsprostitution zu bewahren und aus dem kriminellen Drogenmilieu herauszuholen.

Die wenigen Befürworter breiter Methadon-Programme unterlagen immer den zahlreichen Gegnern. Deren Argument: Man dürfe den Teufel Heroin nicht mit dem Beelzebub Methadon austreiben; wer unter den 50 000 bis 60 000 Heroinabhängigen wirklich entziehen wolle, könne das auch ohne chemische Krücke in den zahlreichen Therapieeinrichtungen mit ihren insgesamt 3000 Plätzen versuchen. Quer durch alle politischen Lager haben sich die Gesundheitspolitiker dieser Argumentation bisher angeschlossen. Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundesland, das aus der Drogen-Einheitsfront ausbricht. Entsprechend groß ist die Empörung. Auch linke Parteigenossen haben den rechten Sozialdemokraten Heinemann schon böse beschimpft: Er wolle die Sucht auf Krankenschein einführen.

In der deutschen Drogendebatte dominieren die Emotionen, Rationalität geht da leicht unter. Bestimmend ist bis heute das Dogma von der Suchtfreiheit. Staatssekretär Werner Chory vom Bundesgesundheitsministerium formulierte sie im Juli auf eine parlamentarische Anfrage hin etwas hölzern: "Entsprechend der in der Bundesrepublik Deutschland ganz überwiegend fachlichen Auffassung verfolgt die Bundesregierung in ihrer Drogenpolitik den Grundsatz, daß alle Bemühungen um eine Entwöhnung und Rehabilitation Drogenabhängiger auf ein Leben ohne abhängigmachende Stoffe und damit auf ein Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenwürde gerichtet sein müssen."

Diese Drogenpolitik, nach der jemand entweder süchtig oder drogenfrei ist, läßt den Mittelweg, den andere Länder praktizieren, nicht zu: ein kontrolliertes Suchtleben, fernab von der kriminellen Szene, ermöglicht vor allem durch Methadon.