Von Carl-Christian Kaiser

Es soll sich noch einer auskennen mit der CDU, nach dieser Momentaufnahme in Bonn. Widersprüche prägen das Bild – von Tagesfragen über den Strategiestreit bis, natürlich, zum Desaster in Schleswig-Holstein. Der Parteitagspräsident Norbert Blüm, niemals um eine griffige Formel verlegen, nannte das Treffen in der Beethovenhalle am Ende eine Sache der Nachdenklichkeit ebenso wie der Entschlossenheit. Dieser Befund läßt sich mit Fug und Recht abwandeln: entschlossen, nur bis zu einer bestimmten Grenze nachzudenken, nämlich was die Affäre Barschel und die Kieler Staatskanzlei betrifft. Die Union ist in sich gegangen, aber zugleich davor zurückgeschreckt.

Wohl wahr, daß Heiner Geißler ohne Umschweife zu den Delegierten von Selbstprüfung und Selbstbesinnung und von einer Bewußtseins- und Vertrauenskrise gesprochen hat, ausgelöst durch das, was "in der Regierungszentrale eines CDU-Ministerpräsidenten geschah". Auch richtig, daß es in der Debatte zuweilen Ansätze zur Selbsterforschung gab, zum Beispiel als Erwin Teufel, der Vorsitzende der christlich-demokratischen Fraktion im Stuttgarter Landtag, forderte, der äußeren Begrenzung der Macht müsse eine innere entsprechen. Wohltuend schließlich, daß manche zu Worten der Entschuldigung fanden, im allgemeinen wie im besonderen gegenüber dem Kieler Oppositionsführer Björn Engholm. Wiederum war es Geißler, der es ein Zeichen politischer Unkultur nannte, daß Willy Brandt einst aus den Reihen der Union die uneheliche Geburt vorgeworfen und Herbert Wehner als verkappter Kommunist verdächtigt worden war.

Indes, allzu tief ging die Selbsterforschung nun auch wieder nicht – abgesehen davon, daß Gegenrechnungen über sozialdemokratische Entgleisungen meist auf dem Fuße folgten. Helmut Kohl hatte den Tenor vorgegeben: die Macht nicht als Selbstzweck, menschlich anständiger Umgang, rückhaltlose Aufklärung, das ja. Aber im selben Atemzug redete er von einer Erkenntnis des Augustinus: Wir Menschen tragen einen Abgrund in uns. Niemandem scheint bewußt gewesen zu sein, wie makaber, wo es um Uwe Barschel geht, dieser Rückgriff auf einen Zeugen ist, der sich von einem großen Sünder in einen Heiligen verwandelt hat.

Anstelle der harten Tatsachen ein Abgrund also, das Unerklärliche. Da war es kein Wunder, daß schließlich auch Bernhard Vogel, der rheinlandpfälzische Ministerpräsident, von der "Heimsuchung dieser Tage" sprach: ein tragisches Schicksal mit den Namen Barschel und Pfeiffer, das über die Partei gekommen ist. Kaum einer, der das angeblich anonyme Verhängnis genauer umrissen hätte: Wie steht es zum Beispiel mit dem Ausleseprozeß des politischen Personals? Und welche Gefahr steckt darin, wenn einer, wie wohl Barschel, mit seiner politischen Stellung zugleich sein Selbstwertgefühl und seine Existenzgrundlage bedroht sieht? Erklären sich auch daraus die Methoden samt der offenkundig bedenkenlosen Vermischung von Staats- und Parteifunktionen bei der Bekämpfung des politischen Gegners?

Die in der viel zu engen Halle wie in einer Schutz- und Trutzburg zusammengepferchten Parteitagsdelegierten waren es, so bedrückt sie sich gaben, denn auch zufrieden. Die ohnehin unter der Zeitnot eines einzigen Versammlungstages stehende Debatte entfernte sich rasch von ihrem Kieler Ausgangspunkt, schon bevor sich Lothar Späth in die "Anti-Frust-Front" einreihte und befand, die Partei habe sich nun lange genug leid getan. Der baden-württembergische Regierungschef faßte nur zusammen, was bereits offensichtlich geworden war: Als politische Kampforganisation kann eine Partei nur in Grenzen Trauerarbeit leisten; die Schwelle zur Selbstlähmung ist niedrig.

Wie die zwischen Klarheit und Vernebelung schwankende Debatte über die schleswig-holsteinischen Zustände blieb auch die Behandlung anderer Themen ambivalent, von Personen wie Sachen, einschließlich der Bestrafungen oder Belohnungen durch den Stimmzettel. Einerseits erntete Helmut Kohl viel Beifall, als er von der abenteuerlichen Selbstdarstellung sprach, die sich mancher in der letzten Zeit geleistet habe. Andererseits hat sich die Befürchtung der Blüm-Anhänger, auf den diese Rüge nicht zuletzt gemünzt war, als grundlos erwiesen, der Minister werde wegen seines chilenischen Engagements womöglich doch einen Denkzettel erhalten. Blüm ist, nach dem demonstrativen Votum für Gerhard Stoltenberg, mit der zweithöchsten Stimmenzahl wieder zu einem der stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt worden.