Die brasilianischen Offiziere entziehen sich ziviler Kontrolle

Von Charles Cordelier

Rio de Janeiro, im November Die Aula der Kriegsakademie Agulhas Negras, halbwegs zwischen São Paulo und Rio de Janeiro gelegen, ist feierlich in den Nationalfarben Grün und Gelb ausgeschmückt. Der General beschließt seine Ansprache mit einem feurigen Appell an den Patriotismus der künftigen Elite der Nation; achthundert kurzgeschorene Offiziersanwärter stehen stramm, vor ihnen liegen auf Kissen Dolch und Degen. Die Türen öffnen sich, Kind und Kegel strömen herein, versammeln sich um den Sohn, Bruder und Verwandten, helfen dem frischgebackenen Leutnant, den Offiziersdegen anzulegen, und ziehen sich auf die hinteren Bänke zurück. Volk und Offiziere stimmen zusammen die Nationalhymne an. Dann liegen sich alle in den Armen, Tränen fließen, Schirmmützen fliegen in die Luft. Jedes Jahr wiederholt sich diese Verbrüderung beim Ritterschlag eines neuen Offiziersjahrganges.

Die brasilianischen Streitkräfte halten 280 000 Mann unter Waffen – etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung also. Mit der Alarmreserve, die innerhalb von 24 Stunden hinzugeführt werden kann, wächst die Armee auf 418 000 Soldaten. Im Kriegsfall kann der Präsident als Oberster Befehlshaber etwa eine Million Reservisten zu den Fahnen rufen.

Verglichen mit anderen Staaten Südamerikas ist Brasilien kein besonders militarisiertes Land. Obgleich allgemeine Wehrpflicht für männliche Bürger zwiscnen 18 und 45 Jahren besteht, wird nur ein Bruchteil jedes Jahrgangs eingezogen. Die meisten jungen Brasilianer finden eine gute Entschuldigung, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Übrig bleiben diejenigen vom Lande und aus den favelas, für die zwölf bis 15 Monate ein Dach überm Kopf, ausreichend Verpflegung und ein Alphabetisierungskurs viel bedeuten. Unter den Berufssoldaten bieten Heer, Luftwaffe und Marine glänzende Karrieren, für Unteroffiziere und für Offiziere, von denen viele zu Recht den Generalstab in ihrem Tornister vermuten.

Bei einem kontinentalen Land mit einer relativ kurzen Küstenlinie verwundert es nicht, daß das Heer mit 183 000 Mann vor Luftwaffe (53 000) und Marine (45 000) der wichtigste Truppenteil der brasilianischen Streitkräfte in allen sieben Militärbezirken ist. Der hohe Personalkostenanteil von rund siebzig Prozent der Verteidigungsausgaben kündet von der Kopflastigkeit der Streitkräfte, wo auf tausend Soldaten ein General kommt. Der Militärhaushalt nimmt sich mit sechs Prozent Anteil am Staatsbudget relativ bescheiden aus – wenn auch eine erhebliche Dunkelziffer dazu gerechnet werden muß; schließlich unterliegt der Militäretat nicht der parlamentarischen Kontrolle.

Brasiliens Streitkräfte zerfallen in drei Teile – die plebejischen Mannschaften der Wehrpflichtigen, der Mittelbau aufstiegsorientierter dunkelhäutiger Unteroffiziere, und das hellhäutige Berufsoffizierskorps. Starkes Bildungsgefälle und ausgeprägtes Hierarchiedenken bestimmen die scharfen Grenzen zwischen den Dienstgradgruppen. Straffe Disziplin und Formaldrill haben eine große Bedeutung im Kasernenalltag. Gleichwohl zeichnen sich die oberen Offiziersränge durch ausgesprochen zivile Umgangsformen aus – das gilt insbesondere für die technischorientierte Luftwaffe und Marine. Hohe brasilianische Offiziere sind Grandseigneure mit scharfen Bügelfalten und makellosem Auftreten, fürs diplomatische Parkett besser geeingt als für den Einsatz im Dschungel.