In Tunesien ist die Ära Bourguiba zu Ende gegangen.

Ein unblutiger Machtwechsel: Am vergangenen Samstag setzte Ministerpräsident Ben Ali den Staatschef auf Lebenszeit, Habib Bourguiba, ab und ernannte sich zum Nachfolger. Auf den Straßen der Hauptstadt Tunis tanzten Menschen vor Freude, die Nachbarländer und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich begrüßten die neue Regierung.

Ben Ali und sein neuer Ministerpräsident Hedi Baccouche betonten, daß die Absetzung des schon zu Lebzeiten zur Legende gewordenen ältesten Staatschefs Afrikas, Bourguiba, kein Staatsstreich gewesen sei. Vielmehr habe ihr Vorgehen dem Artikel 57 der Verfassung entsprochen; er sieht die Übernahme der Präsidentschaft durch den Ministerpräsidenten im Falle einer "völligen Verhinderung" des Amtsinhabers vor. Dieser Zustand wurde dem 86jährigen Bourguiba in einem medizinischen Gutachten von sechs Professoren attestiert.

Bourguiba hatte Tunesien 1956 in die Unabhängigkeit geführt. Er modernisierte das Land nach westlichem Muster, gab den Frauen das Wahlrecht, führte Geburtenkontrolle und allgemeine Schulpflicht ein. Doch diese Leistungen traten in seinen letzten zehn Amtsjahren eher in den Hintergrund: Er verließ den bewährten Kurs und stemmte sich gegen Reformen. Seine Willkür, besonders bei Personalentscheidungen, verschlechterte das innenpolitische Klima.

Ben Ali kündigte nun ein Reformprogramm an. Die neue Regierung sei entschlossen, "die Bedingungen für eine Demokratie zu schaffen, an der alle Tunesier aktiv und wirklich teilhaben können". Er wolle ein funktionierendes Mehrparteiensystem, Pressefreiheit und eine Verfassungsänderung durchsetzen; künftig solle eine Präsidentschaft auf Lebenszeit nicht mehr möglich sein, sagte er in einer Rundfunkansprache. Baccouche versprach eine Teilamnestie und forderte die Exiltunesier auf, in ihre Heimat zurückzukehren.

Ben Ali begann seine politische Karriere 1958 als Chef des militärischen Sicherheitsdienstes. Er gilt als Mann der Tat, der seine Mitarbeiter nach Leistung und Effizienz aussucht. Obwohl er kurze Zeit in Ungnade gefallen war, machte Bourguiba ihn 1984 zum Staatssekretär, beförderte ihn dann zum Innenminister und erst vor sechs Wochen zum Ministerpräsidenten.

Ben Alis Ausgangslage ist nicht schlecht Tunesien gilt nach dem vergangenen Touristensommer wieder als kreditwürdig, die Devisenreserven sind gestiegen, die letzten Ernten waren ausreichend und für das laufende Jahr werden fünf Prozent Wachstum erwartet. Entscheidend für seine politische Zukunft wird sein, ob ihm der Spagat zwischen restlicher Orientierung und arabischer Solidarität gelingt.

Sylvia Dahl