Kieler Wahrheiten – ein Ausschuß auf Spurensuche

Von Cordt Schnibben

Je mehr die elf Abgeordneten, die seit vier Wochen bei Kaffee, Kuchen und Akten zusammensitzen, über den MP erfahren, desto rätselhafter wird er. Zwar kann jeder Zeuge, der vor den Untersuchungsausschuß tritt, davon erzählen, was der MP in den zehn Monaten vor seinem Tod gemacht hat; immer klarer wird, wen der MP getroffen hat und was er gewußt haben kann, aber je näher die Fragenden an den MP herankommen, desto fremder wird er.

Die Menschen, die ihm zu Lebzeiten am nächsten waren, jedenfalls dann, wenn er Amtsgeschäften nachging, scheinen ihn am wenigsten zu kennen, jedenfalls wissen sie am wenigsten zu erzählen. Sie sind – von einem abgesehen, dem keiner bisher so recht glauben mochte – die schweigsamsten Zeugen. Für sie ist er auch durch den Tod kein normaler Mensch geworden, er ist immer noch der MP, der Ministerpräsident. „Der MP wollte das so.“ – „Der MP rief um 10.20 Uhr an.“ – „Der MP hätte das nie zugelassen.“

„Der MP sagte: ‚Das ist ja unglaublich, schaffen Sie das aus der Welt“, berichtet des MPs persönlicher Referent am Donnerstag letzter Woche dem Ausschuß. Gerd-Harald Friedersen, so heißt er, soll Auskunft geben über Kontakte zwischen dem MP und der Splitterpartei UWSH (Unabhängige Wählergemeinschaft Schleswig-Holstein). Ja, es habe ein Geheimgespräch gegeben zwischen dem MP und dem UWSH-Vorsitzenden, Reinhardt Guldager. Zwei Tage danach habe sich Guldager bei ihm darüber beschwert, daß ein Journalist, der sich am Telephon mit „Pfeiffer, Bildzeitung“ meldete, behauptet habe, einen Mitschnitt des Gesprächs zu besitzen. Er, Friedersen, habe den MP sofort informiert, und der sei aus allen Wolken gefallen, „unglaublich“. Er habe den Medienreferenten Pfeiffer beauftragt, „wegen seiner guten Kontakte zum Hause Springer“, den Bildjournalisten Pfeiffer ausfindig zu machen.

Stück für Stück belastet

Bei dem Versuch, die Unschuld des MP zu untermauern, unterläuft dem treuen Friedersen ein kleiner Fehler: Der MP hatte auf seiner mit dem Ehrenwort gekrönten Pressekonferenz bestritten, von dieser Beschwerde des UWSH-Vorsitzenden und den Versuchen, innerhalb der Wählervereinigung Streit zu säen, gewußt zu haben. Selbst entlastend Gemeintes belastet, und Stück für Stück, Aussage für Aussage entsteht auch an diesem Tag das Bild eines MP, der mit allen Mitteln MP bleiben wollte und dabei erfindungsreich und verbissen nach immer neuen Mitteln suchte.