Im Bazar der Barmherzigkeit – Seite 1

Wie das arme, gastfreundliche Pakistan tiefer in den Krieg um Afghanistan hineingezogen wird

Von Burkhard Kieker

Peschawar, im November

Eine halbe Stunde sind wir im Zickzack durch enge Vorstadt-Gassen gekurvt, da stoppt unser Fahrer abrupt. Sprachfetzen in Paschtu fliegen über eine mit Bougainvillea bewachsene Mauer hin und her, dann wird das graue Stahltor aufgeschoben. Rund fünfzig Mudschaheddin stehen Spalier im Vorgarten eines Bungalows. Das Haus in der University-Town der pakistanischen Grenzstadt Peschawar dient den afghanischen Widerstandskämpfern für ein paar Stunden als Hauptquartier. Im Wohnzimmer sitzen die Anführer der sieben mächtigsten Mudschaheddin-Parteien zusammen, um über die Zukunft ihrer bröckeligen Allianz zu beraten.

Die braunen Augen in den bärtigen Gesichtern der Wächter mustern uns freundlich, doch distanziert. Die Männer sind schwer bewaffnet; vor der Brust baumelt die russische Kalaschnikow-Maschinenpistole. Auf einem Tischchen in einer Gartenecke hat ein Halbwüchsiger sein Maschinengewehr in Stellung gebracht. Ein anderer kauert mit der Panzerfaust auf dem Mauersims.

Im Haus erwartet uns ein alter Mann, der mit "Mister President" angesprochen werden will. Mahmad Yamus Khales, ein afghanischer Mullah mit schön gewundenem, schneeweißem Tuch auf dem mächtigen Schädel, ist Chef der fundamentalistischen Hisbih-i-Islami-Partei. Erst wenige Tage zuvor haben ihn die anderen sechs Widerstandsführer zum Präsidenten ihrer "Kampfallianz" gewählt. Der würdige alte Herr, sein mit Henna gefärbter Bart leuchtet feuerrot, soll für eine bessere Außendarstellung der stets uneinigen Mudschaheddin-Parteien sorgen, die sich immer wieder auch mit Waffengewalt befehden. "Wir kämpfen den ,Jehad‘ (heiligen Krieg) für ein freies, ungebundenes Afghanistan ohne Allianz zu einer der Supermächte", sagt Khales. Leise, mit unbewegtem Gesicht und in monotonem Singsang, als ob er aus dem Koran zitiert, murmelt der greise Mullah seine Argumente. "Die Sowjets bekämpfen unsere Religion und unsere Kultur. Diese Politik zeigt meinem Volk, daß sie nicht gekommen sind, uns zu helfen oder den richtigen Weg zu zeigen, sondern uns zu beherrschen."

Sozialer Sprengsatz

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Vor allem die "Zwangssöwjetisierung" der afghanischen Gesellschaft in der Verwaltung, im Schul- und Gesundheitswesen beunruhigt die Mudschaheddin. Der Kabuler Parteichef Nadjibullah, in den Augen der Widerstandskämpfer trotz seiner "nationalen Versöhnungspolitik" nichts weiter als "eine Marionette Moskaus", hat mindestens achttausend Schulkinder zur Erziehung in die Sowjetunion "verschickt". Nun fürchten die Fundamentalisten im Widerstand diesen sozialen Sprengsatz modern und gottlos geprägter junger Afghanen, die in einigen Jahren in ihre Heimat zurückkehren werden. Nein, nach einem sowjetischen Abzug werde es in Afghanistan weder eine "Nacht der langen Messer" noch Bürgerkrieg geben, sagt Khales. "Die Allianz wird auch denjenigen Brüdern und Schwestern die Hand reichen, die mit den Kommunisten zusammengearbeitet haben – sofern sie sich zum Islam bekennen." Der Friede am Hindukusch ist in weiter Ferne.

Seit fast einem Jahr schwappt der afghanische Krieg über die 2200 Kilometer lange Grenze auch nach Pakistan hinein. Die Sowjets und ihre Verbündeten in Kabul haben die Taktik geändert: Weil die 200 000 Rebellen in Afghanistan nicht zu besiegen sind – noch immer kontrollieren die Mudschaheddin über achtzig Prozent des Landes –, sollen Bomben und Subversion für Unruhe in ihrer Operationsbasis Pakistan sorgen. Im Frühjahr und Sommer bombardierten afghanische MIG-Jets zum ersten Mal auch pakistanisches Territorium. Beim Angriff auf den kleinen Grenzort Ten Mangal südlich von Peschawar – dort formieren sich viele Mudschaheddin-Trecks für den Marsch nach Afghanistan – Verwandelten sowjetische Bomben die Stadt in einen rauchenden Trümmerhaufen. 150 Menschen starben, die meisten von ihnen Pakistani. Nur das Waffenlager der Rebellen blieb unversehrt. Auch bei Bombardements im Norden blieben die Pakistani wehrlos. Ehe ihre Abfangjäger abgehoben hatten, waren die Angreifer längst wieder in Afghanistan. Den Militärs in Islamabad blieb nur wütender Protest in Kabul und die Hoffnung auf die Lieferung von zwei amerikanischen Awacs-Frühwarnflugzeugen.

