Von Petra Kipphoff

Mr. Andy Warhol, eine Schlüsselfigur der bildenden Künste der sechziger Jahre, der, paradoxerweise, seinen Ruhm mehr durch das erlangte, was er unterließ, als das, was er tat, starb gestern in New York. Er war, so nimmt man an, 59 Jahre alt."

Der Nachruf auf Andy Warhol in der Londoner Times vom 23. Februar 1987 (nicht auf der Kulturseite, sondern, im Tod sind alle gleich, im Massengrab der "Obituary"-Spalten) hätte dem Verblichenen gut gefallen: Er klang wie eine gepflegte (da englische) Fassung eines stoisch untertemperierten Warhol-Texts. Und er entsprach Andy Warhols banalem Krankenhaus-Tod: Herzversagen nach einer Gallenblasenoperation.

Ganz und gar nicht banal, sondern melodramatisch war der Fast-Tod, den Warhol 1968 erlebte, als die enragierte Feministin Valerie Solanas ein paar Revolverschüsse auf ihn abgab. Man flickte ihn wieder zusammen, und Richard Avedon machte ein Jahr später ein Photo dieses mit Narben und Nähten überzogenen Oberkörpers: "Zeige Deine Wunde", Beuys auf amerikanisch. Ein futuristisches Märchen aber war der Wunsch-Tod, den Warhol in seinem Buch "The Philosophy of Andy Warhol" imaginiert hatte: "... wenn ich sterben muß, möchte ich keine Reste hinterlassen. Und ich möchte kein Überbleibsel sein. Als ich diese Woche ferngesehen habe, sah ich eine Frau, die in eine Strahlenmaschine hineinging und verschwand. Das war wunderbar, weil Materie Energie ist, und sie verschwand einfach. Das könnte eine amerikanische Erfindung sein, die beste amerikanische Erfindung."

Der Tod ist zwar keine amerikanische Erfindung, sondern, wie Paul Celan wußte, ein Meister aus Deutschland, aber manche Todesarten der Moderne scheinen doch eng mit dem "American way of life" verknüpft: der Tod durch den Autounfall, im Elektrischen Stuhl, durch die Explosion der Atombombe, der Tod von eigener Hand des Sex-Idols Marilyn Monroe, die Ermordung von John F. und Robert Kennedy.

Man kennt die Geschichte (und sie ist keine Legende), wie Andy Warhol, der erfolgreiche Werbegraphiker und Schaufensterdekorateur, zum noch erfolgreicheren Künstler wurde. Er hatte sich 1962 mit Comic-Strip-Bildern von Dick Tracy, Popeye und Superman bei der New Yorker Castelli-Galerie vorgestellt. Und Leo Castelli hätte ihn gern aufgenommen, wenn er nicht gerade mit Roy Lichtenstein handelseinig geworden wäre, mit dessen Arbeiten dieses Genre hinreichend bedient schien. "Was soll ich jetzt machen?" fragte Warhol seine Freunde Ivan Karp (er war Castellis junger Mann und eröffnete selber später die O.K. Harris Galerie) und Henry Geldzahler (er war Kurator am Metropolitan Museum und wurde später Kulturdezernent der Stadt New York). Das Ergebnis des heiteren Beruferatens war der Entschluß, den Leuten die von ihnen selbst erschaffenen Sensationen im Super-Abbild zu liefern: Banalitäten wie die "Campbell"-Suppendosen und Kuhköpfe, Fetische wie die Hollywood-Stars und Dollar-Noten, Schreckliches wie die Katastrophen von der ersten Zeitungsseite. Warhol machte sich ans Werk mit Coca-Cola-Flaschen, en gros und en detail, und mit Campbell-Suppendosen: Chicken with rice, Scotch Broth, Cream of Vegetable, Onions und andere Köstlichkeiten. Und im selben Jahr 1962 begann er auch die Arbeit an den Katastrophen-Serien "Car Crash", "Suicide" und "Electric Chairs".

Die Warhol-Ausstellung, die jetzt im Hamburger Kunstverein gezeigt wird, ist die erste nach Warhols Tod, aber sie wurde von Karl-Egon Vester, dem Leiter des Kunstvereins, noch zu Lebzeiten von Warhol konzipiert; das muß deshalb erwähnt werden, weil sonst die Konzentration auf gerade das Thema Tod doch etwas plump pietätvoll aussehen würde. Ein falsche Prämisse, die allerdings unterstützt wird durch den der Ausstellung und dem Katalog unübersehbar bedeutungsvoll vorangestellten Warhol-Satz "Ich erkannte, daß alles, was ich tue, mit dem Tod zusammenhängt." (Worauf man nur mit Warhol antworten kann: "Ich mag langweilige Dinge.")