San Sebastian, im Oktober

Sturmwarnung. San Sebastian, der modernen Küstenstadt im spanischen Baskenland, droht ein Tornado. Die grauen, aufgepeitschten Wogen des Atlantiks krachen gegen die meterdicke Kaimauer, Sturzfluten überschwemmen die Uferpromenade.

Im alten Zentrum der Stadt, nur einen kurzen Spaziergang von den letzten der eleganten Strandhotels entfernt, trotzt eine Hundertschaft der „Guardia Civil“ den Windböen. Ungeduldig warten einige Polizisten auf Motorrädern der spanischen Marke „Sangla“. Sie fingern nervös am Gashebel, die Motoren röhren auf. Durch enge gepflasterte Straßen rückt ein Demonstrationszug gegen den Polizeikordon vor. Es sind vielleicht 500 überwiegend jüngere Basken, die Hälfte sind Frauen.

Die Demonstranten unterstützen die ETA, die wohl gefährlichste und ausdauerndste Terrororganisation in Europa. In den letzten zehn Jahren geht die Ermordung von 40 Generälen und hohen Offizieren auf das Konto dieser baskischen Separatisten. Über 500 Politiker und Richter ebenso wie zufällige Passanten wurden von den Kommandos der ETA umgebracht.

Nach begangener Tat flüchteten die Etarras, wie man in Spanien die Kämpfer der ETA nennt, häufig in die benachbarten französischen Baskenprovinzen. Lange Zeit duldeten die Franzosen den Untergrund-Grenzverkehr in ihrer Region Pyrenées Atlantiques. Seit einigen Monaten schicken sie jedoch verdächtige baskische Flüchtlinge wieder über die Pyrenäen nach Spanien zurück. Sie seien im Gefängnis mißhandelt worden, berichteten einige der Ausgewiesenen.

„Paris liefert aus – Madrid foltert“, skandieren die Demonstranten im Zentrum von San Sebastian und stürmen auf die quadratische Plaza de la Constituciön. Die Guardia prescht auf ihren Motorrädern in die Menschenmenge. Vom Beifahrersitz aus feuern Polizisten aus ihren in die Hüfte gestützten Gewehren Gummigeschosse in den auseinanderstiebenden Demonstrationszug. Rasch ist das Zentrum geräumt. Einige Windstöße vertreiben die Tränengasschwaden. Ein Verletzter bleibt auf dem Hauptplatz liegen.

Auch Polizisten kommen zu Fall. In den engen Seitengassen haben „Unbekannte“ – eine Gruppe von Studenten der Universität Bilbao – kaum auszumachende Kunststoffseile quer über die Fahrbahn gespannt. „Gummibarrikaden“ nennen sie diese Motorradfallen. Immer wieder verheddern sich die Fahrer der motorisierten Polizeischwadrons und stürzen. „Wir schauen von der Bar aus zu“, erzählen die Studenten.

Proteste dieser Art ereigneten sich in Euskadi, dem spanischen Baskenland, im vergangenen Monat fast täglich. Die Sicherheitsbehörden von Frankreich und Spanien hatten in koordinierten Aktionen zweihundert Verdächtige festgenommen; erstmals war in den Medien von der „Zerschlagung“ der ETA die Rede, die unter ihrem programmatischen Namen „Euskadi ta Askatasuna“ (Baskenland und Freiheit) dem alten Pyrenäenvolk einen unabhängigen, linksrevolutionären Staat erkämpfen will.

Häufige Polizeipatrouillen und Hausdurchsuchungen, Überwachung von Telephon und Post verschärften im Herbst das Klima. Spannung und Angst herrschte im Baskenland. Im Sommer hatte die ETA in Barcelona ein grausames Blutbad angerichtet, im Baskenland wurden Polizisten ermordet. Nun schlugen die spanischen Behörden mit ganzer Kraft zurück.

Die noch junge demokratische Regierung in Madrid will sich Nachgeben und Schwäche nicht leisten. Schon beginnen Extremisten anderer Volksgruppen in Spanien zu rebellieren und zu den Waffen zu greifen. Hinter einem Anschlag auf das amerikanische Konsulat in Barcelona wird die katalanische Seperatistenorganisation „Terra Lliure“ (Freies Land) vermutet. Auch in Andalusien und Galicien wünschen sich viele mehr Freiheit von der Zentralregierung.

Die Strategie der ETA zielt darauf, immer stärkere Repression gegen die gesamte baskische Bevölkerung zu provozieren; dann, so hoffen die ETA-Ideologen, wie dies Anfang der siebziger Jahre auch die Köpfe der RAF taten, ließe sich ein Volksaufstand entfachen. Das spanische Militär könnte hingegen eine Verschärfung des Konflikts als Schwäche der Demokratie auslegen und – wie es bereits 1981 einige Offiziere versucht hatten – dadurch den Griff nach der Macht rechtfertigen. Die Regierung in Madrid bemüht sich zwar gemeinsam mit gemäßigten Basken, das im Jahr 1979 gewährte Autonomiestatut in den unruhigen Provinzen zu erweitern und damit die Bevölkerung von militanten Separatisten fernzuhalten. Doch überzeugte baskische Nationalisten sind rationalen Argumenten und vorsichtigen Reformen nur schwer zugänglich. Für sie gilt nach wie vor, was Sabino Arana, der Begründer einer teilweise rassistischen Basken-Ideologie, zu Beginn des Jahrhunderts in einer seiner Brandreden proklamiert hatte: „Uns interessiert wenig, ob Spanien groß oder klein ist, ob reich oder arm, ob stark oder schwach. Spanien hat unser Vaterland versklavt, und das reicht uns, um Spanien aus ganzer Seele zu hassen.“

Nirgendwo überdauerte die Idee vom „befreiten Baskenland“ Monarchie, Republik, Diktatur und Demokratie ungebrochener als in Mondragon, einer kleinen Provinzstadt, 60 Kilometer von San Sebastian entfernt im Landesinneren gelegen. Hier wurde im Februar Txomin Iturbe, die Nummer eins der ETA, zu Grabe getragen. Der 42jährige Etarra war bei einem Autounfall im algerischen Exil ums Leben gekommen und die spanischen Behörden hatten seinen letzten Wunsch nach einem feierlichen Begräbnis in seinem Heimatort gewährt.