Pakistan trägt schwer am Krieg im Nachbarland, seit Anfang der achtziger Jahre mehr als drei Millionen Flüchtlinge über die Durant-Linie ins Land strömten. Sie leben in 250 Flüchtlingslagern, die sich in der Nord-West-Grenzprovinz konzentrieren; in der Gegend um Peschawar gibt es allein sechzig davon; 2,5 Millionen Stück Vieh von Flüchtlingen weiden auf pakistanischen Wiesen; ganze Waldgebiete sind geschlagen worden, weil es an Brennholz mangelt. Versorgung und Ernährung der Flüchtlinge kosten jährlich 367 Millionen US-Dollar. Die Hälfte kommt vom World Food Program; die andere Hälfte muß das arme Pakistan selbst aufbringen.

Zum Beispiel Camp Kascha Gari, unweit von Peschawar: 50 000 Flüchtlinge leben hier in Lehmhütten. Es gibt eine Schule, ein Witwenhaus, ein paar Ausbildungseinrichtungen westlicher Hilfsorganisationen, alles in allem ein Vorzeige-Camp. Clint Eastwood hat im Gästebuch seine Rührung verewigt, Caspar Weinberger in ein paar Zeilen den Kommunismus verdammt.

Vor den Lagerhäusern stehen Familienväter mit Turban und flatterndem Shalmar Kameez Schlange. Sie sind fast allesamt Analphabeten. Mit dem Daumen auf dem grünen Stempelkissen bestätigen sie, daß sie die Familienration erhalten haben, pro Kopf und Monat 15 Kilogramm Weizen, 600 Gramm Zucker, 900 Gramm Milchpulver und Speiseöl, ein wenig Tee und 18 Liter Brennstoff, um Holz zu sparen. Fünfzig Rupies will die pakistanische Regierung jedem registrierten Flüchtling pro Monat zahlen – doch das Geld versickert vorher in anderen Kanälen. Der Lagerchef bestreitet diesen Mißbrauch. Das Geld, so sagt er, werde für die Verlegung von Elektrokabeln einbehalten, er lächelt dabei.

Heute ist Weizenausgabe. Gebeugt schlurfen die Afghanen mit einem Sack auf dem Rücken davon. "Es geht den Flüchtlingen wie den Pakistani", sagt Heinz Trebbin aus Stuttgart, der für die "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" in Peschawar ist: "Sie verhungern nicht, das ist aber auch alles." Vor allem die Winter sind hart. Es kann nicht genug geheizt werden. Wer kein Lehmhaus hat, und die wenigsten haben eines, bei dem pfeift der kalte Wind durchs Zelt. Korruption hat sich ausgebreitet: Pakistanische Beamte verlangen für die Anerkennung als Flüchtling mindestens 3000 Rupies (330 Mark) – zuviel für viele Afghanen, die sich gerade geschwächt und ohne Habe ins Land geschleppt haben.

Weil die Lager offen sind, können die Afghanen etwas für den Lebensunterhalt ihrer Sippe tun. In Peschawar kontrollieren sie mittlerweile das Transport- und Motorrikschagewerbe, sie verdingen sich zu Dumping-Preisen auf dem Bau. Auch im alten Bazar mit seinen baufälligen Häusern und verschachtelten Gängen, in denen es ständig nach Fisch, Abfall und Koreandergewürz riecht, bekommen die Pakistani die Konkurrenz der geschäftstüchtigen Afghanen zu spüren. Dennoch, so ein westlicher Diplomat, sei das Verhältnis der Pakistani zu den Flüchtlingen bisher ungewöhnlich tolerant und harmonisch gewesen, Folge der tief verwurzelten Gastfreundschaft einer immer noch feudal geprägten Gesellschaft.

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Diese Gastfreundschaft hat jedoch Kratzer bekommen, seitdem mit grausamer Regelmäßigkeit Bombenattentate Menschenleben fordern. Kaum ein Tag, an dem nicht ein oder zwei schwere Explosionen Peschawar erschüttern. Die Bomben werden in Kinos, an Straßenkreuzungen oder im Bazar versteckt; dort klaffen inzwischen große Häuserlücken.

Als vor ein paar Monaten zwölf kleine Mädchen in ihrer Schule zerrissen wurden, schien die Rechnung der Bombenleger erstmals aufzugehen: Pakistanischer Mob stürmte mit Bajonetten und Maschinenpistolen das Afghanen-Lager Nasir Bagh. Nur mühsam konnte das Militär ein Massaker verhindern. Buchstäblich in letzter Minute entschärfte die pakistanische Polizei vor kurzem einen chinesischen Raketenwerfer mit Zeituhr, der auf das Ausländerviertel University-Town gerichtet war.

