Von Angela Kandt

Meta – und da die Abbiegung nach Positano! Voller Freude trete ich heftig auf das Gaspedal, um dann gleich wieder zu bremsen, denn nun beginnt die kurvenreiche Strecke durch das „Sorrentino“ Richtung Süden.

Die Autostrada, das Häusermeer Neapels, die Industrielandschaft Castellamares, all das liegt nur wenige Minuten hinter mir. Graugetönt begleiten Olivenhaine die Serpentinen, dazwischen im dunklen Laub Zitronengärten. Hinter einer Biegung der erste Blick auf Positano, dann lange Zeit das gleiche Wechselspiel: Kurven, Felsen, Meer, Himmel, ein Ausschnitt von Positano, jedesmal ein bißchen größer. Plötzlich eine riesige Gestalt, die sich in den Himmel reckt: die Madonna von Positano. Aus grauem Stein blickt sie von ihrem Belvedere auf die alte Stadt zu ihren Füßen.

Eng schmiegen sich die Häuser, kleine weiße, maisgelbe und erdbeerrote Kästen, an den steilen Berg. Kuppeldächer und Fensterbögen, Spuren byzantinischer und arabischer Baumeister. Ganz in der Tiefe säumt der Strand das pastellfarbene Amphitheater, hoch überragt von dem fast 1500 Meter hohen Monte S. Angelo a tre Pizzi mit den drei Spitzen.

Positano: „Eine Gründung der Phönizier“ – protzt das Informationsheft des Touristenbüros. In der alten Stadt erzählt man am liebsten die Geschichte, wonach einst ein Muttergottesbild auf einem Schiff, das hier die Küste passierte, zu sprechen begann und „posa“ – „setz’ mich nieder“ – sagte. Die Seeleute gehorchten aufs Wort; jener enge Platz zwischen Fels und Meer hatte seinen Namen.

Ich erreiche die Via Reginella in der Oberstadt. In der „Bar de Martino“ steht die Signora hinter dem Tresen und läßt den Espresso aus der Maschine in die Tassen laufen. Luigi trägt den Cappuccino hinaus auf die Terrasse, alles ist wie vor drei Jahren, als ich zum ersten Mal nach Positano kam. Schon damals freute ich mich an dem Blick, den man von der „Bar de Martino“ hat. Tief unten, nicht weit vom Strand, glänzt im gelbgrünen Mosaik die Majolika-Kuppel der Hauptkirche Maria Assunta. Drüben am östlichen Ende der Bucht steigen die Felsen steil aus dem Waser empor. Winzige Häuser leuchten auf halber Höhe in der Nachmittagssonne und etwas abseits die Kreuze des Friedhofs.

Vor 50 Jahren suchte Stefan Andres hier Zuflucht. Der Schriftsteller, verheiratet mit einer Frau jüdischer Abstammung, blieb 13 Jahre. Novellen und Romane wie „Die Sintflut“, „Wir sind Utopia“ und „Ritter der Gerechtigkeit“ schrieb er in diesen Jahren auf den Terrassen Positanos. Ein Buch widmete er jenen Menschen, die ihm lange Jahre Nachbarn gewesen waren: „Positano – Geschichten aus einer Stadt am Meer“.