Aus ganz Spanien reisten 45 000 Trauergäste an. Die letzte Ehrung wurde zur größten Sympathiekundgebung für die ETA, die Spanien jemals erlebte.

Noch zu Jahresbeginn hatte die ETA als erschöpft und von der Bevölkerung isoliert gegolten. Doch das Begräbnis des charismatischen ETA-Kommandanten schürte neuerlich alten Haß und alte Leidenschaft.

Unter den Symbolen von Axt und Schlange, den Wappenzeichen der ETA, versammelten sich die Zehntausende auf dem Hauptplatz von Mondragón. Fünf Priester zelebrierten ein Requiem. Den ganzen Tag hindurch defilierten die Trauergäste an dem aufgebahrten Sarg vorbei: Bergbauern und Punks, Etarras mit vermummten Gesichtern und alte Nationalisten im schwarzen Sonntagsanzug. Manche schlugen ein Kreuzzeichen, andere erhoben die geballte Faust. Einige tausend Polizisten beobachteten argwöhnisch das Geschehen – aus sicherer Entfernung.

Gebete wurden gesprochen. Die Hymne der ETA, in der die Basken geloben, ihr Blut dem Vaterland zu opfern, erklang. Alte Tänze folgten. Lange dröhnte die Txalaparta, ein Schlagholz, dem mit zwei Trommelstöcken schnelle Rhythmen entlockt werden. Früher verständigten sich die Basken untereinander in den Bergen mit Hilfe dieses Instruments. Sie benutzten dabei einen geheimen Code, ähnlich den Buschtrommlern in Afrika.

Txomins Überreste wurden in einer Nische des Bergfriedhofs beigesetzt. Unten im Tal liegt Mondragón; Txomins Geburtshaus ist deutlich zu sehen. In dem alten, von Pinien umstandenen Gehöft leben seine Eltern noch immer mit Kindern und Enkeln. Seine Witwe ist mit ihren beiden Söhnen aus dem Exil in Frankreich zurückgekehrt. Sie arbeitet nun in einer Papierfabrik.

Im Eßzimmer des Bauernhauses hängt ein großes Schwarzweißphoto im Silberrahmen, eine der letzten Aufnahmen von Txomin in Algerien. Es zeigt einen 1,85 Meter großen Mann mit kantigem Kinn unter dem dichten Schnauzbart. Er trägt Jeans, Sportschuhe und ein Polohemd mit Krokodil. Sein Blick ist direkt.

In Mondragon halten die alten Leute nach dem Mittagessen Siesta. Männer mit krummen Rücken, die schwarze Mütze auf dem Kopf, die Hände über dem Gehstock gefaltet, ruhen in Strohstühlen in den schattigen Gassen und diskutieren die Tagespolitik. „Madrid scheißt sich auf uns aus“, läßt sich einer vernehmen. „Gestern haben sie das Haus von Guerra durchsucht und ihn dann mitgenommen. Das war unsere Polizei, die Ertzaintza.“ – „Ein Baske erhebt sich gegen den anderen – wie widerlich.“

Kepa Ormaetxea folgt dem Dialog amüsiert. Er war der lebenslange Freund und Schwager von Txomin Iturbe. Seit Tagen ist er nicht mehr dazu gekommen, sich zu rasieren. Er bleibt nirgendwo lange; vielleicht wird auch nach ihm gesucht.

Der 37jährige Kepa war schon sechsmal in Haft. „Sie haben mich gefoltert“, erklärt er. „Ich sollte zugeben, daß ich der Kurier zwischen Txomin in Algier und der Organisation im Landesinneren war. Sie rissen mir den Bart aus und quetschten meine Hoden. Sie ließen mich tagelang nicht schlafen und steckten mich in eine Wanne voll Scheiße. Und dauernd fragten sie mich nach Waffenverstecken.“

Kepa vertritt eine mit der ETA diskret verbundene politische Partei, Herri Batasuna, in dem örtlichen Gemeinderat, obwohl sein Vater, ein alter baskischer Nationalist, sehr dagegen war. „Meine Mutter ist da ganz anders. Als die Guardia Civil ins Haus kam, um mich zu holen, schrie sie die Polizisten an: ‚Was sucht ihr denn? Menschen? Oder Waffen? Oder was?“

Mondragon ist klein. Jeder kennt jeden und jedermanns Geschichte. Für die hier stationierten spanischen Polizisten ist das Leben kaum erträglich. Über der Hauptstraße ist ein Transparent gespannt, auf dem die Spanier als „Besatzungstruppe“ geschmäht werden. Gleich darunter bewacht ein Guardia die Sparkasse. Ihm müssen alle vorübergehenden Basken verdächtig erscheinen. Die Spirale des Hasses wächst und zerstört die Hoffnung auf Verhandlung und Dialog.

Kurz vor Txomins Tod gab es plötzlich eine Chance für eine friedliche Lösung des Konflikts. In seinem Exil, wo der ETA-Führer als politischer Flüchtling die Sympathien der algerischen Regierung genoß, war Txomin dreimal mit dem spanischen Unterhändler Julian Sancristóbal zusammengetroffen. Anschließend wurde in spanischen Zeitungen behauptet, der ETA-Chef habe die einstellung des Kampfes und die „Wiedereingliederung“ der Etarras in die zivile Gesellschaft für möglich gehalten.

In Mondragon sind nur noch wenige Kampfgefährten von Txomin übrig; doch alle, die ihm nahegestanden haben, tun diese Meldung als Regierungspropaganda ab. „Txomin hätte einer bedingungslosen Waffenniederlegung niemals zugestimmt.“

„In der Theorie wollen alle verhandeln“, sagt Christianne Fando, Anwältin und Vertraute von Txomin Iturbe in dessen letzten Lebensjahren. „Aber zum Verhandeln braucht man eine Vollmacht. Weder Sancristóbal noch Txomin hatten sie.“

Bisher schworen 93 Etarras dem bewaffneten Kampf ab und nahmen das Regierungsangebot auf „Wiedereingliederung“ an. Diese Form der Amnestie steht allen verurteilten ETA-Mitgliedern offen, die nicht direkt in Blutverbrechen verwickelt sind. Obwohl das auf viele der 550 in Spanien inhaftierten Etarras zuträfe, lehnten die meisten ab.

