Andrej Belyj (1882-1934), einer der produktivsten und einflußreichsten Autoren der russischen Moderne, ist hierzulande bis heute eine weitgehend unbekannte Größe geblieben – obwohl er sich mehrfach in Deutschland aufhielt und von deutscher Denkungsart gewisser-, maßen imprägniert war. Der Grund dafür liegt wohl hauptsächlich darin, daß sein ebenso umfangreiches wie vielseitiges (oder, mit Belyj selbst zu reden, „vielsaitiges“) Werk bislang nur punktuell und überdies in durchweg inadäquater Übersetzung vermittelt worden ist, die von seinem genialischen Schreibfuror kaum etwas ahnen läßt. Versehen mit einem reich dotierten Anmerkungsapparat, einem Namensindex sowie einer kommentierten bibliographischen Chronologie und ergänzt durch je ein Vor- und Nachwort, denen freilich nicht viel mehr als ein anekdotisches Sammelsurium zum „Leben-und-Werk“ des Autors zu entnehmen ist, liegt nun seit kurzem (übersetzt nach dem in einem Moskauer Archiv aufbewahrten Manuskript aus dem Jahr 1928) eine intellektuelle Autobiographie Andrej Belyjs vor, welche diesem brillanten Literaten, Kulturphilosophen und Dichtungstheoretiker auch im deutschen Sprachraum zu der Resonanz verhelfen könnte, die ihm, den man nicht zu unrecht mit Joyce verglichen hat, bisher vorenthalten war: „Ich, ein Symbolist“ (Eine Selbstbiographie; aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Sigrun Bielfeldt; Insel Verlag, Frankfurt 1987; 250 S., 38,– DM).

Belyjs Selbsterlebensbeschreibung – sie stellt, im Rahmen seiner autobiographischen Prosa, das verbindende Mittelstück zwischen den „Erinnerungen an Blok“ (1922) sowie dem Krisenbuch „An der Wasserscheide“ (1923) einerseits und seinen drei späten Erinnerungsbüchern (1930/1934) andererseits dar – ist im wesentlichen als Apologie einer symbolistischen Lebens-Kunst angelegt, zu der sich der Verfasser nicht nur „berufen“ fühlte, die ihm vielmehr, nach eigenem Bekunden, „angeboren“ war und für sein Handeln und Denken gleichermaßen bestimmend wurde, da sie ihm die Einsicht vermittelte, daß „individuelle Erfahrung sich im Symbolismus vergesellschaften“ lasse; daß das Ich, als Person und Individuum, erst nach der „Uberwindung des Gespaltenseins von Subjektivem und Objektivem in ein Drittes – ein Drittes, das individuell aus den Zeitsymptomen zusammengefügt wird“, sich in seiner Totalität konstituieren könne, und dies in einer Art von kollektiver (oder kommunaler) Subjektivität.

Breiten Raum beanspruchen in Belyjs Erinnerungspanorama, nebst seinem hochdramatischen, von zahlreichen Peripetien gekennzeichneten Curriculum ab Symbolist, die Begegnungen (und Auseinandersetzungen) mit Rudolf Steiner (in Köln, München, Berlin, Dornach), die wechselhafte Freundschaft mit dem Dichter Alexander Blok, aber auch diverse Lese- und Liebeserfahrungen. Das Fazit allerdings, zu welchem Belyj trotz äußeren Erfolgen und seiner unbestreitbaren Vorrangstellung innerhalb der russischen symbolistischen Bewegung schließlich gelangt, ist desolat, wenn auch durchaus typisch für Diskursbegründer seines Schlags: „Unverständnis, Leiden, Scheitern – all das begleitete mich 25 Jahre lang.“

F. Ph. I.