An der deutschen Kriegsgräberfürsorge sind nach wie vor ehemalige Waffen-SS-Männer beteiligt

Von Sabine Stamer

In Fußgängerzonen und an U-Bahnhöfen klappern die Spendenbüchsen. Ach ja, es ist November, da wird immer für die Kriegsgräberfürsorge gesammelt. Soldaten der Bundeswehr schwärmen aus, in manchen Städten auch ganze Schulklassen, nachdem sie gelernt haben, die trübtraurigen Gedenk- und Feiertage des Herbstes zu unterscheiden: Volkstrauertag, das ist der zweite Sonntag vor dem ersten Advent, seit 1952 bestimmt zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der beiden Weltkriege. Gesammelt wird für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der betreut unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“ fast eineinhalb Millionen Gräber deutscher Soldaten in 80 Ländern Westeuropas, Nordafrikas und Nordamerikas. Seinen 50-Millionen-Jahresetat bekommt der Verband zum größten Teil durch Mitgliedsbeiträge und Spenden zusammen, duchschnittlich zehn Millionen Mark pro Jahr schießt die Bundesregierung zu.

Letztes Jahr um diese Zeit war die christdemokratische Schulsenatorin Hanna-Renate Launen in Berlin nahe daran, an ihren Schulen die Unterstützung der Spendensammlungen zu untersagen. Kurz zuvor hatte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, gedroht, an den Feierlichkeiten zum Volkstrauertag künftig nicht mehr teilzunehmen. Denn – durch Zufall nur – hatte er erfahren, daß die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS (Kurz: HIAG) dem Volksbund beigetreten war. Galinski informierte die Öffentlichkeit. Selbst alte Freunde und Mitglieder des Volksbundes schimpften, auch das Verteidigungsministerium: „Wir können nicht zulassen, daß die Bundeswehr mit der HIAG in einen Topf gerät.“

Inzwischen sind die Wogen geglättet. In einem Gespräch konnte der frühere Volksbund-Präsident Eduard Haßkamp den Bundesvorstand der HIAG überreden, seine Mitgliedschaft zum Wohle der Kriegsgräberpflege, wenn auch zähneknirschend, ruhen zu lassen. Das war zwar nicht ganz gerecht angesichts der Dienste, die die ehemaligen Waffen-SSler nicht erst seit dem vergangenen Jahr, sondern schon seit Jahrzehnten, für den Volksbund leisten, aber es war für beide Seiten die bequemste Lösung: eine tiefergehende öffentliche Diskussion wurde so dezent vermieden. Der Volksbund brauchte nichts zu ändern, außer einem Paragraphen seiner Satzung. Das ging auf der Bundesversammlung vor wenigen Wochen ohne Debatte über die Bühne, und seitdem sei die Sache ausgestanden, meint der Volksbund jedenfalls. Niemanden stört es anscheinend, daß HIAG-Mitglieder in einer Reihe von Ortsgruppen nach wie vor anzutreffen sind. Nachfragen, so geben fast alle Funktionsträger des Verbandes deutlich zu verstehen, werden als überflüssig oder lästig empfunden.

Die Zusammenarbeit mit der rechtsradikalen Veteranenorganisation ist nicht das einzige Kapitel, das der Volksbund bei der eigenen Geschichtsschreibung lieber unter den Tisch fallen läßt. Bei Rückblicken auf seine Arbeit gerät die Darstellung der Zeit zwischen 1933 und 1945 immer besonders kurz. „Die Träger waren bis 1945 die Wehrmacht und die Partei, die Richtlinien über Inhalt und Ausführung erließ der Reichspropagandaminister“, heißt es lapidar in einer Broschüre. In jener Zeit sei die Arbeit eingeschlafen, behauptet der gerade abgelöste frühere Präsident, Eduard Haßkamp. Andere Mitglieder zeigen, wie der hessische Landesvorsitzende, eine vollständige Gedächtnislücke: „Da gab’s den ja nicht. Es gab damals keinen Volksbund.“ Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der sich die Aufgabe gestellt hat zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu mahnen, nimmt die heiklen Abschnitte der eigenen Geschichte davon aus.

Als Ergänzung zur amtlichen Kriegsgräberfürsorge wurde der Verband 1919 gegründet. Dem Staat fehlte es an Geld, private Spendensammlungen sollten das Finanzloch stopfen. In anderen Ländern ist die Pflege von Soldatengräbern bis heute eine nur staatliche Aufgabe. Als Mitbegründer zeichnete Siegfried Emmo Eulen, zunächst Generalsekretär und später in der NS-Zeit Bundesführer des Verbandes. 1936 verkündete Eulen, was er damals schon im Sinn gehabt hatte: „Als ich vor siebzehn Jahren den Volksbund gründete, schwebten mir die Ziele vor: die heldische Lebensauffassung im deutschen Volke wieder zu erwecken; die Ehrenstätten unserer Gefallenen in aller Welt zu Mahnmalen deutscher Art auszugestalten und die Opferbereiten zu einer Gemeinschaft im Volksbund zu sammeln. Diese Ziele waren den art- und volksfremden Machthabern des Jahres 1919 nicht genehm.“

Ein klares Programm. Durch direkte Intervention bei Goebbels erwirkte Eulen 1934 die Umgestaltung des Reichstrauertages in den Heldengedenktag. Denn dieser Tag, so schrieb er, durfte „auf die Dauer nicht ein Tag der Trauer sein, sondern muß ein Tag der Erhebung werden, ein Tag des Hoffens auf das Aufgehen der blutigen Saat“.