Maria Dolores Gonzalez, früher Mitglied des ETA-Zentralkomitees, nahm das Angebot im September vorigen Jahres an. Die 33jährige Frau wollte ihrem kleinen Kind zuliebe den Kampf aufgeben. Einige Wochen danach wurde die prominente Aussteigerin in einer Straße Madrids von einer MG-Salve niedergemäht. „Für die ETA ist die ,Wiedereingliederung‘ Verrat“, heißt es in Mondragón. „Wie kann man ein System akzeptieren, das man immer bekämpft hat? Wie kann man hinnehmen, daß die nicht Aufgabewilligen dann noch schärfer verfolgt werden?“

Die Ideologie der ETA hat sich in jahrzehntelangem Kampf verhärtet. Die Organisation wurde 1959 von Studenten der Universität Bilbao gegründet, in der größten Industrie- und Hafenstadt des Baskenlandes. Die ersten Etarras spalteten sich von der damals noch verboteten „Nationalistischen Baskenpartei“ (PNV) ab, weil ihnen die Politiker im Kampf gegen den Diktator Franco nicht entschlossen genug erschienen. Inzwischen hat sich die ETA neunmal gespalten. Spannungen ergaben sich immer wieder aus dem Konflikt zwischen nationalistischen und sozialistischen Zielen der Organisation – und vor allem aus der Diskussion darüber, wie und wann Gewalt ausgeübt werden dürfe. Heute betrachtet sich die ETA-Führung als revolutionär-marxistisch. Ihr politischer Standort ist irgendwo zwischen der IRA Nordirlands und der albanischen KP angesiedelt. Gleichzeitig dient die ETA auch militanten Katholiken und rechten Nationalisten als Dachorganisation: der Haß gegen Spanien und der Traum vom unabhängigen Staat „Euskadi“ hält alle zusammen.

Auf spanischer Seite besteht dieses „Baskenland“ aus den Provinzen Guipuzooa, Vizcaya, Alava und Navarra (siehe Karte auf Seite 14). Im nordöstlichen Winkel Spaniens an die Pyrenäen gedrückt, ist es mit 17 690 Quadratkilometern etwas größer als Schleswig-Holstein. Von den 2,5 Millionen Einwohnern kam etwa die Hälfte aus ärmeren Gegenden Spaniens in die früher blühende Industrieregion. Das autonome Baskengebiet (ohne Navarra) wird von der Stadt Vitoria aus verwaltet. Auf französischer Seite kommen noch drei weitere baskische Provinzen (Labourde, Basse Navarre und Soule) mit zusammen 216 000 Einwohnern hinzu. Bewaffnete Separatisten machten sich dort erst in jüngster Zeit bemerkbar.

Reformen und Autonomie konnten die Unruheprovinzen ebensowenig befrieden, wie der Terror der faschistischen Diktatur. Weder konnten Hinrichtungen mit der Garotte (Erdrosselung durch ein Halseisen) den Traum von Euskadi ersticken, noch ließen sich die Revolutionäre von der Amnestie verführen. Nun versuchen es die spanischen Behörden neuerlich mit Härte.

Mitglieder der jeweils sieben bis acht Mann zählenden ETA-Kommandos von Madrid, Barcelona und „Donostia“ (der baskische Name von San Sebastian) wurden aufgespürt. Einige gerieten in Haft, andere wurden – gelegentlich auch per Genickschuß – auf der Flucht erschossen. Das möglicherweise letzte Gefecht begann am 30. September, in Iparralde, dem französischen Teil der baskischen Heimat. Santiago Arrödspide Sarasola genannt Sand Potros (Jakob das Pferd) logierte in einem Landhaus außerhalb von Bayonne – hier hielt sich die Nummer zwei in der ETA-Hierarchie versteckt. Morgens um sieben wurde er durch Megaphonkommandos der Polizei geweckt. Etwa 200 Mann der französischen Antiterrortruppe waren angerückt. Zwei weiteren Etarras, die sich ebenfalls in dem Haus aufgehalten hatten, gelang durch einen Hinterausgang die Flucht. Sand Potros wurde geschnappt. Die Beamten fanden zudem einen schweren Reisekoffer, der mit geheimen Dokumenten der ETA prall gefüllt war. Menge und Qualität dieses Materials machten Verhöre fast nebensächlich. Dennoch schickte das spanische Innenministerium sofort zwei auf die ETA spezialisierte Beamte los.

Ein französischer Polizeisprecher kommentierte den Fang triumphierend: „Die Verhaftung Sand Potros’ war für uns kein Problem. Die ETA agiert in Frankreich ja schon seit zwanzig Jahren, aber wir hatten sie immer unter Kontrolle.“ Baskische Menschenrechtsorganisationen reagierten auf die Polizeiaktion dagegen mit Protest: Das Photo von der Festnahme der Ehefrau des ETA-Anführers, die, weinend und verstört, die einjährigen Zwillinge im Arm, in ein Polizeiauto gestoßen wird, erschien in allen Tageszeitungen Spaniens.

Die beschlagnahmten ETA-Dokumente wurden per Spezialboten nach Madrid geschickt, sie enthielten die Namen von 80 ETA-Kämpfern, von 600 Unterstützern in Spanien und von 150 französischen Mitarbeitern. Außerdem fanden sich noch 80 Millionen Pesetas an Bargeld (1,2 Millionen Mark), elektronische Bauteile und Sprengstoff. Dutzende Briefe von regionalen ETA-Chefs an den Einsatzleiter entblößten Struktur und den Modus operandi der Organisation: „Ich werde jetzt ein bißchen über die Arbeit reden“, heißt es in einem dieser Schreiben. „Ich war in Andoain und habe dort die Informationen über zwei Txakurras (spanische Polizisten im ETA-Jargon, D. Z.) nachgeprüft. Ich wollte Dir den Bericht schon vorige Woche schicken, doch sie sind auf Urlaub gefahren. Wir glauben aber, daß sie wieder zurückkommen werden. Ich habe beschlossen, das Attentat in ihrer Unterkunft durchzuführen. Wir werden ihnen sechs Gurken hineinlegen.“

Einige der entdeckten Unterlagen berichten von technischen Weiterentwicklungen des Terrors. Die ETA-Kommandos operieren vorzugsweise mit überdimensionierten Sprengstoffladungen; selbstmörderisch agieren sie so gut wie nie. Nun scheinen sie ein für sie selbst ungefährliches System entwickelt zu haben: die ferngesteuerte Autobombe.

