Warum den Franzosen der Spaß an der Politik abhanden gekommen ist

Von Roger de Weck Skandale, Affären – die Deutschen sind damit reichlich gesegnet Aber wie sieht es anderswo aus? Frankreich ergeht es nicht besser. Auch dort wächst das Unbehagen am

ungenierten und skrupellosen Gebaren der politischen Klasse.

Paris, im November

Allabendlich um acht Uhr finden sich die Franzosen vor dem Bildschirm zum "Hochamt" ein, zur halbstündigen Nachrichtensendung – eine heilige Tradition, die auf die Anfänge des französischen Fernsehens zurückgeht. Da ist jeweils zu erfahren, was der Präsident der Republik, der Premierminister und all jene, die für Aktualität sorgen, gesagt oder getan haben. So ergibt sich auf fast allen Kanälen der tägliche Treffpunkt zwischen Frankreich und seiner classe politique: jener standesbewußten Kaste der Parteiführer, Minister und sonstiger Amtsträger, die Politik als ihr persönliches Eigentum ansehen.

Nur der Privatsender Canal Plus erspart seinen Zuschauern Weihrauch und "Hochamt". Während François Mitterrand oder Jacques Chirac auf den anderen Programmen Bedeutsames von sich geben, strahlt Canal Plus sein Journal des nuls aus. In dieser "Tagesschau der Taugenichtse" kommt die classe politique schlecht weg, schlechter geht es gar nicht. Da erscheinen die Politiker als eine lächerliche Clique von Schwindlerin, Schwätzern, Schwachköpfen und Schwerenötern, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Zur besten Sendezeit findet der Klamauk einen Riesenanklang, weil er den Bürgern das Bild vorführt, das sie von der politischen Klasse haben.

Was ist mit den Franzosen los? Den Bürgern der ältesten Republik auf dem Alten Kontinent scheint das Interesse an der Politik, der Spaß am Politisieren vergangen zu sein. Es ist kein oberflächliches Phänomen; den Einwand, wonach seit jeher allen Politikern dieser Welt Mißgunst entgegenschlägt, erheben nur wenige in Frankreich. Die classe politique ist sich der zwischen Volk und Volksvertretern eingetretenen Entfremdung mehr und mehr bewußt. Aber bislang vermochte niemand Abhilfe zu leisten, im Gegenteil.