Von Martin Ahrends

Elf Jahre nach Wolf Biermanns Ausbürgerung ist in der DDR ein Nach-Biermann aufgetaucht, der sich vehement auf Gorbatschowam-Horizont beruft. Sowohl seine persönliche Entwicklung als auch die Richtung, in der er über sein Vorbild Biermann "hinausgeht", sind bezeichnend für die Degeneration der gesellschaftlichen Selbstverständigung dort, wo sie seit Jahrzehnten staatlich reglementiert wird. Stephan Krawczyk stand als Liedermacher in der DDR am Beginn einer Bilderbuchkarriere, er war Parteigenosse, er konnte Gitarre spielen, halbwegs singen und hielt sich mit seinen Texten an die Regeln. 1981 erhielt er bei den "Tagen des Chanson" den Hauptpreis des Kulturministers; jetzt hätte er es vielleicht ohne besondere Kraftanstrengung zum Ruhm eines Reinhold Ändert oder Gerhard Schöne bringen können. Weiß der Himmel, was ihn davon abhielt; Biermann-Lieder scheinen jedenfalls einen gewichtigen Anteil an seiner Entscheidung zum Ausscheren gehabt zu haben. Der Gestus der Gitarrenbegleitung und des Gesanges verraten deutlichst das Vorbild. Und im Jahre ’85 dann das erste wirklich aufmüpfige Lied, die erste bewußte Überschreitung der Grenze – und das prompte Auftrittsverbot.

Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt diese unsichtbare Grenze sehr genau, man muß sie ja täglich beachten. Und man hat ein sehr ausgeprägtes Empfinden dafür entwickelt, wann sie überschritten ist. So etwas passiert einem nicht, für so etwas entscheidet man sich. Krawczyk hat sich entschieden, und er trägt die Konsequenzen, die immerhin andere sind, als diejenigen, die Biermann vor elf Jahren mit seiner Ausbürgerung zu tragen hatte. Stephan Krawczyk profitierte zunächst vom Agreement zwischen Staat und Kirche, das seit 1978 wirksam ist und der Kirche eine relative Autonomie in ihren Veranstaltungen zubilligt. Statt in staatlichen Kulturhäusern trat er nun in Gemeindesälen und Kirchen mit seinen Liedprogrammen auf. Das (selten "gläubige") Publikum strömte herbei, die Kollekten reichten für den Lebensunterhalt, man bestärkte ihn in seinem mutigen Außenseitertum. Nun wurde er im DDR-Kulturministerium zum Verzicht auf weitere Aufführungen aufgefordert, die inhaltlich den Interessen der DDR widersprächen. Sollte er dennoch weiterhin auftreten und sich hieraus "Konsequenzen" für ihn ergeben, könne er vom Kulturministerium keine Unterstützung erwarten. Gleichzeitig wurde eine innerkirchliche Auseinandersetzung um Krawczyks Liederprogramme geführt, wobei sich viele evangelische Gemeindekirchenräte auch weiterhin für die Einladung des Liedermachers aussprachen. Monatlich etwa zehn Auftritte waren bis ins nächste Jahr hinein fest verabredet, als Krawczyk kürzlich zur Volkspolizei vorgeladen wurde, wo man ihm mitteilte, daß er und seine Lebensgefährtin Freya Klier mit Ordnungsstrafen zwischen 500,– und 1000,– Mark zu rechnen hätten, sobald sie dem Auftrittsverbot zuwider handelten. Diese Ordnungsstrafen hatten bis dahin die jeweils einladenden Kirchen zu zahlen. Ihren vorerst letzten Versuch, öffentlich aufzutreten (am 14. 11. in Forst/Lausitz) schilderte Freya Klier so, daß etwa 40 Staatssicherheitsbeamte die Kirche umstellt hätten, um notfalls einen Auftritt zu verhindern und um den Gemeindekirchenrat einzuschüchtern. Zuvor wären die Mitglieder des Gemeindekirchenrates einzeln zur Polizei vorgeladen worden, und ihnen sei dringend dazu geraten worden, die Einladung an Krawczyk rückgänging zu machen. An diesem Abend wurde Stephan Krawczyk dann auch kirchlicherseits wieder ausgeladen; drei Fahrzeuge der Staatssicherheit eskortierten ihn an die Grenze des Bezirkes Cottbus.

Nach Meinung von Stephan Krawczyk und Freya Klier dürfte dies ihr letzter "Auftritt" gewesen sein, so massiven Druck der "Organe" stünden die Gemeindekirchenräte nicht durch. Dennoch wollen sie weiterhin versuchen, jede Auftrittsmöglichkeit zu nutzen, Ordnungsstrafen wollen sie nicht zahlen, sondern pfänden lassen. Wovon sie sich und die 13jährige Tochter künftig ernähren wollen, ist ungewiß (in der DDR gibt es keine "Sozialhilfe" als Rechtsanspruch).