Anhand der Listen aus dem Landhaus überprüfte die spanische Polizei 120 Adressen und verhaftete 97 Personen, darunter auch einen Beamten der autonomen baskischen Polizei Ertzaintza, der mit der ETA kollaboriert haben soll. In Frankreich wurden 15 Personen unverzüglich nach Algerien und Venezuela abgeschoben; andere warten noch auf ihre Gerichtsverfahren. Frankreich wendet die umstrittene Methode der Deportation schon seit Jahren an, um enttarnte Etarras loszuwerden. Sie landen üblicherweise auf Kuba, in Panama oder Ecuador, in Algerien oder in den westafrikanischen Republiken Kap Verde und Togo. Mit der Zerstreuung in fast alle Welt soll der organisatorische Zusammenhalt erschwert werden. Kuba und Algerien geben den Etarras politisches Asyl, in den übrigen Aufnahmeländern werden sie wie Verbrecher behandelt, oft verhört, und bekommen keine Reisedokumente.

In den vergangenen Wochen warteten an den spanisch-französischen Grenzübergängen Tag und Nacht Angehörige auf baskische Flüchtlinge, die von den französischen Behörden zurückgeschickt worden waren. Gegen manche von ihnen liegt in Spanien nichts vor. In Frankreich hatten sie jedoch Arbeit und Existenz verloren. Einige der durch die Potros-Dokumente kompromittierte Basken gingen den Behörden allerdings durch das Netz. Das Licht brannte noch, die Lebensmittelvorräte waren frisch, doch die Wohnungen standen leer. Jemand hatte sie gewarnt; andere Basken waren offensichtlich bereit, sie zu verstecken.

Früher war das die Hauptaufgabe der Geheimorganisation „Iparretarrak“ („Die aus dem Norden“). Französische Basken versteckten spanische Etarras nicht nur vor den Polizeibehörden Frankreichs, sondern auch vor einer in den letzten Jahren immer aktiveren Femeorganisation, die sich „Grupos Antiterroristas de Liberaciön“ (GAL) nennt, der auch Verbindungen zum spanischen Heer nachgesagt werden. Sie ist ein europäisches Gegenstück zu den zentralamerikanischen „Todesschwadronen“. 26 Exil-Basken soll die GAL umgebracht haben. Die Iparretarrak bot dagegen ihren Wahlspruch auf: „Ein Flüchtling – ein Dach.“

Vor gar nicht so langer Zeit, noch in den siebziger Jahren, sahen viele Spanier in den Etarras Helden. Nach der Ermordung von Vizeadmiral Carrero Blanco, dem Regierungschef von Diktator Franco, kam 1973 nicht nur im Baskenland, sondern in ganz Spanien klammheimliche Freude auf. Zu dieser Zeit konnte die ETA mit Sympathiebezeugungen aus ganz Europa rechnen. Fünfzehn Regierungen zogen vorübergehend ihre Botschafter ab, als im berüchtigten Prozeß von Burgos zwei Etarras zum Tode und einige weitere zu langen Kerkerstrafen verurteilt wurden. Papst Paul VI. bat mehrmals vergeblich, ihr Leben zu schonen. Tausende Spanier demonstrierten auf der Straße für den baskischen Widerstand.

Nun wird nach Attentaten der ETA in Spanien die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert, die nach dem Tod Francos abgeschafft worden war. Die meisten Bürger halten die Etarras für gefährliche Verrückte. Dem Volk der Basken wurde 1979 in einem Teil ihres Siedlungsgebietes (mit Ausnahme der Provinz Navarra) Autonomie zugestanden. Die Spanier haben nunmehr kein Verständnis für die Andauer des baskischen Terrors. Der ETA gehe es offensichtlich um die Zerstörung des demokratischen Systems.

Im Baskenland spricht die Ablehnung des militanten Separatismus allerdings kaum jemand offen aus. Dort wird die ETA vom linken Parteienbündnis „Herri Batasuna“ („Volkseinheit“) recht deutlich unterstützt. Bei den letzten Wahlen im Juni kam diese Gruppierung auf 17 Prozent der Wählerstimmen. Außerdem sind auch Teile der katholischen Kirche, die sich im Baskenland seit jeher national gibt, zur Verteidigung der ETA bereit.

José Manuel Balenziaga bezeichnet sich selbst als „ganz gewöhnlichen Priester“. Im grauen Anzug steht er im Pfarrsaal von Corazon de Maria, einem Seelsorgesprengel von San Sebastian. Ein internationales Treffen christlicher Basisgemeinden wird vorbereitet. Schaubilder sind aufzuhängen, Informationsmappen auf den Tischen auszulegen. An der Wand hängt eine große Landkarte von Euskadi. „Die Amtskirche hat das Autonomiestatut anerkannt“, bedauert Balenziaga, „doch der Rechtsanspruch des baskischen Volkes blieb unerfüllt. Unser Volk bleibt zweifach geteilt: zwischen Frankreich und Spanien, und hier noch zwischen Navarra und den restlichen drei Provinzen.“

Zwei Priester bedrängen Balenziaga mit organisatorischen Fragen, während er mit seinen Bauernhänden in den Tagungsunterlagen blättert. Dann fährt er fort: „Die Amtskirche hat die gleiche Position wie die Regierung: sie meint, daß die ETA Terror ausübt.“ Für ihn und seinesgleichen gehe dagegen „die Gewalt im Baskenland von den Institutionen aus. Es ist ein Kampf des Staates gegen das Volk. Die Aktivität der ETA ist nicht Terrorismus, sondern Gegengewalt.“

Im Pfarrsaal der Herz-Marien-Kirche beginnt der Basiskongreß, ein Treffen von Christen, die sich an der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiung“ orientieren. An die hundert Teilnehmer sind gekommen. Das Bild bestimmen baskische Priesterseminaristen und Hausfrauen, ältere Männer, Akademiker und Arbeiter. Die Eröffnungssitzung klingt schon nach einer Stunde in der baskischen Hymne aus.

Padre Balenziaga macht sich in seinem alten Kombi nach Guernica auf. Achtzig Straßenkilometer westwärts, zuerst entlang der Atlantikküste und dann längst der Neva landeinwärts, eines Flusses, der täglich die Farbe ändert, je nachdem, welche Abwässer die Fabriken gerade in das Flußbett einleiten.