Nachschub für den Krieg

Ab und zu gelingt es den Pakistani, die Bombenleger zu schnappen. Meist sind es vom Kabuler Geheimdienst Khad gedungene Exil-Afghanen, die sich mit viel Geld pakistanische Helfer kaufen. Sie erwartet die Todesstrafe. Politiker wie der Führer des pakistanischen Minderheitenvolkes der Pathanen, Wali Khan, versuchen die Spannungen zu nutzen. Khan, der verdächtig gute Beziehungen zu Kabul und Moskau unterhält, macht die fundamentalistischen Mudschaheddin für Bomben und Terror verantwortlich. "Dies ist nicht unser Krieg", pflegt der greise Stammesführer auf seinen Veranstaltungen zu verkünden. Die Flüchtlinge dürfen bleiben, doch die Rebellen sollen sich mit ihren Waffen in die angeblich befreiten Teile Afghanistans zurückziehen. Khans Parolen ziehen, auf dem Land gewinnt er alle Wahlen.

Ein deutscher Kaufmann denkt mit Wehmut daran, wie Peschawar vor zehn Jahren aussah. Damals war die alte Stadt der Mogule ein verschlafenes Karawanenzentrum, das vom Handel über den vierzig Kilometer entfernten Khyber-Paß lebte. Heute ist der Paß geschlossen, aber mehr als 1,5 Millionen Menschen drängen sich in der Stadt. Slums wachsen an den Rändern wie Geschwüre.

Peschawar ist, neben Quetta in Südpakistan, das Depot für Waffen und Munition. Hier bildet das fremde Heer der Mudschaheddin seine Trupps aus. Hier sitzen auch die politischen Schaltzentralen des Widerstands. Mudschaheddin-Kommandanten kommen in die Stadt, die begehrte US-Wunderrakete Stinger zu organisieren, mit der ihre Kameraden in diesem Jahr sowjetische Jets und Hubschrauber wie Tontauben vom Himmel geschossen haben, so daß die Luftwaffe kaum noch Tiefangriffe wagt. Seit ein in Peschawar lebender Schweizer Journalist nachwies, daß ein Kommandant sechzehn Stinger für je eine Million Dollar an den Iran verscherbelte, stockt der Nachschub.

Auch die internationalen Hilfsorganisationen drängen sich in der Grenzstadt. Zehn Millionen Dollar Spendengelder, so schätzt ein Fachmann, fließen pro Tag hierher. Die Mieten haben sich verdreifacht, und auch die pakistanische Bürokratie saugt nach Kräften aus den Hilfsnäpfen. Wer mitmischen, will im Bazar der Barmherzigkeit, muß erst einmal etliche Tausend Dollar für die Zulassung über den Tisch schieben.

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Hilfe ist dringend nötig. In Peschawar arbeiten 55 Kliniken der Hilfsorganisationen mehr oder weniger erfolgreich, aber in der Provinz fehlt es oft an der nötigen Versorgung. In Afghanistan selbst sind im Augenblick kaum mehr als fünfzig Ärzte tätig; angeblich soll Kabul Kopfprämien auf sie ausgesetzt haben. Resultat: Die Kindersterblichkeit liegt bei sechzig Prozent, jede Blinddarmentzündung ist ein Todesurteil.

Der Krieg stellt Pakistan vor Probleme, von denen es vor zehn Jahren nichts ahnte. Zum Beispiel Drogen. 1979 war Heroin im streng islamischen Peschawar fast unbekannt. Heute, so schätzen Fachleute der US-Drogenbehörde, werden über achtzig Prozent des Heroins für den europäischen Markt in dieser Stadt umgeschlagen. Als Chomeini die Drogenhändler im Iran aufknüpfen ließ, verlegten die Drogenkonzerne ihre Anbaugebiete und Laboratorien in den unkontrollierten Grenzstreifen zwischen Pakistan und Afghanistan. In das sogenannte Stammesgebiet, eine dreißig Kilometer breite Schneise entlang der Durant-Linie, wagt sich kein pakistanischer Uniformträger hinein. Die kriegerischen Paschtunen-Stämme, an denen schon englische Regimenter scheiterten, haben sich der staatlichen Autorität entzogen. Der Drogenhandel blüht. Peschawar ist zum neuen Zentrum des internationalen Fixertums geworden: Im Khyber-Hotel, die Übernachtung kostet zwei Mark, dämmern nun amerikanische und europäische Drogenjunkies im Heroinrausch dahin.

Am Abend treffen sich Drogenfahnder, Ärzte und Journalisten auf einen Drink im American Club. Geredet wird wie immer über Krieg, Korruption und die Angst. "Leave the town before it’s too late", krachst Nat King Cole aus dem Kassettenrecorder: "Geht weg aus dieser Stadt, ehe es zu spät ist." Die Männer an der Bar lachen kurz auf: "Ja, das ist das Peschawar-Lied."