Wer Amsterdam mit seinen Gauklern, Musikanten, halbseidenen Gestalten und seinem fools-festival kennt, der muß auch Deesje kennenlernen. Deesje, dieses fabelhafte und phantasievolle Mädchen, das aber im entscheidenden Augenblick stillschweigt und damit in vertrackte und absurde Situationen gerät. Aber auch alle anderen, die das schräge Amsterdam nicht kennen, werden ihre helle Freude an der überbordenden Phantasie der Joke van Leeuwen haben.

Dieses Kinderbuch ist wie eine Collage angelegt. Mosaiksteinen vergleichbar, wechseln sich Prosatexte, Verse und schwarz-weiße Zeichnungen auf unterhaltsame Weise ab. Dabei übernehmen die Zeichnungen eine originär narrative Funktion. Die Fülle der in den Zeichnungen verankerten Perspektiven – in Aufsicht, Einsicht, Seitenansicht, Übersicht – macht vergnügtes Schauen möglich. Obwohl die völlig verwickelte Geschichte sich häufig bis ins Surrealistische steigert, hat sie doch einen roten Faden. Einen roten Faden, der Sinn und Spaß macht. Mit der Abreise zur Halbtante beginnt Deesjes Odyssee. Ganz gewöhnliche Orte wie ein Zugabteil, eine Bahnhofshalle, eine Straße wandeln sich in fremde Welten, die von Monstern und verrückten Typen bevölkert sind.

Das Prinzip, nach dem Joke van Leeuwen ihren Handlungsstrang entwickelt, liegt bereits auf den ersten Seiten offen vor uns: Sie setzt ihren Zeichenstift ein, um uns auf der einen Seite in reale Situationen in Form von Bildergeschichten und Einzelbilder einzuführen; auf der anderen Seite läßt sie uns teilnehmen an den aus Angst in Deesjes Kopf phantasierten Bildern, an ihren Sehnsüchten und Beklemmungen. So entfaltet van Leeuwen ganze Szenerien, in denen die mit Grusel- und Comic-Effekten ausgestatteten Figuren wie auf einer Theaterbühne ihren Auftritt haben. Im Gedränge auf dem Bahnhof erkennen wir Napoleon, Erasmus von Rotterdam, François I. und Beethoven – ein schönes Spiel mit Bildzitaten; in der Abteilung „Gefunden und Verloren, Lebendig und Gesund“ sitzen kartoffelnasige, verzweifelt dreinschauende menschliche Wesen, darunter aber auch ein schiefköpfiger Affe und ein dicker Hund mit einem Blick, wie auch Sendak ihn liebt: nur traurig. Am eindrucksvollsten sind die Bilder van Leeuwens, in denen Gefühle wie Einsamkeit, Verlorenheit, Weltentrücktsein den Leser unmittelbar erreichen: eine Bude aus Brettern, errichtet auf einem Hochhausdach, eine Rolltreppe, vollgestopft mit Menschen, eine leere, schmale, von einem Gewölbe überdachte Gasse, die von einer Funzel nur schwach erleuchtet wird.

Für Kinder und Erwachsene interessant ist der Ausflug hinter die Kulissen unseres mächtigsten Mediums: in das Innenleben eines Fernsehstudios. Was uns als Show mit Publikumsbeteiligung vor dem Bildschirm erreicht, wird von van Leeuwen gnadenlos entmystifiziert. Deesje, mitten in einem Schwann von Kindern, der zu einem Aufsatzwettbewerb von einer Fernsehanstalt eingeladen worden ist, hat nicht gesagt, daß sie überhaupt nicht dazugehört. So wird sie mit Kamm und Puder für ihren Auftritt zurechtgemacht und schaut zu, wie die Gäste im Saal in die Hände klatschen müssen, wenn das Wort ’Applaus’ aufleuchtet. Und in dieser Situation, als Deesje vor der laufenden Fernsehkamera steht und ihren gar nicht geschriebenen Aufsatz vorlesen soll, geschieht das Wunderbare: Nun ist sie nicht länger stumm, nun fügt sie aus dem Kopf die skurrilen Ereignisse der letzten Tage zu einer spannenden Geschichte zusammen.

Eine verzwickte Geschichte über ein stilles, phantasiebegabtes, mit Weltall-Kenntnissen glänzendes Mädchen, nach dem spannungserzeugenden Motiv komponiert: kaum gefunden, schon verloren .. Renate Steinchen

Joke van Leeuwen:

„Deesje macht das schon“