Für die Basken ist Guernica das Symbol ihrer Unabhängigkeit. Lange bevor Hitlers Legion Condor während des Spanischen Bürgerkrieges die Stadt bombardierte, lange bevor Picassos Bild „Guernica“ die Opfer dieses Massakers unsterblich machte. In Guernica erneuerten die spanischen Könige unter einer mächtigen heiligen Eiche durch die Jahrhunderte den Schwur, die Sonderrechte der Basken zu respektieren.

An diese Symbolik erinnernd, unterzeichnete hier die junge demokratische Regierung Spaniens 1979 mit den Parteien der Basken – Herri Batasuna ausgenommen – das Autonomiestatut. In Madrid hielt man dieses „Statut von Guernica“ für großzügig: Die Zentralregierung gestattet den Basken, ein Parlament und eine autonome Regierung zu wählen. Euskera, die Sprache der Basken, wurde dem Spanischen als Amtssprache gleichgestellt Die autonomen Organe haben die Kompetenz für das Gesundheitswesen und die regionale Wirtschaft, für Bau- und Transportwesen, Hafenverwaltung und Umweltschutz. In den Bereichen Justiz und Sicherheit haben die Zentralstellen in Madrid weiterhin das letzte Wort. Das Baskenland erhielt zudem zwei eigene Fernsehkanäle; einer strahlt Programme in spanischer Sprache, der andere in Euskera aus.

Die autonome Regierung in der Stadt Vitoria wird von einer Koalition zwischen der „Nationalistischen Baskenpartei“ (PNV) und den Sozialisten gebildet. Das Spannungsverhältnis zwischen den verwurzelten Nationalisten und dem regionalen Ableger der sozialdemokratischen Regierungspartei in Madrid führt häufig zu Konflikten. Einig sind sich die Regierenden nur, wenn es gegen jene Basken geht, die das Autonomiestatut ablehnen. Sie gelten als „Ultranationalisten und Fundamentalisten“.

Die Realität gibt Kritikern, die behaupten, das Autonomiestatut habe wenig verändert, in vielem recht. Während Spaniens Wirtschaft seit dem EG-Beitritt einen Boom erlebt, investiert kaum noch jemand im unruhigen Baskenland mit seiner alten, einst so attraktiven Schwerindustrie. Die Arbeitslosenrate ist mit 23 Prozent eine der höchsten Europas; 400 000 Basken sind offiziell ohne Job. Juan Antonio Maturana, ein führender Funktionär der baskischen Sozialisten, sieht darin „den idealen Nährboden für die ETA und für Herri Batsuna. In dieser Partei agieren Arbeitslose und Marxisten-Leninisten zusammen mit rechten Nationalisten und jungen Umweltschützern. Aus diesem Grund hat Herri Batasuna noch nie einen Kongreß abgehalten – dieses brisante ideologische Gebräu würde die Partei in tausend Stücke reißen“.

Die geringe Chance, einen regulären Arbeitsplatz zu finden, drängt viele Jugendliche in die Schattenwirtschaft. Die beiden Söhne einer Regierungsangestellten, 20 und 21 Jahre alt, sammeln beispielsweise frühmorgens am Strand Muscheln und andere Meerestiere, um sie einem Luxusrestaurant in San Sebastian zu verkaufen. Die Mutter, die sich Miren Exeverria nennt, verdient im Monat 120 000 Pesetas (1850 Mark). Ihr Arbeitsvertrag in einer Regierungsbehörde muß alle drei Monate erneuert werden – eine Quelle ständig wiederkehrender Angst.

Miren ist eine Frau um die 40, die ihre Sorgenfalten mit viel Rouge, doch ohne großen Erfolg überdeckt. Sie hat mit einem Etarra zusammengelebt, mit einem von jenen, die beim berüchtigten Prozeß von Burgos verurteilt worden waren. „Er war einer der Aktivsten, einer aus der Anfangszeit der ETA, die sich 1968 wie wiedergeboren fühlten“, erzählt sie. „Die Revolutionen von Algerien und Kuba hatten sie beeinflußt. Vietnam, die Dritte Welt, das waren jetzt ihre Themen.“ Sechs Jahre lebte sie mit ihm. Ihre Zuneigung verwandelte sich in Ablehnung. „Er konnte das Leben nicht mehr bewältigen. Sie hatten ihn derart gefoltert, daß er sein inneres Gleichgewicht verlor. Er trank und trank bis zum Umfallen.“ Nun vegetiere er in einem Heim für Alkoholiker dahin, ohne Hoffnung, lebend herauszukommen.

Mirens Söhne nehmen an den Straßendemonstrationen in San Sebastian teil, sie selbst rechnet täglich mit einer Hausdurchsuchung. Auf die Frage, wieso die Ex-Freundin eines ETA-Kämpfers überhaupt von der Regierung angestellt werde, lächelt sie. Wenn die Behörden den Stammbaum jedes einzelnen Basken genau prüften, dann stünden bald alle auf der Straße. „Jeder hat einen Verwandten, einen Bekannten oder einen Nachbarn, der in der ETA war oder es einmal sein wird.“

Nach den Angaben der Polizei hat die ETA höchstens 1000 aktive Mitglieder. Nach eigenen Aussagen befindet sich die Organisation in einem „Prozeß ständiger Erneuerung: wenn zehn im Kampf fallen, treten zwanzig neue ein“. Ein Sprecher der autonomen Regierung meint hingegegen, daß es „keine neuen Mitglieder“ gibt: „Die ETA ist das Phänomen einer Generation und wird mit ihr verschwinden.“

Miren Exeverria unterhält sich mit ihren Söhnen nur in Euskera. Gesprochen klingt die mit vielen R, X und Z verwirrend geschriebene Sprache durchaus melodisch. In ihrer Familie wurde die Baskensprache immer gesprochen, selbst in der Franco-Zeit, als sie völlig verboten war und es weder eine Illustrierte, noch eine Zeitung, noch sonst irgendwas Bedrucktes auf baskisch gab.

