Dafür hätte ich gerne die Quelle – wie auch für dieses Kurt-Schumacher-Zitat, mit dem Ralph Giordano seinen Gedanken von der fehlgeleiteten Selbstsäuberung, als Grundmuster des Adenauerstaates, stützt: "Die Nazis von gestern konnten bleiben, wer sie waren, und brauchten sich nicht entscheidend zu ändern. Sie sind jetzt in der Lage, die Formen der Demokratie zu handhaben, ohne ein positives Verhältnis zu ihrem Inhalt zu gewinnen. Das gilt besonders von beträchtlichen Teilen des Beamtentums, die stärker vom Nazismus als von der Weimarer Republik geformt sind."

Um die Unreinlichkeit unserer politischen Hygiene deutlich zu machen, greift Giordano ohne Scheu – aber dafür mit erschreckendem Material "munitioniert" – das Tabu-Thema par excellence auf: die deutsche Armee. Wer immer bisher das Märchen erzählte (oder ihm ergriffen lauschte) von den Verbrechern der SS und der unbesudelten Ehre des deutschen Soldaten, der ja nur – In Tobruk? In Paris? In Narvik? Auf Kreta? Auf der Krim? – sein Vaterland verteidigte: der möge bitte dieses Kapitel "Wehrmacht und Krieg – die heiligen Kühe" lesen. Wobei gerechterweise gesagt werden muß, daß Ralph Giordano durchaus unterscheidet zwischen objektiver Schuld und subjektiver Schuld: keineswegs zeichnet er die Karikatur einer ausschließlich brandschatzenden, mordenden, vergewaltigenden Soldateska, keineswegs spricht er jedem einzelnen deutschen Soldaten, Zugführer, Offizier ab, daß er einer Gaukelei aufgesessen sei. Nur: "Von der Ursachenkette her trifft Hitlerdeutschland die Primärverantwortung für jeden militärischen und zivilen Toten des Zweiten Weltkrieges, eingeschlossen die des eigenen Volkes."

Und die Beweiskette, wie tief die deutsche Wehrmacht ins Unrecht, in Untaten, ja in Mord verstrickt war, ist erdrückend. Oder wer, in wessen Verwahrung, war verantwortlich für die 3,3 Millionen (von insgesamt 5,7 Millionen) umgekommener sowjetischer Kriegsgefangener? Wer ist verantwortlich für eine Kriegführung, die sich selber definiert: "Gefangene Reichsdeutsche (einschließlich hinzugetretener Reichsgebiete) und tschechische Staatsangehörige, da auch diese als Angehörige des Deutschen Reichs gelten, sind, soweit es sich um sogenannte Emigranten handelt, nach Feststellung ihrer Personalien zu erschießen. Die Durchführung hat in den Gefangenensammelstellen zu erfolgen." Gezeichnet Generalmajor Brennecke, Stabschef des Armeeoberkommandos 4 beim Einmarsch in Frankreich 1940.

Oder: "Der Krieg ist nur weiterzuführen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr (d. h. 1941/42) aus Rußland ernährt wird. Hierbei werden zweifellos -zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Land geholt wird." Bericht von Generalleutnant Schubert, Chef des Wirtschaftstabes Ost, 2. Mai 1941.

Oder: "Exekutionen von mindestens 50 000 vorgesehen. Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen. Stadtkommandant öf-

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fentliche Hinrichtung von 20 Juden befürwortet." Meldung der Nicht-Wehrmacht-Einsatztruppe C am 24. 9. 1941 nach Berlin.