Kleinkinder bauen Türme aus Klötzen und Sand. Türme erfüllen Funktionen in Befestigung, Wohnarchitektur, Handel, Jagd und Technik. Türme signalisieren weltliche und göttliche Macht – von ihrer Schönheit ganz zu schweigen.

Ihre Vielfalt und ihre Gemeinsamkeiten beschreibt Paul Maar in einem "Sach- und Erzählbuch von berühmten und unbekannten, bemerkenswerten und merkwürdigen Türmen".

Im Gegensatz zur Fachliteratur wollen Sachbücher für Kinder und Jugendliche nicht umfassend informieren, sondern neugierig machen. Sie wollen das Staunen lehren, ein Phänomen so beschreiben, daß es in seiner Eigenheit begriffen, in seiner Bedeutung erkannt wird. Sachbücher dienen der Allgemeinbildung. Wer mag, kann in spezieller Literatur weiterforschen.

Paul Maar hat dieses Konzept konsequent durchgehalten – kein Wunder, denn für das Gelingen bietet er die besten Voraussetzungen. Vom Thema fasziniert, lernt der Autor mit seinen Lesern. Er ist sachkundig – die Quellen seiner Kenntnis kann der Leser im weiterführenden Literaturverzeichnis nachschlagen. Paul Maar gehört zu den geübtesten und erfolgreichsten Autoren bundesrepublikanischer Kinder- und Jugendliteratur – er weiß, wie junge Leser anzusprechen, zu fesseln, zu begeistern sind.

Das Geheimnis der Türme kann nur verstehen, wer hinter Konstruktionspläne und Funktionsmechanismen schaut. Zwar gab es Kulturen, deren Bauten, Rang und Herrschaft in die Erde, nach unten orientiert waren, aber die Höhe, der Aufstieg, das architektonische wie symbolische Streben nach oben vereinen vorchristliche Hochkulturen mit Wolkenkratzer-Ideologie und Postmoderne. Paul Maar hat die Fakten und Photos mit Legenden und Märchen, die Grundrisse und Chronisten mit Anekdoten und Utopien vermischt. Dem Leser werden Rätsel und Denkaufgaben gestellt.

Gotische Kirchtürme und Minarette, Pagoden und Stahl-Skelette erhalten auf diese Weise ihre Begründung auch im Denken und Träumen, im Erleben der Menschen ihrer Herkunftskulturen.

Nicht zuviel Wissen wird mitgeschleppt. Die Vereinfachung kultur- wie architekturhistorischer Zusammenhänge bleibt in vertretbaren Grenzen. Ein Turm, so lernen wir von Paul Maar auf spielerisch-unterhaltsame Weise, kann vieles sein: primitiver Schutz vor wilden Tieren, zierliche Annäherung an göttliche Allmacht, aber auch Sinnbild menschlicher Hybris wie der Turm zu Babel, dessen von Pieter Bruegel gemalte Ruinen Pierre Braucht mit dem oberen Teil eines Kernreaktors vollendet... Birgit Dankert