Die erzwungene Hispanisierung erreichte, daß nun eine ganze Generation von Basken ihre Sprache kaum schreiben kann; im täglichen Umgang behielten rund 35 Prozent von ihnen Euskera dennoch bei. Die Sprache war in viele Dialekte und Subdialekte zerfallen. Nun hat die autonome Regierung die als besonders rein geltende Sprechweise in der Stadt San Juan de la Luz im französischen Baskenland als Hochsprache normiert.

Die Regierung organisiert Schreibkurse für ihre Bürger; in allen Stellenausschreibungen wird Zweisprachigkeit verlangt. Die Spanier würden die Baskensprache für primitiv und häßlich halten, meint Miren Exeverria. „Dabei haben wir die älteste Sprache Europas. Sie ist einzigartig und mit keiner anderen verwandt.“ Forscher stellten freilich Ähnlichkeiten mit der Sprache der Georgier im Kaukasus fest. Es stimmt aber, daß sich ihr Ursprung – wie auch jener des baskischen Volkes – irgendwo in der Vorgeschichte der Steinzeit verliert.

In der verwinkelten Altstadt von San Sebastian schmücken Graffiti in Euskera viele Mauern. An allen Ecken haben Buchhandlungen mit baskischer Literatur geöffnet; Restaurants bieten lokale Spezialitäten an: „Euskald’un“, alles Baskische, steht hoch im Kurs.

Seit Jahren verständigen sich auch die Kämpfer der ETA nur in Euskera. Der Polizei war es daher bislang unmöglich, die geheime Organisation zu infiltrieren.

Ein Etarra muß aber keineswegs „seit zehn Generationen im Lande sein“, wie das die traditionellen Nationalisten von einem echten Basken verlangen. Die ETA nimmt auch Einwanderer auf. Von den 2,5 Millionen Bewohnern des spanischen Baskenlandes (einschließlich Navarra) ist etwa die Hälfte erst unter Franco aus ärmeren Gegenden Spaniens zugewandert. Die Fabriken der damals blühenden Metallindustrie und die Werften stellten die Spanier bevorzugt ein. Bilbao, nun rauchig und schwarz wie ein ausgebrannter Ofen, ist noch immer die am meisten hispanisierte Stadt des Baskenlandes.

Die Presse hat sich dieser Situation angepaßt. Artikel erscheinen in beiden Landessprachen. Auch die Tageszeitung Egin, die den radikalen Nationalisten nahesteht. Ihre Redaktion befindet sich in Hernani, einem Industrievorort von San Sebastian. Das Verlagsgebäude steht zwischen qualmenden Papierfabriken im stinkenden, bitter schmeckenden Smog. Der Eingang wird scharf bewacht. Hier fürchtet man nicht die ETA, sondern Angriffe rechter Mordkommandos. Vor zwei Jahren wurde der Egin-Korrespondent im französischen Baskenland von einem Todesschwadron der „Grupos Antiterroristas de Liberaciön“ ermordet. „Das sind spanische Polizisten in Zivil, die mit früheren Söldnern der OAS aus Frankreichs Algerienkrieg zusammenarbeiten“, glaubt Ramon Uranga, ein Gründungsmitglied der Zeitung Egin. Italienische Rechtsextremisten von der Loge „Propaganda due, P2“ gaben vor einem Untersuchungsrichter in Bologna außerdem an, noch bis 1980 im Auftrag spanischer Sicherheitsdienste an dem Auslöschungsfeldzug gegen die ETA beteiligt gewesen zu sein.

Die Regierung in Madrid bestreitet jede Verbindung zur GAL und kündigte mehrfach an, gemeinsam mit den französischen Behörden die Gruppe zu bekämpfen. Seit dem Amtsantritt der Regierung Jacques Chirac haben die Aktivitäten der GAL tatsächlich ziemlich aufgehört. „Aber der politische Preis war sehr hoch“, meint Uranga, „Frankreich hörte auf, spanischen Basken Asyl zu gewähren und begann mit den Ausweisungen. Auch das ist eine Methode, um die ETA zu zerstören.“

In Egin wirken manche Berichte über Attentate der ETA wie Siegesmeldungen. Im Baskenland existieren eine ganze Reihe von legalen und halblegalen Institutionen, die ihre Sympathien unverhohlen offen deklarieren. In der Öffentlichkeit engagiert sich eine Organisation der „Mütter von baskischen Gefangenen und Exilierten“ besonders stark. Ähnlich jener Müttervereinigungen, die südamerikanische Diktatoren bei Protestmärschen nach dem Schicksal ihrer verschleppten Kinder fragen, ketten sich die ETA-Mütter vor dem Justizpalast in Madrid an, tragen bei Demonstrationen die Photos ihrer eingekerkerten Söhne mit sich und protestieren gegen die Zustände in den Gefängnissen.

Sprecher in der Gruppe ist die 65jährige Josefa Arregui, deren 42jähriger Sohn Jesus Maria Zabarte im Gefängnis von Almerias sitzt. „Das liegt in Andalusien“, sagt sie, „in der spanischen Wüste, auf dem halben Weg nach Afrika.“ Alle zwei Wochen fährt sie mit der Bahn über tausend Kilometer, um ihn zu besuchen. „Ich darf ihn dann zehn Minuten lang sehen – durch eine Glasscheibe und ständig überwacht.“ Die Verlegung der ETA-Häftlinge in weit entfernte Landesteile soll, wie die Deportation, die Struktur der Organisation zerschlagen. Josefa Arragui, eine wohlfrisierte Dame im Schneiderkostüm, empfindet die Maßnahme dagegen als böswillige Schikane der Spanier.

Auf den Einwand, die Etarras seien wegen Terrorakten, auch gegen Zivilisten, in Haft, gerät die bis dahin gefaßt wirkende Frau in Zorn. „Ihre Foltern darf man nicht anklagen“, hält sie der Staatsmacht vor, „ihren Terror darf man nicht so nennen.“

Und was ist mit den letzten Anschlägen der ETA, etwa mit der Bombe im Supermarkt „Hipercor“ in Barcelona, bei deren Detonation 21 Menschen getötet wurden? „Wenn ein Guardia stirbt, dann bedauert das hier in Euskadi niemand“, gibt Señora Arregui zur Antwort. „Aber wenn ein Unschuldiger draufgeht, dann stellen wir alle das Verhalten der ETA in Frage. In diesem Sinn war es ein enormer Fehler, im Supermarkt eine Bombe zu legen. Die ETA hatte angenommen, man werde den Markt rechtzeitig räumen sehen Gefängnissen. Die Amnestie der demokratischen Regierung war 1977 als „Befreiungsmaßnahme“ für das ganze Land gedacht: Zwischen 1974 und 1977 hatten die Spanier in 16 Generalstreiks und in Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern immer wieder diese Amnestie verlangt.

