Von Nikolaus Piper

Als sich am vorigen Samstag die Große Sozialistische Oktoberrevolution zum siebzigsten Mal jährte, kletterte Jurij Alexandrowitsch Snamenskij auf die Stadtmauer von Rothenburg ob der Tauber und genoß den Blick über die nebelverhangene Touristenidylle.

Der Sowjetbürger richtete sein Augenmerk jedoch nur für ein paar Stunden auf Fachwerk und Butzenscheiben. Was ihn bei seinem Besuch in der Bundesrepublik wirklich interessierte, waren jene, die nach herkömmlicher Sowjetlehre hierzulande das Sagen haben: Westdeutschlands Kapitalisten. Snamenskij, formell lediglich erster stellvertretender Abteilungsleiter in der staatlichen Außenwirtschaftskommission der Sowjetunion, tatsächlich jedoch wichtigster Mann in Moskau für die Zusammenarbeit mit westlichen Firmen, warb eine Woche lang in Düsseldorf, Stuttgart und Frankfurt bei Klein- und Mittelunternehmern für die Gründung gemeinsamer Unternehmen (joint ventures) von kapitalistischen und sozialistischen Betrieben.

Für bundesdeutsche Ostexperten ist der Besuch der vierköpfigen und – gemessen am Anlaß – ungewöhnlich hochrangigen Sowjetdelegation Indiz für ein neu erwachtes Interesse der Moskauer Führung an der Zusammenarbeit mit westlichen Firmen. Diese sollen offenbar bei der Umgestaltung der ineffizienten Planwirtschaft eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher angenommen. Axel Lebahn, Direktor bei der Deutschen Bank, die diese Deutschlandreise der sowjetischen Experten organisiert hatte: "Da wurde eine Tür ganz weit aufgestoßen."

Zwölf westliche Firmen haben bereits joint ventures mit sowjetischen Partnern abgeschlossen. Dabei stehen die Bundesdeutschen mit fünf Kooperationen an der Spitze. Drei deutsch-sowjetische Projekte gelten als besondere Pioniertaten auf dem unbeackerten Feld zwischen den Systemen:

  • Als erstes deutsch-sowjetisches joint venture überhaupt gründeten im Juli die mittelständische Maschinenfabrik Heinemann aus St. Georgen im Schwarzwald und die Moskauer. Maschinenfabrik Ordschonikidse eine gemeinsame Tochter unter dem Namen "Homatec".
  • Im September unterschrieben der schwäbische Liebherr-Konzern und die "Produktionsvereinigung für Schwerindustrie Januaraufstand" in Odessa einen Vertrag zur gemeinsamen Herstellung von Autokranen.
  • Einen Monat später folgte der Schuhhersteller Salamander aus Kornwestheim. Partner sind hier die Schuhkombinate "Proletarischer Sieg" in Leningrad und "Roter Stern" im weißrussischen Witebsk.

Bisher schon genießen die Gemeinschaftsunternehmen weitgehende Privilegien in der reglementierten Sowjetwirtschaft: Sie sind unabhängig von der Planbehörde Gosplan, sie dürfen Gewinnanteile in den Westen transferieren und ohne Einschränkungen Telephon-, Telefax- und Telexleitungen ins Ausland unterhalten. Durch einen gemeinsamen Erlaß des Zentralkomitees der KPdSU und des Ministerrates wurden diese Privilegien jetzt noch erheblich erweitert. Waren die Gemeinschaftsunternehmen bereits nach den alten Regeln zwei Jahre lang von der Gewinnsteuer befreit, so gilt jetzt die Steuerfreiheit zwei Jahre nach Gewinnerzielung – eine entscheidende Fristverlängerung. Außerdem dürfen die Unternehmen selbst bestimmen, in welcher Währung sie ihre Waren abrechnen und wie sie den Absatz innerhalb der Sowjetunion regeln wollen.