Das mag nun als ein waghalsiges Experiment zur Flexibilität der Staatsorgane, zur Tragfähigkeit des Burgfriedens zwischen Staat und Kirche erscheinen. Es ist aber zumindest auch der Versuch zweier DDR-Künstler, ihren Beruf so auszuüben, wie es ihrem Berufsethos entspricht. Freya Klier hat insgesamt neun Jahre Schauspiel und Theaterregie studiert und war an verschiedenen Theatern ab Schauspielerin tätig. Nach zwei hochgelobten Inszenierungen am Schwedter Theater (eine wurde auf den Werkstattagen des DDR-Theaters mit dem "Sonderpreis Regie" ausgezeichnet) hatte sie verlockende Angebote von großen Bühnen. Aber nach einer Inszenierung mit Studenten der Berliner Schauspielhochschule bekam sie zunehmende Schwierigkeiten, es handelte sich um ein Stück mit heiklem Thema: Die Machtkämpfe zwischen den Bolschewiki und den anderen revolutionären Kräften nach der Oktoberrevolution. Ein Berufsverbot wurde ihr nie ausgesprochen, doch alle DDR-Theater sind staatlich, und es genügt, solch ein Verbot "anzuordnen".

Freya Klier und Stephan Krawczyk wollen keinen "Rausschmiß" provozieren, sie wollen in der DDR leben und arbeiten. Sie halten dieses Ansinnen trotz ihrer – wie sie es nennen – produktivkritischen Einstellung zum real existierenden Sozialismus nicht für unrealistisch und berufen sich auf die Erneuerungspläne des KPdSU-Vorsitzenden Gorbatschow. In einem offenen Brief, den die beiden Künstler an den Chef-Ideologen Kurt Hager geschrieben haben, und der bisher unbeantwortet blieb, widersprechen sie dem Hager-Bonmot, daß die DDR im Gegensatz zur Sowjetunion durchaus keinen "Tapetenwechsel" nötig habe: "Die Politik der DDR wurde in fast vier Jahrzehnten derartig stark von der Entwicklung der Sowjetunion geprägt, daß wir hier durchaus unter ganz ähnlichen Konflikten leiden wie die Menschen dort." Als Beispiele genannt werden eine gesellschaftliche Apathie, und das Gefühl junger Menschen, zukunftslos zu sein.

Im Gegensatz zu Biermann hat Krawczyk das Land nicht gewählt, in dem er Lieder machen wollte. Wo Biermann aus Trauer und Sehnsucht, aus Wut und Lebensgier allemal Glut schlug, da schlägt Krawczyk aus Bitterkeit und Verhärtung zynisch kalte Funken. Seine Lieder sind, wo Biermann noch vom Kommunismus träumte, im kleinkarierten DDR-Alltag angekommen. "Das kann doch nicht alles gewesen sein" – sang Biermann zum volltönenden Harmonium seine trunkene Lebenssehnsucht; Krawczyk krächzt es trocken und hart herunter "Bin ich wirklich schon verkommen/zu ’ner Art Verbraucherschlauch/mit ’ner Öffnung oben, unten/in der Mitte gluckst der Bauch". Auf dem Bandoneon zirpt er dazu ein Feuerwehrsignal aus häßlich schrägen Sekundklängen. – "Butter klebt uns an den Mündern, warum also täglich schrein? ... lachen ist noch, tanzen geht noch, reden hab ich zwei gehört.. .Ich hab noch nie Dreck gefressen/ich bin noch nicht abgestürzt/ich verkoch auf kleiner Flamme/angebrannt und ungewürzt... Das Gefühl, daß ich schon tot bin/das gibt mir den Lebensstoß/gut, heut Nacht werd ich verdauen/aber morgen geh ich los..." Radikaler und ärmer sind diese Lieder, "unversöhnlicher", würde es wohl im DDR-Beamtendeutsch heißen. Das Thema der Umweltgefährdung spielt eine große Rolle. Und sie gehen auch darin ein Stück weiter als Biermann es konnte, daß sie den Exodus in Richtung Westen widerspiegeln.

In einem seiner Lieder bittet Krawczyk die ausgereiste Freundin, die nun Italien bereist, ihm keine Ansichtskarten mehr zu schreiben, damit ihn das Fernweh nicht in die Knie zwinge.

"Ach, Italien, traumverklärtes Stückchen Sehnsucht,/gerne hätt ich deinen Stiefelschacht geküßt./ Eifersüchtig sind die/Herren hier der Meinung/daß ich erstmal ihre Stiefel küssen müßt..." Krawczyk singt gegen die verdammte Sehnsucht an, die ihn von den Italienpostkarten her befällt. Biermanns Sehnsucht hieß noch Kommunismus.

"Fetzen greller Vogelschreie/dringen durch die Mauerritzen/jetzt im Zug nach Genua sitzen/endlich auf dem Sprung ins Freie/fast im Mittelmeer ersaufen/ ... dann die Rückfahrkarte kaufen ..." Wenn man ihn nur "rüberließe", will er "neidlos ostwärts trampen/und nicht mehr nach westen schielen".

Muß der Fall Klier/Krawczyk, der Versuch zweier mit staatlichen Auszeichnungen dekorierter junger DDR-Künstler den bekannten, den stereotypen Verlauf nehmen, daß man sie auf diese oder jene Weise "abtreibt", hinter der Mauer "abkippt", wie es Krawczyk nennt? Oder bekommen sie eine Chance, die Grenze zwischen erlaubter und unerlaubter Wahrheit anzugehen? Bis sie nicht mehr gezwungen sind, sich dem dummen Entweder-Oder zu unterwerfen: Entweder du bist ein sozialistischer Staatskünstler oder du bist ein nichtswürdiger Dissident –?