Von Peter Reichel

Bildung, Kultur und Aufklärung“, so schrieb vor zweihundert Jahren der Lessing-Freund Moses Mendelssohn, „sind Modifikationen des geselligen Lebens, Wirkungen des Fleißes und der Bemühungen der Menschen, ihren geselligen Zustand zu verbessern.“ Was hier noch weitgehend zusammengesehen werden konnte, geriet bald in einen spannungsreichen und widerspruchsvollen Prozeß der Differenzierung. Schon Mendelssohn sah, daß Bildung in „Kultur und Aufklärung“ zerfällt, wobei er das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis meinte. Aber dabei blieb es nicht. Weitere Gegensätze kamen hinzu.

Unter dem Einfluß von Klassik und Romantik, von Idealismus und Neuhumanismus, entstand ein philosophisch-ästhetisches Bildungskonzept, das den aufklärerischen Erziehungsbegriff überholte und überhöhte, ja zu einer Art Ziviltheologie avancierte. „Die Zeit wird kommen“, rief der Reutlinger Abgeordnete und Tübinger Professor für Rhetorik und deutsche Literaturgeschichte, Friedrich Theodor Vischer, vor der Paulskirchenversammlung aus, „wo die wahre, menschliche, sittlich-politische Religion eins ist mit dem Staate und mit der Schule.“

Diese Zeit sollte kommen, aber wohin sie führte! Der Verlauf dieser Entwicklung hat – wie mir scheint – wesentlich mit einer bestimmten Wahrnehmung von Geschichte und Gesellschaft zu tun; sie wird hierzulande vorzugsweise dualistisch statt dialektisch gesehen: Staat gegen Gesellschaft, später dann Gemeinschaft gegen Gesellschaft. Und „Bildung“ stand gegen und über Erziehung und bloßer Berufsausbildung, so wie „Kultur“ sich über Zivilisation und Politik überhaupt erhob, um diese immer wieder abzuwerten.

Dank ihrer Verschwommenheit und symbolischen Funktion überstanden „Kultur“ und „Bildung“ die gesellschaftlichen Widersprüche nicht nur mühelos, sie verdeckten sie auch zu einem gut Teil. Symbolische Sinnverschiebung und Bedeutungswandel signalisieren dabei die Anpassung des deutschen Bildungsbürgertums an den preußischen Militärstaat und den aufsteigenden Industriekapitalismus. Der klassisch-romantische Idealismus ging im wilhelminischen Nationalismus und Irrationalismus auf. Deutsch wurde anstelle von Latein zum geistigen Rückgrat gymnasialer Bildungskarriere. Die moderne, technisch-naturwissenschaftliche Bildung verdrängte und veränderte die humanistische. Nicht Aufklärung und Emanzipation, sondern Bildung und Gehorsam wurden zu Leitbegriffen jener „deutschen Kulturnation“, die sich schließlich anschickte zu beweisen, auch ein „Volk der Tat“ zu sein.

Stärker als anderswo war das 19. Jahrhundert in Deutschland ein solches der Kultur, der Bildung und des „gebildeten Standes“. Der Verlauf der jüngsten deutschen Geschichte unterscheidet sich ja gerade dadurch von dem anderer westlicher Länder, daß hier die „moderne Bildungsrevolution“ der industriellen Modernisierung und dem politischen Wandel vorausging. Dabei wurde „Bildung“ innerhalb der vielschichtigen Sphäre „Kultur“ zum vielleicht wichtigsten Sektor: ein Bereich mit komplexer Binnenstruktur und ausgeprägter gesamtgesellschaftlicher Verflechtung, autonom und – insbesondere im Hinblick auf Staat und Wirtschaft – abhängig zugleich. Bildung, selbst ein Faktor weitreichender gesellschaftlicher Veränderung, wurde mehr und mehr politisiert und instrumentalisiert, sie wurde zu einem Bereich mit konkurrierenden ideologischen Leitbildern und Wertvorstellungen, einem institutionalisierten Produktions- und Vermittlungssystem (Schule, Hochschule, Medien), mit eigener Funktionslogik und Entwicklungsdynamik, speziellen Berufsrollen und einer spezifischen Trägergruppe, dem Bildungsbürgertum.

Aus dieser Perspektive erscheint es überaus sinnvoll, daß von dem auf sechs Bände angelegten, vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichenden „Handbuch der Bildungsgeschichte“ zunächst der dem 19. Jahrhundert gewidmete Band erschienen ist. Hier kündigt sich ein gewichtiges Werk an, das weit mehr ist als ein Kompendium der Schul- oder Pädagogikgeschichte. An ihm haben namhafte Wissenschaftler mitgewirkt: