Wackersdorf

Aus Wackersdorf gab es ja schon vieles zu berichten, seitdem die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) unter tatkräftigster Mithilfe der bayerischen Staatsregierung nahe der kleinen Oberpfälzer Gemeinde eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage, die WAA, bauen will. Es gab Demonstrationen, bei denen Steine und Tränengasgranaten flogen. Es gibt eine Welle von Prozessen gegen WAA-Gegner, die der Körperverletzung und des Widerstands gegen Polizeibeamte angeklagt werden. Und es gab bisher vor allem die Darstellung der Polizei, daß Gewalt stets von den Demonstranten ausgehe.

Letzteres muß, nun – wenn denn all die Augenzeugenberichte zutreffen sollten – wohl revidiert werden: Von "Knüppelorgien" und "Hetzjagden gegen friedliche Demonstranten" war unlängst auf einem Hearing der bayerischen SPD-Landtagsfraktion die Rede, die Informationen über die Ereignisse sammeln wollte, die sich am 9. und 10. Oktober in der Kreisstadt Schwandorf und am Bauzaun der WAA zugetragen haben.

Für das zweite Oktoberwochenende hatten die Oberpfälzer Bürgerinitiativen und eine Reihe von Umwelt-Organisationen zu Herbstaktionen gegen die WAA aufgerufen. Zufahrtswege zur WAA und Landstraßen wurden kurzzeitig blockiert. Ein Demonstrationszug zum WAA-Gelände war von den Verwaltungsgerichten verboten worden mit der bemerkenswerten Begründung, der Bauzaun erzeuge wegen seiner Symbolfunktion bei Demonstranten eine emotionale Aufwallung.

Es war nun jedenfalls so, daß an jenem 10. Oktober, einem Samstag, an die 25 000 Menschen – trotz des gerichtlichen Verbots – zum Bauzaun zogen und die Polizei sie auch gewähren ließ, von einigen anfänglichen Schlagstockeinsätzen abgesehen. Und dann, irgendwann an diesem Nachmittag, so berichten Augenzeugen, sei es dann geschehen. Schwer gewappnete Polizisten, jeder gerüstet mit Helm und Kinnschützer, Schienbeinschönem und Schulterschutz, seien bei Überfallartigen Angriffen auf friedliche Demonstranten zugestürmt und hätten mit ihren hölzernen Schlagstöcken wahllos drauflos geprügelt.

Beim Hearing der SPD berichtete ein Arzt aus Wiesbaden: Er habe sich zusammen mit einem Arzt des Bundesgrenzschutzes und einem Polizeisanitäter um eine zusammengebrochene Medizinstudentin gekümmert, die offenbar von einem Polizeiknüppel am Kopf getroffen worden sei. Die wie Eishockeyspieler ausgerüsteten Polizisten hätten mehrmals auf Umstehende eingeprügelt, worauf zwei Leute ebenfalls zusammengebrochen seien. Der Polizeiarzt habe mit dem Barett gewunken, um seine schlagenden Kollegen von den Menschen abzuhalten. Ein Sanitäter schilderte, wie ein Verletzter zwei Ärzten entrissen und hinter den Bauzaun gezerrt worden sei.

Eine ältere Frau aus Hirschau wußte zu erzählen, daß sie einen jungen Grenzschutzbeamten gebeten hätte, einem Demonstranten zu helfen, der von den Polizisten gerade zusammengeschlagen worden sei: "Der Polizist hat geweint und gesagt, ‚Was soll ich denn machen?" Während der Anhörung entstand der Eindruck, daß eine ganz bestimmte Polizeieinheit diesen Tag in Wackersdorf offensichtlich dazu genutzt hat, um ihr Mütchen zu kühlen. Jene Polizeigruppe trägt den Namen "Einheit für besondere Lagen und einsatzbezogenes Training (EbLT)" und wurde auf Anfrage des bayerischen Innenministeriums vom Berliner Innensenator nach Wackersdorf geschickt. Dieser Gruppe, die auf blitzschnelle Festnahmen trainiert sein’soll, geht der Ruf voraus, auch an der Eskalation der jüngsten Krawalle in Berlin-Kreuzberg beteiligt gewesen zu sein.