Die Mutter von Jesus Maria Zabarte nimmt auch seither an allen Manifestationen teil, bei denen die Basken nun freilich unter sich sind. „Wir zeigen, daß die ETA ihre Wurzeln im Volk hat, daß sie noch nicht vernichtet ist. Wenn es Franco nicht gelungen ist, die ETA militärisch zu zerstören, dann wird das Felipe Gonzalez noch viel weniger gelingen.“

Während der zwei Stunden, in denen Josefa Arregui die ETA verteidigt, hört ein Jugendfreund ihres Sohnes stumm zu. Er ist erst vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Plötzlich schaltet er sich ein: „Die ETA ist wie Gott – sie ist überall.“

Wenn es um die soziale Basis der ETA geht, dann wird im Baskenland immer wieder auf die Popularität der Sammelpartei Herri Batasuna („Volkseinheit“) verwiesen, die zuletzt 250 000 Stimmen (17 Prozent) bekam. In San Sebastian ist sie nach den Nationalisten schon die zweitstärkste Kraft.

In den Parteilokalen von Herri Batasuna an den Peripherien von Bilbao, San Sebastian und Vitoria herrscht starker Betrieb. Sie sind als „gastronomische Gesellschaften“ organisiert, einem Beispiel für die genossenschaftliche Tradition der Basken. In den Räumen der Gesellschaft gibt es ein Restaurant, eine Druckerei, das Farblager der Wandmaler und die Büros der politischen Organisation. Zu Mittag wird den Arbeitern der Umgebung ein Essen für 500 Pesetas (acht Mark) angeboten. Am Abend kann jedes Mitglied der „gastronomischen Gesellschaft“ Saal und Küche für familiäre Feiern in Anspruch nehmen und selbst kochen.

In der Industriegemeinde Aretxabaleya, in der Nähe von Mondragon, werden Waschmaschinen und andere Haushaltsgeräte produziert. Die Fabriken arbeiten rund um die Uhr. Das Parteilokal von Herri Batasuna, mitten im Industrieviertel, ist schon am frühen Abend voll. Einige junge Männer machen hinter der Theke Dienst, aus einer Musikbox ertönt baskische Musik, die an keltische Melodien erinnert. Die dunkle Holzmöblierung verschwindet fast hinter den Rauchschwaden. An der Wand hinter der Kasse haben ausländische Freunde ihre Aufkleber hinterlassen: der „MIR“ aus Chile, mehrere Porträts von Che Guevara, der wohl nicht zufällig mit der Baskenmütze zur Revolutionsikone wurde. „Atomkraft – Nein danke“ prangt auf deutsch und Euskera, daneben steht „No pasarán“ („Sie kommen nicht durch“), ein Slogan aus dem Spanischen Bürgerkrieg und nun das Motto der Sandinisten in Nicaragua.

In schweren Steinguttellern wird heiße Knoblauchsuppe serviert. Eine Diskussion entwickelt sich, jemand verlangt schreiend, die Musik leiserzu stellen. Das Durcheinander ordnet sich, eine

politische Versammlung beginnt.

Aufgeregt berichtet einer über die jüngsten Vorfälle. Er liest die Zahl der Verhaftungen und Hausdurchsuchungen von einem zerknitterten Zettel ab. Auch die Durchsuchung ihrer Parteilokale sei angeordnet worden. Nach den Angaben der Polizei habe man dabei „Schlagstöcke und Molotowcocktails“ gefunden. Tatsächlich, so sagt der Berichterstatter, habe es sich nur um „Trommelstöcke zum Spielen der Txalaparta und um einige Flaschen Benzin zur Bodenreinigung“ gehandelt.

In dem Parteilokal liegen etliche Publikationen aus, darunter auch das unter dem Kürzel KPS („Koordination patriotischer Sozialisten“) verbreitete Programm für eine politische Lösung des baskischen Konflikts. Dieser Friedensplan, der auch die Unterstützung von Herri Batasuna hat, fordert eine Amnestie für alle politischen Gefangenen, den Rückzug der spanischen Sicherheitskräfte aus dem Baskenland und ihre Ersetzung durch die autonome Polizei Ertzainatza. Außerdem sollen alle politischen Separatistenorganisationen legalisiert, die Arbeitslosigkeit durch Wirtschaftsmaßnahmen gesenkt und die Provinz Navarra in das autonome Gebiet integriert werden. Die Konditionen, unter denen die spanische Regierung selbst zu Verhandlungen bereit ist, halten die Separatisten für unannehmbar: „Das ist doch ein Schwindel“, sagt ein 40jähriger Arbeiter. „Die wollen doch nur eines aushandeln: den Tag und die Stunde, zu der die ETA ihre Waffen abgibt.“

Die wachsende Popularität von Herri Batasuna gab den anderen nationalistischen Gruppen zu denken. Freilich sehen diese Parteien weiterhin in der gegenwärtigen Autonomie einen Ansatz zur Verwirklichung der nationalistischen Forderungen, währendHerri Batasuna diese Autonomie für wertlos hält.

Ins Meer getrieben

Ein kleiner Ortswechsel, und schon ist vom militanten Separatismus nichts mehr zu spüren. Im Grand Hotel „Maria Christina“ von San Sebastian wird beispielsweise Belle Époque gespielt. In dem alten Kasten, der wie ein Opernhaus am Strand wirkt, werden die Straßenunruhen glatt übersehen. Hier stieg Bernardo Bertolucci ab, als er kürzlich sein Werk über Chinas „Letzten Kaiser“ beim Filmfestival von San Sebastian präsentierte. Claude Chabrol war hier zu Gast und nahm unangenehme Erinnerungen mit heim. Im vergangenen Jahr hatte ein Kommando der ETA die letzte Rolle seines Festival-Films „Inspektor Lavardin“ gestohlen. Während des Jahres stehen die Zimmer des Hotelpalastes, der zur Jahrhundertwende ein beliebter Aufenthalt der spanischen Aristokratie war, zur Hälfte leer: Die Angst vor dem Terror hat die Touristen verscheucht.

