Pfarrkirchen/Niederbayern

Es riecht nach frischem Mist, nebenan muhen Kühe. Nebel wabert über die schmalen Landstraßen, doch der Saal des Wirtshauses von Waldburgskirchen ist voll. Nicht, weil das Bauerntheater Hebertsfelden hier im tiefsten Niederbayern den Schwank „Der verkaufte Großvater“ aufführt. Der ist erst morgen dran. Heute gibt’s Wahlkampf, Stimmenfang pur. Die handgemalten Plakate an der Linde des Dorfplatzes verheißen Spektakuläres: Bruni Mayer kommt, die Kandidatin der Unabhängigen Wähler. Doch damit ist die 40jährige Bilderbuch-Bayerin nur lückenhaft beschrieben.

„Die Bürokratie“, sagt Frau Bruni, reckt ihren rechten Zeigefinger und blickt grimmig, „die Bürokratie drückt wieder stark durch. Deshalb braucht’s ihr einen starken Landrat, der a bißerl was durchbringt.“ Bürokratie, Landrat, a bißerl was durchbringen – das sind Begriffe, die Bruni Mayer in den nächsten zwei Stunden zwischen Bierdunst, Würstldampf und Tabaksqualm noch häufiger gebrauchen wird. Denn die Bruni, die nach der Wahl am 15. November den Landkreis Rottal-Inn regieren will, setzt die Tradition ihres Mannes Ludwig fort. Dieser, den alle den „Biasch vom Rottal“ (hochdeutsch: Bursch vom Rottal) nennen, mußte nach elf Jahren Landratszeit 1983 abtreten. Erst vor ein paar Wochen wies das Verwaltungsgericht Mayers Einsprüche gegen den unfreiwilligen Abgang endgültig zurück. Jetzt sind Neuwahlen fällig. Und weil der „Biasch“ nicht wieder kandidieren darf, nahm er sich den Rat seiner Freunde zu Herzen: „Jetz’ muaß dei Frau ran.“

An die 35 Veranstaltungen wird sie bis zum Wahltag bestreiten. Sonntagfrüh beim Frühschoppen trinkt sie tapfer aus dem Maßkrug, abends nippt sie am Mineralwasser. Und jedes Mal wird sie, nach kurzer Rede, Dutzende großer und kleiner Sorgen der Bürger kennenlernen. Der Zwangsanschluß an Wasserleitung und Kanalisation bewegt die Leute hier mehr als die Affäre Barschel. Oder: Warum der Staat nichts gegen die Bienenseuche tut, die ganze Völker dahinrafft. Warum Waldburgskirchen ausgerechnet der Gemeinde Tann einverleibt wurde, wo doch die Waldburgkirchener die Leute aus Tann seit Jahrhunderten nicht ausstehen können.

Immer wieder wird Bruni Mayer dann sagen: „A Amt g’hört geführt wie an G’schäft. Die Leut’ im Amt san für die Bürger da, nicht umgekehrt.“ Immer wieder wird sie auch ihren ländlichen Zuhörern bekräftigen: „An vorderster Front werd’ ich kämpfen für die Bauern. Wenn die demonstrieren, marschier ich mit.“

Jedes Mal werden dann die Zuhörer nicken, Beifall klatschen und einen Schluck aus ihrem Bierglas nehmen. Und Bruni Mayer fürchtet sich jedes Mal wieder vor der Rolle der Superfrau. Sie schränkt ein: „Leut’ glaubt’s mir. Ich kann nicht sagen: Mit mir habt’s ihr keine Probleme mehr. Aber ich hoff doch sehr, daß sich die alte Liebe zwischen euch und mir in der Wahlkabine niederschlägt.“

Ginge es nach der Zuhörerzahl bei den Versammlungen – Bruni Mayer müßte längst gewählt sein. Während sich der CSU-Kandidat in dieser schwarzen Hochburg mit einem Dutzend Parteifreunden einsam fühlt, kommen zu Bruni Mayer fast immer mehr als 200 Leute. Wie in Waldburgskirchen.