Bei einem verheerenden Bombenanschlag in der nordirischen Stadt Enniskillen starben zehn Menschen.

Das Entsetzen über die grausige Bluttat am Gedenktag für die Kriegstoten hatte sich auf beiden Seiten der Irischen See noch nicht gelegt, die Toten waren noch nicht unter die Erde gebracht, da begannen die Hauptakteure der nordirischen Dauertragödie bereits Soll- und Haben-Rechnungen aufzumachen.

Die IRA, die sich zunächst gar nicht zu dem Anschlag bekennen mochte, und ihr politischer Arm, die Sinn-Fein-Partei, versuchten, den verheerenden politischen Schaden zu begrenzen. Doch ihre halbherzigen Distanzierungen und ihre Unverfrorenheit, den britischen Streitkräften die Schuld an der Zündung der 30-Pfund-Bombe zuzuschieben, wirken unglaubwürdig und zynisch.

Wie auch immer: Die protestantischen Opfer von Enniskillen sind eine schwere Hypothek für die IRA. Auch der katholischen Minderheit in Nordirland wird sie nun eher als Terror-Organisation denn als Zusammenschluß heroischer irischer Freiheitskämpfer erscheinen. Dabei ist die IRA nach einer Serie von empfindlichen Rückschlägen auf die Unterstützung der sympathisierenden Bevölkerung besonders angewiesen: Sie verlor eine Reihe ihrer Mitglieder, Nachschublager wurden hochgenommen, zuletzt gelang es der französischen Polizei, eine 150-Tonnen-Waffenlieferung auf hoher See abzufangen.

Die Politiker der protestantischen Parteien Nordirlands versuchten die Gunst der Stunde zu nutzen, um das verhaßte Nordirland-Abkommen zwischen London und Dublin zu Fall zu bringen. Sie drohten mit bewaffneter Selbsthilfe der protestantischen Mehrheit, riefen nach der Todesstrafe und forderten ultimativ die Kündigung des Vertrags von Hillsborough. Die Mahnung des britischen Nordirland-Ministers Tom King, Rufe nach Vergeltung für das Massaker spielten nur den Terroristen in die Hände, fielen nicht auf fruchtbaren Boden.

Die Vertragspartner in London und Dublin müssen jetzt beide über ihren Schatten springen, wollen sie in dieser angespannten Lage verhindern, daß mit dem Abkommen der für lange Zeit wohl letzte Versuch scheitert, eine langfristig friedliche Lösung für Nordirland zu finden. Die Briten sind der Meinung, bereits genug getan zu haben. Jetzt sei Dublin am Zuge. Sie verweisen auf das Mitspracherecht, das sie der Republik Irland in Nordirland eingeräumt haben, und auf den größeren Schutz für die nordirischen Katholiken vor protestantischer Provokation und Diskriminierung.

London erwartet, daß Irland die europäische Konvention gegen den Terrorismus endlich ratifiziert und sich stärker im Kampf gegen den nordirischen Terrorismus engagiert. Dublin verlangt die Aufhebung der Sondergerichtsbarkeit in Nordirland. Auch wenn es gelingen sollte, diese Kluften zu überbrücken, geht Nordirland noch blutigeren Zeiten entgegen. Allzuviele Nordiren haben ein langes Gedächtnis und allzuoft ein unstillbares Bedürfnis nach alttestamentarischer Vergeltung. Jürgen Krönig (London)