Von Gerhard Spörl

Frankfurt, im November

Die schwarze Fahne mit der Aufschrift „Wir trauern“ steht noch nicht richtig, als der Trauerzug aus Polizisten und Politikern schon auf den Pauls-Platz strömt. Vorneweg Walter Wallmann, der hessische Ministerpräsident; grau und übernächtigt sieht er aus. Ihm fällt es diesmal nicht leicht, die rechten Worte zu finden. Die Polizisten verlangen vom Staat Härte und Entschiedenheit. Sie sind die Begründungen und Bekenntnisse nach dem Tod ihrer beiden Kollegen leid. Daß Wallmann sie mit „meine lieben Mitarbeiter im Polizeidienst“ anredet, hilft nicht. Mitten im Zug wird ein Transparent hochgereckt: „Demorecht im Hessenland, Polizistentod von Mörderhand!“ Als der Ministerpräsident davon spricht, daß der „Haß überwunden und der Frieden gewonnen werden muß“, da schallt ihm entgegen: „Das ist zu wenig, Herr Wallmann!“

Die meisten der knapp tausend Polizisten kennen sich aus am Südende der Startbahn-West. Oft haben sie beklagt, daß sie dort ihre Knochen hinhalten müssen. Keiner hat geahnt, daß zwei von ihnen sogar ihr Leben lassen würden – überhaupt, die ersten Fälle in der Geschichte der Bundesrepublik, daß Polizisten von Demonstranten getötet worden sind. Die wirklich heißen Zeiten sind dabei längst vorbei. Damals, vor sechs, sieben Jahren, zogen Zehntausend aus Walldorf und Mörfelden durch den Wald bis hart heran an die Betonpiste.

Die sozial-liberale Regierung kippelte damals ständig. Am Ende wurden, wie geplant, 300 Hektar Wald gerodet. Und längst dröhnen Großraumflugzeuge in den Himmel über dem Startbahn-Wald.

In Wiesbaden ist eine neue Regierung am Ruder. Draußen im Wald liefen bis zum vergangenen Montag die alten Rituale ab. An den Sonntagen spazierten die Einheimischen wie eh und je durch den hohen, nicht allzu dichten Wald. Es waren nicht mehr viele – und fast immer dieselben. Zur Flughafenmauer flanierte man in Walldorf-Mörfelden wie anderswo zur Zonengrenze. Jubiläen werden gefeiert: Gerade fand der 300. Sonntagsspaziergang statt. Schon da kursierten Flugblätter mit dem Aufruf zur nächsten Demonstration einen Tag später. Denn da stand die sechste Wiederkehr der Räumung des Hüttendorfes, Symbol des gewaltfreien Widerstandes, an. „Wir mußten gar nichts anmelden oder organisieren“, meint der Sprecher der Bürgerinitiative in aller Unschuld, „das ist ein Selbstläufer.“

Die Startbahn-Gegner erkundeten routiniert, wo sich die Polizeizüge diesmal im Unterholz versteckten, und wie viele Wasserwerfer bereitstanden. Die Polizisten notierten die Autokennzeichen der Demonstranten. Deshalb konnten sofort nach den Morden Hausdurchsuchungen in Wiesbaden, Rüsselsheim und Frankfurt gestartet werden. Dabei wurde eine Pistole gefunden, und sofort hieß es, sie habe dasselbe Kaliber (9 mm) wie die Tatwaffe. Sie war ein Jahr zuvor einem Polizisten bei einer Demonstration in Hanau entwendet worden. Mitte der Woche erklärten die Sicherheitsbehörden, einer der Polizisten sei mit dieser Pistole getötet worden.