Der Volksbund’ sieht sich heute als ein Opfer nationalsozialistischer Gleichschaltung. Zum Beweis beruft er sich auf Streitigkeiten zwischen seinem damaligen Architekten Robert Tischler und Hitlers Wehrmacht über die Gestaltung der Soldaten-Gedenkstätten. Der Historiker Meinhold Lurz, der die Geschichte der deutschen Kriegerdenkmäler mit Akribie erforscht hat, wirft dem Volksbund vor, sich durch Umdeutung des alten Streits einen politischen Unschuldsbeweis zu erfinden. Der Volksbund-Architekt wollte, so Lurz, auf eine Kennzeichnung der Einzelgräber ganz verzichten und der Kriegstoten nur noch mit wenigen zentralen Monumenten gedenken. Die Wehrmacht wies diesen Vorschlag empört zurück und bestand darauf, daß auch in Zukunft das Grab jedes einzelnen Gefallenen gewürdigt werde. Schließlich wurde dem Volksbund 1941 ein Generalbaurat, der direkt Hitler unterstand, vor die Nase gesetzt. Dem Verband blieb nur noch die Herausgabe seiner Zeitschrift, die Pflege seiner Mitglieder und einiger Friedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg. Nicht grundsätzliche politische Differenzen, sondern Konkurrenz, so Historiker Lurz, gaben den Nazis 1944 Anlaß zu der Überlegung, den Volksbund zu verbieten. Der Sieg der Alliierten kam einer Entscheidung zuvor.

Nach Kriegsende zeigte sich der Verband umgehend demokratisch. Er sei dem Anliegen der NSDAP „immer energisch und mit Erfolg entgegengetreten“ und sehe nun seine Aufgabe darin, „im Geist des Antifaschismus“ das Elend künftiger Kriege zu vermeiden, verkündete der stellvertretende Bundesgeschäftsführer 1945.

Dementsprechend, das ist nur logisch, war jedes Umdenken einfach überflüssig. Der Volksbund widmete sich der Pflege der neuen Gräber in alter Gewohnheit – und mit demselben Personal. Robert Tischler zum Beispiel blieb bis zu seinem Tode 1959 Chefarchitekt und gestaltete die Grabstätten endlich in seinem Sinne. Otto Margraf, unter Hitler Bundesamtsführer, war von 1949 bis 1960 Generalsekretär des Volksbundes. Margraf noch 1944: „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bedeutet Besinnung auf Ehre und Größe der Nation, auf die heldischen Opfer und den Todesmut unserer Gefallenen... auf das Deutschtum überhaupt ...“ Zum Präsidenten wurde 1946 Wilhelm Ahlhorn erkoren, vormals Vertreter des Bundesführers und Gründers Emmo Eulen. Der Volksbund stiftete 1952 als seine höchste Auszeichnung die „Siegfried-Emmo-Eulen-Plakette“. Ihre Verleihung wurde 1963 eingestellt. „Das hatte nicht unbedingt mit Siegfried Emmo Eulen zu tun“, erklärt der heutige Pressesprecher Gert Soltau. Man habe entdeckt, daß es außer Eulen auch noch andere verdienstvolle Mitbegründer der Organisation gegeben habe.

Es verwundert kaum, daß es damals – genauer gesagt am 1. Januar 1958 – niemandem unangenehm auffiel, daß die Bundesverbindungsstelle der HIAG, Vorläufer des bereits erwähnten HIAG-Bundesverbandes, Mitglied im Volksbund wurde. Was im vergangenen Jahr kurzfristig Wirbel verursachte, war im Grunde nur eine ungeschickt ausgeführte Formalität: Der Name der HIAG hat sich vor einiger Zeit geändert, aus der Bundesverbindungsstelle wurde der reguläre Bundesverband. Anläßlich der Diskussion um Bitburg, so der Vorsitzende der HIAG Friedrich Karl Weibel, habe man endlich beschlossen, die Eintragung im Mitgliedsregister zu berichtigen. Die Zusammenarbeit war beinahe drei Jahrzehnte zur gegenseitigen Zufriedenheit verlaufen. Der Landesverband Bayern des Volksbundes verlieh einem HIAG-Kreisverband 1966 gar das Fahnenehrenband „mortui viventes obligent“. Und der hessische Volksbund ehrte August Hoffmann, den Bundesbeauftragten der HIAG für die Kriegsgräberfürsorge, vor wenigen Jahren mit der Silbernen Ehrennadel;

Der Volksbund gibt sich gern unpolitisch: als ein Verband, der nur Gräber pflegt und für den Frieden arbeitet: „Dabei haben wir nie danach gefragt: Wo kommst du her?“ sagte der frühere Präsident Haßkamp gern zur Zeit des kleinen Eklats im letzten Jahr. Bis heute hat der Volksbund kein Wort zur Zusammenarbeit mit dem rechtsradikalen Veteranenverband an die Öffentlichkeit gebracht. Einige der 380 000 Mitglieder klagten eine solche Stellungnahme letztes Jahr vergebens ein. Inzwischen scheint darauf niemand mehr Wert zu legen. Auch die Bundesregierung nicht. Immerhin darf der Volksbund einmal jährlich einen nationalen Feiertag der Republik eine Gedenkstunde des Deutschen Bundestages, an vorderster Front mitgestalten.