Das Stadtzentrum von San Sebastian grenzt unmittelbar an den Strand „La Concha“ – „Die Muschel“ genannt. Früher bestaunte man dort die für prüde spanische Verhältnisse höchst sparsame Verwendung von Textilien. Nun rennen Demonstranten auf der Flucht vor der Polizei hierher und stürzen sich voll bekleidet ins Meer. Die Polizisten halten es offenbar für würdelos, ihnen ins Wasser nachzulaufen; die Flüchtlinge kommen ungeschoren davon.

Abends ist der Strand Treffpunkt ahnungsloser, apolitischer Yuppies. Junge Leute springen über die Wellen, deren Gischt die Straße näßt, Sänger unterhalten die Gäste der Straßencafes, die bis zum Winterbeginn in Betrieb sind. Die Existenz der ETA scheint man hier zu ignorieren. Eine Lehrerin, die nur als Hausangestellte Arbeit fand: „Welcher Baske will nicht die Unabhängigkeit? Wir wollen doch alle den Druck Madrids loswerden.“ Die ETA sei für sie allerdings „keine Lösung“.

Eine elegant gekleidete Dame, die ihren Hund spazieren führt: „Ich glaube nicht, daß diese Menschen normal sind. Das sind Mörder und Kommunisten, die werden sich niemals fügen. Sie werden weitermorden, bis nichts mehr übrig ist.“ Einige ihrer Freunde hätten das Baskenland bereits verlassen, weil die ETA von ihnen, wie von den meisten Unternehmern der Region, die Zahlung einer „Revolutionssteuer“ verlangte.

Die Polizei fand Listen der ETA, auf denen 900 regelmäßige Zahler der „Revolutionssteuer“ angeführt sind. Jetzt droht diesen Unternehmern auch noch ein Gerichtsverfahren.

Gelegentlich greift die ETA zu Entführungen, um Lösegeld zu erpressen. Für die Freilassung eines Bankiers wurden 150 Millionen Pesetas (2,3 Millionen Mark) verlangt. Der berühmteste Fall war wohl jener, bei dem der Vater des spanischen Schlagersängers Julio Iglesias zuerst gekidnappt, dann aber von der Polizei entdeckt und befreit wurde. Iglesias machte den Kommandanten der damaligen Polizeiaktion kürzlich zum Manager seiner Plattenfirma.

Polizei im Getto

Die „Costanera“, die Küstenstraße von San Sebastian, verwandelt sich am Morgen neuerlich. Eine Schar junger Leute hält einen städtischen Autobus an. Sie fordert den Fahrer auf, den Bus querzustellen, und der Chauffeuer gehorcht resigniert. Die Fahrgäste steigen aus, der Bus wendet, jemand durchsticht die Reifen – die Straßenbarrikade ist fertig. Zahlreiche Autofahrer, die nicht weiter können, hupen empört. Nach wenigen Minuten kommt die Polizei, in mehreren Kleintransportern, aus denen je sechs Beamte springen. Sie feuern gleich einmal ein paar Salven ihrer Gummigeschosse ab. Neugierige und Passanten laufen erschrocken davon. Die Polizisten schieben den Bus auf die Seite und verlassen den Schauplatz. Doch nach zehn Minuten beginnt das Spiel erneut.

Den ganzen Oktober hindurch gab es im Baskenland ähnliche Szenen. Aus Protest gegen die Deportationen aus Frankreich wurde mitunter auch ein Auto mit französischem Kennzeichen angezündet; Aufmärsche fast jeden Tag.

Ein alter Zeitungsverkäufer im Zentrum von San Sebastian hält die Reaktion der Polizei für „willkürlich und brutal“. Sein kleiner Kiosk wurde von einer Tränengasgranate getroffen. „Für uns sind düstere Zeiten gekommen“, sagt er nun. „Es ist wie unter der Nazi-Okkupation in Frankreich. Wir Basken sind die neuen Juden.“

Carlos Garaikoetxea, der frühere Chef der autonomen Regierung, bezeichnet die Polizeiaktionen als „wenig demokratisch“. Jeder Baske zweifele an der Legitimität, wenn nichtbaskische Polizei in seinem Lande auftrete.

Die Stärke der spanischen Sicherheitskräfte im Baskenland beträgt 12 000 Mann. Zu diesen Einheiten der Guardia Civil und der spanischen Nationalpolizei kommen noch 3000 Mann der baskischen Ertzainatza. Mit zehn Polizisten auf tausend Einwohner hat die Baskenregion die stärkste Polizeikonzentration Europas (Bundesrepublik: 3,11 Polizisten auf 1000 Einwohner). Auf den Straßen findet ein ständiges Defilee der verschiedensten Uniformen und Kopfbedeckungen statt – vom schwarzlackierten Dreispitz der Guardias bis zu den Baskenmützen der Ertzainatza.

Die Guardias sind das Hauptangriffsziel der ETA. Um die Mitglieder der Polizeitruppe überhaupt noch ins Baskenland zu bringen, erhalten sie doppeltes Gehalt und Sonderzulagen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mit ihren Familien in bewachten Gettos zu leben, in denen die Kinder auch eigene Schulen besuchen. „Hier kann man nur kurze Zeit bleiben, denn die Bevölkerung merkt sich das Gesicht, und schon ist man ,verbrannt’“, erklärt ein Polizeigewerkschafter: „Wir können in kein Café oder Kino gehen, wir können kein normales Leben führen. Die Spannung, womöglich das nächste Ziel eines ETA-Anschlages zu sein, ist unerträglich.“ Die Zahl der Selbstmorde unter den Polizisten sei alarmierend gestiegen.

Die Schuldzuweisungen für das Klima der Gewalt laufen im Kreis. „Mit jedem Schlag, mit jedem Schuß wird ein neuer Etarra geboren“, rufen die Demonstranten in San Sebastian den Polizisten zu. Sie werden immer wieder an den Tod eines 21jährigen Kollegen erinnert, der starb, als er die verbotene baskische Flagge von einem Mast holen wollte. Die Fahne war mit einer Bombe verbunden, der Polizist wurde zerfetzt.

Er starb vollkommen sinnlos: wenige Tage später wurde die grün-rot-weiße Baskenfahne, die Ikurriña offiziell erlaubt