Norbert Blüm brachte das Problem, vermutlich unfreiwillig, auf den Punkt, als er vor dem Deutschen Bundestag im März 1987 erklärte: "Wir stellen die Rentenversicherung nicht auf den Kopf, sondern wollen ihre Weiterentwicklung." Dabei vergaß er hinzuzufügen, daß es bei der Rentenversicherung auch nichts mehr auf den Kopf zu stellen gibt. Da steht sie nämlich bereits. Bei ihrer Reform geht es darum, sie endlich auf ihre Füße zu stellen.

Was heißt das konkret?

Altersvorsorge und die aus ihr erwachsende Alterssicherung sind nur durch Zukunftsinvestitionen möglich. Nur wer in die Zukunft investiert: in Humankapital, sprich Kinder, Produktiv- und Sachvermögen, Forschung und Entwicklung, Infrastrukturen und anderes mehr, sorgt für sein Alter vor. Wer sich hingegen darauf beschränkt, Beiträge an die Rentenversicherung abzuführen, leistet damit nur insoweit Altersvorsorge, als er der nachwachsenden Generation ein gutes Beispiel gibt, wie Aktive für nicht mehr Aktive sorgen sollten. Wirtschaftliche Substanz hat diese Art von Vorsorge jedoch nicht.

Diese Grundwahrheit wird vom bestehenden System beharrlich mißachtet. Daß sie dennoch unangreifbar ist, zeigt eine einfache Überlegung: Wenn die heute aktive Generation nicht die Voraussetzungen schafft, daß die Wirtschaft auch in zwanzig oder dreißig Jahren hochleistungsfähig ist, bieten ihre heutigen Beitragsleistungen kaum Sicherheit in ihrem Alter. Der Wert dieser Beiträge steht und fällt mit Maßnahmen der Zukunftsvorsorge, die ausnahmslos außerhalb des gesetzlichen Systems der Alterssicherung liegen.

Das sich abzeichnende Rentendilemma offenbart nicht nur die Absurdität, sondern auch die Gefährlichkeit der bestehenden Konstruktion. Denn würden die heute Aktiven ausreichend für ihre Zukunft vorsorgen, könnten wir uns die ganze Debatte ersparen. Doch sie tun es offenkundig nicht, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie in Sachen Alterssicherheit vom bestehenden System massiv in die Irre geführt werden. Wer in Anbetracht dieses Sachverhaltes noch behauptet, das bestehende System habe sich bewährt, weiß allem Anschein nach nicht, wovon er redet.

Aktive verantwortlich

Die vor uns liegenden, von niemandem mehr bestrittenen Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Alterssicherung sind die vorhersehbare und fast mathematisch exakt ableitbare Folge des gegenwärtigen Verhaltens der Aktiven. Diese Probleme kommen nicht über uns wie Schicksalsschläge, sondern sie werden Schritt für Schritt programmiert. Die heute Aktiven sind in ihrer Gesamtheit für die kommenden Probleme allein verantwortlich. Sie haben es in der Hand, sich so oder anders zu verhalten.