Vor allem die "Zwangssöwjetisierung" der afghanischen Gesellschaft in der Verwaltung, im Schul- und Gesundheitswesen beunruhigt die Mudschaheddin. Der Kabuler Parteichef Nadjibullah, in den Augen der Widerstandskämpfer trotz seiner "nationalen Versöhnungspolitik" nichts weiter als "eine Marionette Moskaus", hat mindestens achttausend Schulkinder zur Erziehung in die Sowjetunion "verschickt". Nun fürchten die Fundamentalisten im Widerstand diesen sozialen Sprengsatz modern und gottlos geprägter junger Afghanen, die in einigen Jahren in ihre Heimat zurückkehren werden. Nein, nach einem sowjetischen Abzug werde es in Afghanistan weder eine "Nacht der langen Messer" noch Bürgerkrieg geben, sagt Khales. "Die Allianz wird auch denjenigen Brüdern und Schwestern die Hand reichen, die mit den Kommunisten zusammengearbeitet haben – sofern sie sich zum Islam bekennen." Der Friede am Hindukusch ist in weiter Ferne.

Seit fast einem Jahr schwappt der afghanische Krieg über die 2200 Kilometer lange Grenze auch nach Pakistan hinein. Die Sowjets und ihre Verbündeten in Kabul haben die Taktik geändert: Weil die 200 000 Rebellen in Afghanistan nicht zu besiegen sind – noch immer kontrollieren die Mudschaheddin über achtzig Prozent des Landes –, sollen Bomben und Subversion für Unruhe in ihrer Operationsbasis Pakistan sorgen. Im Frühjahr und Sommer bombardierten afghanische MIG-Jets zum ersten Mal auch pakistanisches Territorium. Beim Angriff auf den kleinen Grenzort Ten Mangal südlich von Peschawar – dort formieren sich viele Mudschaheddin-Trecks für den Marsch nach Afghanistan – Verwandelten sowjetische Bomben die Stadt in einen rauchenden Trümmerhaufen. 150 Menschen starben, die meisten von ihnen Pakistani. Nur das Waffenlager der Rebellen blieb unversehrt. Auch bei Bombardements im Norden blieben die Pakistani wehrlos. Ehe ihre Abfangjäger abgehoben hatten, waren die Angreifer längst wieder in Afghanistan. Den Militärs in Islamabad blieb nur wütender Protest in Kabul und die Hoffnung auf die Lieferung von zwei amerikanischen Awacs-Frühwarnflugzeugen.

Pakistan trägt schwer am Krieg im Nachbarland, seit Anfang der achtziger Jahre mehr als drei Millionen Flüchtlinge über die Durant-Linie ins Land strömten. Sie leben in 250 Flüchtlingslagern, die sich in der Nord-West-Grenzprovinz konzentrieren; in der Gegend um Peschawar gibt es allein sechzig davon; 2,5 Millionen Stück Vieh von Flüchtlingen weiden auf pakistanischen Wiesen; ganze Waldgebiete sind geschlagen worden, weil es an Brennholz mangelt. Versorgung und Ernährung der Flüchtlinge kosten jährlich 367 Millionen US-Dollar. Die Hälfte kommt vom World Food Program; die andere Hälfte muß das arme Pakistan selbst aufbringen.

Zum Beispiel Camp Kascha Gari, unweit von Peschawar: 50 000 Flüchtlinge leben hier in Lehmhütten. Es gibt eine Schule, ein Witwenhaus, ein paar Ausbildungseinrichtungen westlicher Hilfsorganisationen, alles in allem ein Vorzeige-Camp. Clint Eastwood hat im Gästebuch seine Rührung verewigt, Caspar Weinberger in ein paar Zeilen den Kommunismus verdammt.

Vor den Lagerhäusern stehen Familienväter mit Turban und flatterndem Shalmar Kameez Schlange. Sie sind fast allesamt Analphabeten. Mit dem Daumen auf dem grünen Stempelkissen bestätigen sie, daß sie die Familienration erhalten haben, pro Kopf und Monat 15 Kilogramm Weizen, 600 Gramm Zucker, 900 Gramm Milchpulver und Speiseöl, ein wenig Tee und 18 Liter Brennstoff, um Holz zu sparen. Fünfzig Rupies will die pakistanische Regierung jedem registrierten Flüchtling pro Monat zahlen – doch das Geld versickert vorher in anderen Kanälen. Der Lagerchef bestreitet diesen Mißbrauch. Das Geld, so sagt er, werde für die Verlegung von Elektrokabeln einbehalten, er lächelt dabei.

Heute ist Weizenausgabe. Gebeugt schlurfen die Afghanen mit einem Sack auf dem Rücken davon. "Es geht den Flüchtlingen wie den Pakistani", sagt Heinz Trebbin aus Stuttgart, der für die "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" in Peschawar ist: "Sie verhungern nicht, das ist aber auch alles." Vor allem die Winter sind hart. Es kann nicht genug geheizt werden. Wer kein Lehmhaus hat, und die wenigsten haben eines, bei dem pfeift der kalte Wind durchs Zelt. Korruption hat sich ausgebreitet: Pakistanische Beamte verlangen für die Anerkennung als Flüchtling mindestens 3000 Rupies (330 Mark) – zuviel für viele Afghanen, die sich gerade geschwächt und ohne Habe ins Land geschleppt haben.

Weil die Lager offen sind, können die Afghanen etwas für den Lebensunterhalt ihrer Sippe tun. In Peschawar kontrollieren sie mittlerweile das Transport- und Motorrikschagewerbe, sie verdingen sich zu Dumping-Preisen auf dem Bau. Auch im alten Bazar mit seinen baufälligen Häusern und verschachtelten Gängen, in denen es ständig nach Fisch, Abfall und Koreandergewürz riecht, bekommen die Pakistani die Konkurrenz der geschäftstüchtigen Afghanen zu spüren. Dennoch, so ein westlicher Diplomat, sei das Verhältnis der Pakistani zu den Flüchtlingen bisher ungewöhnlich tolerant und harmonisch gewesen, Folge der tief verwurzelten Gastfreundschaft einer immer noch feudal geprägten Gesellschaft.