Von Uwe Sander

Aids, das Immunschwäche-Syndrom, verbreitet Schrecken auch dort, wo es den Menschen nicht unmittelbar trifft. Die bloße Witterung der Gefahr einer Infektion erzeugt Ängste. Es sind oft übersteigerte Ängste. Im Extremfall führen sie zu einer Aids-Phobie, die sich in der völlig unbegründeten Überzeugung äußern kann, bereits infiziert zu sein – trotz mehrfacher, sämtlich negativer Tests.

Über Aids-Hysterie ist in der Öffentlichkeit schon viel geredet worden, von wissenschaftlicher Seite war darüber bislang nur wenig zu erfahren. Das massenpsychologische Phänomen ist schwer einzufangen, noch schwieriger, es zu analysieren. Ärzte und Wissenschaftler bemühen sich jetzt um das Studium der krankhaften Extrem-Variante dieser Hysterie, der pathologischen Aids-Phobie.

Um Strategien im Umgang mit davon betroffenen „eingebildeten Aids-Kranken“ zu entwickeln, trafen sich kürzlich in München fast dreihundert Ärzte und Psychologen. Das Thema Aids-Phobie nehme in der Beratungsarbeit, in Kliniken und bei Hausärzten einen zunehmend großen Raum ein, sagte der Veranstalter des Workshops, der Münchner Internist Dr. Hans Jäger. Er hat seinen Blick für die psycho-sozialen Probleme der Aids-Epidemie geschärft durch zweijährige Arbeit in einem New Yorker Krankenhaus, in dem schon sehr früh Immunschwäche-Patienten behandelt wurden. Die von ihm zusammengerufenen Psychiater und Psychologen, Mitarbeiter von Aids-Hilfe-Gruppen und Fachärzten für Infektionsmedizin referierten über ihre Erfahrungen mit unterschiedlich stark betroffenen Hilfesuchenden – Hypochondern, Phobikern, Aids-Ängstlichen.

Kernstück des Workshops war eine Aids-Phobie-Studie des Städtischen Krankenhauses München-Schwabing, die weltweit die erste dieser Art ist. Darin wurden die Krankheitssymptome von sechzig Betroffenen analysiert, von Menschen, die sich ohne Grund infiziert wähnten und in ihrer Verzweiflung die Aids-Beratungsstelle der Klinik angerufen hatten.

Alle Ratsuchenden hatten sich mindestens einmal, die meisten aber mehrfach, einem Aids-Antikörpertest unterzogen. Die Ärzte bescheinigten ihnen jedesmal, daß sie völlig gesund seien. Zwar waren, wie Hans Jäger und seine Mitarbeiter feststellen konnten, die Phobiker „nach diesem Test immer so zwei, drei Tage beruhigt, dann aber tauchten wieder große Ängste auf“. Mehr noch: Je häufiger die Tests, desto heftiger die Symptome – „Nachtschweiß, Durchfall, Appetitlosigkeit, zum Teil auch Gewichtsverlust... vor allem aber Abgeschlagenheit und Müdigkeit, die üblichen, aber unspezifischen Symptome“ bei Aids im frühen Stadium.

Dabei bestand oft gar kein erkennbarer Grund zur Angst. In über 70 Prozent der untersuchten Fälle waren die Hilfesuchenden weder homosexuell, noch drogenabhängig, gehörten also nicht zu einer Gruppe von Hauptbetroffenen, eine Ansteckung sei bei ihnen überhaupt nicht zu erwarten gewesen. Die große Angst bei geringem Risiko ist laut Jäger „Kennzeichen der Aids-Phobie“.