Warum wir so selten Kommentatorinnen auf dem Bildschirm sehen

Von Karin Hempel-Soos

In der werktäglichen Schaltkonferenz der ARD-Chefredakteure/Fernsehen wird seit Jahren nach eingefahrenem Ritual bestimmt, wer den Kommentar der „Tagesthemen“ unters Volk bringen darf. Am 22. Oktober waren die Herren (einzige Frau in ihrer Runde: Ulrike Wolf) sehr stolz auf sich. Es war gelungen, eine Frau zu finden: Elke Hockerts-Werner, Redakteurin bei der Programmgruppe Politik, würde an diesem Abend das Thema Krankenversicherungsreform kommentieren. „Wenn der WDR-Vorschlag eine Dame ist, lassen wir ihr selbstverständlich den Vortritt“, entschied Ernst Elitz, Chefredakteur des Süddeutschen Rundfunks, und zog sogleich seinen eigenen Vorschlag zurück. Am Abend desselben Tages verbuchte WDÄ-Intendant Friedrich Nowottny das seltene Ereignis als Erfolg seiner Führungsmänner auf ihrer immerwährenden Suche nach der Frau.

Die Kommentatorenliste der ARD, nicht vornehmlich nach Qualität, sondern nach Hierarchie zusammengestellt, führt zwei Frauen, Ingrid Lorenzen und Ulrike Wolf vom NDR, und fast vierzig Männer auf. Da von Fall zu Fall auch Fachleute zum Kommentieren herangezogen werden können, die nicht auf der Liste stehen, kommen noch ein paar mehr Männer zum Zuge, denn den zumeist männlich besetzten Entscheidungsgremien wollen partout keine Frauen einfallen. Der WDR will nun aus der geschlossenen Reihe tanzen und zwei Fachfrauen benennen: eben Elke Hockerts-Werner und Petra Lidschreiber.

1985 wurden 261 Kommentare gesendet, und nur viermal entschied man sich für Frauenmund. Elke Heidenreich sagte Treffliches zum Fasching. Carola Stern, leibhaftige Sternstunde unter den politischen Fernsehschaffenden, bekam ganze dreimal das Wort: zur Frauenkonferenz in Nairobi und zweimal zum Paragraphen 218.

Stolze männliche Bilanz

Und hier die stolze männliche Bilanz: Zwanzigmal Chefredakteur Wolf Feller vom Bayerischen Rundfunk, Peter Staisch vom NDR dreizehnmal. Walter Erasmy, stellvertretender Chefredakteur des WDR, zwölfmal; Gerd Rüge (WDR) und Ernst Elitz (SR) je neunmal. Dem Sender Freies Berlin standen 1986 26 Kommentare zu, vierzehnmal fühlte sich Jürgen Engert berufen, zehnmal drängte es Chefredakteur Joachim Braun. Rekordhalter ist Ernst-Dieter Lueg vom Studio Bonn mit dreiundzwanzig Beiträgen.