Es ist höchste Zeit, daß die Koalition dieses Thema in aller Breite und aller Öffentlichkeit diskuriert, anstatt sich hinter dem Geheimhaltungsbedürfnis der Militärs und dem Ruhebedürfnis der Politiker zu verstecken. Dabei sollte niemand so tun, als sei eine Verstärkung der konventionellen Verteidigung in den Ländern des Westens eine reale Möglichkeit; dafür findet sich weder in den Finanzen noch in der Demographie eine Grundlage. Dies gilt auch für den Fall, daß die Amerikaner aus historischer Ermüdung oder unter ökonomischem Zwang ihre europäische Garnison vermindern. Wer Stabilität sucht, muß sie auf niedrigerem Niveau suchen, nicht auf höherem. Dem Imperativ der Abrüstung sollte sich im Osten wie im Westen niemand entziehen.

Der Kieler Skandal hat die Republik erschüttert. Doch die unumgängliche Selbstreinigung darf nicht den Blick trüben für das, was Bismarck "die auswärtigen Dinge" nannte. Die Bundesrepublik, die ein Drittel ihres Sozialprodukts exportiert, lebt davon, daß die Weltwirtschaft läuft, ihr Interesse daran, daß nicht eine globale Rezession über sie hereinbricht, muß in jedem Falle größer sein als die Bewahrung ihrer monetaristischen Unschuld. Und eine erträgliche Zukunft haben die Deutschen – beiderlei Deutsche – nur dann, wenn Abrüstung endlich aus der Sphäre der hehren Anrufungen geholt und in die Wirklichkeit umgesetzt wird.

Es gibt in den auswärtigen Dingen Momente, "die nicht wiederkommen" – Bismarck hat es gewußt. Weiß es die gegenwärtige Bundesregierung? Mag sein, daß sie sich, hoffnungslos verstrickt in den inneren Wirrwarr, dieser Einsicht verschließt und damit den Augenblick des weltwirtschaftlichen Handelns wie die Chance fortschreitender Abrüstung verspielt. Sie würde es büßen müssen: Nichts könnte den nächsten Machtwechsel stärker beschleunigen als solch doppeltes Versagen.