Von Eberhard Rondholz

An dieser Stelle begegneten wir einem Zug, der nordwärts fuhr ... Es waren Männer von Kreta,... die gelassen ihr Heldentum trugen und ruhig und kameradschaftlich, als wäre es weiter nichts gewesen, von den Kämpfen auf Kreta erzählten, die wohl viel heldenhafter waren, viel kühner und bitterer als die Kämpfe um Troja ... Um jeden von ihnen schwebte der Flügelschlag des Schicksals. Es wehte homerische Luft.“

Dieses erlesene Stück großdeutscher Prosa hat im Sommer 1941 der Unteroffizier Erhart Kästner verfaßt; es entstammt einer Auftragsarbeit für den Befehlshaber im Luftgau Südost. Der eine oder andere Veteran der Landung auf Kreta wird auch noch heute seine Freude haben an dem homerischen Vergleich. Doch die meisten von ihnen ergötzen sich vermutlich lieber an weniger ambitionierter Landserliteratur, dem „Sieg der Kühnsten“ aus der Feder des Fallschirmjäger-Generals Kurt Student beispielsweise, oder an dem Memoirenwerk „Hurra, die Gams“, verfaßt von dem ebenfalls an der Landung beteiligten Generalmajor Julius Ringel, und anderen Kultbüchern, wie sie auch die Bundeswehr jenen jungen Soldaten zur Lektüre empfiehlt, denen der Wehrdienst eine Dienstreise zum Raketen-Schießplatz der Nato bei Chania auf Kreta beschert. Die Lese-Empfehlung findet sich in einem „Kleinen militärgeschichtlichen Wegweiser“ über die Insel Kreta, aus dem sie unter anderem erfahren sollen, was ihre Großväter am selben Ort vor fast einem halben Jahrhundert so getrieben haben.

Zur Erinnerung: Im Mai 1941 wurde Hitlers Balkanfeldzug mit der Eroberung Kretas abgeschlossen. Diese, „Unternehmen Merkur“ genannte, Operation war die erste Invasion aus der Luft in der Kriegsgeschichte. Sie war strategisch sinnlos, die Verluste waren enorm, dafür befriedigte sie den Ehrgeiz des Generals Student, der alsbald mit seinem Heldenepos „Sieg der Kühnsten“ für eine Verklärung des Gemetzels sorgte, und von dieser Gloriole des Heroismus ist das Kreta-Abenteuer bis heute umgeben. Immer noch wird vom „Sieg der Kühnsten“ an manchem Stammtisch schwadroniert (gelegentlich auch, bei organisierten Gruppenreisen an den alten Tatort, am griechischen Tavernentisch).

Was die kühnen Sieger nach der Landung bis zu ihrem Abzug im Sommer 1945 unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben, das wurde so erfolgreich verschwiegen und so nachhaltig verdrängt, daß bis heute in der Bundesrepublik kaum jemand etwas davon weiß. Und so erfahren denn auch die Leser des „Kleinen militärgeschichtlichen Wegweisers“, der doch dazu beitragen soll, die „deutschen Gäste auf Kreta mit dem Land, seiner Geschichte und den Menschen, die dort leben, vertrauter zu machen“, davon so gut wie nichts.

Welches Stück Geschichte die Wehrmacht an diesem Ort geschrieben hat, das erfahren die Bundeswehr-Soldaten, die auf der kretischen Nato-Basis NAMFI Raketenschießen üben, aus einem Kapitel Kriegsberichterstattung, das der erwähnten Landserliteratur im Ton nicht nachsteht. Als tolle Kerle erlebt man sie da, General Students Fallschirmjäger, wie sie da „vorprellen“ und „nachstoßen“, „energisch nachdrücken“ und „mit Energie in die Tat umsetzen“, „vom Gegner säubern“, „kühn die Planung, kühn die Tat“. Die Verluste waren hoch, zugegeben, aber „sie wären gerechtfertigt gewesen, wäre diese Schlacht der Auftakt dazu gewesen, die britische Vorherrschaft im Mittelmeer zu brechen“. Kurz, es ist wehrkundlicher Lesestoff besonderer Qualität, den das Haus Wörner da unter die Kameraden bringt, und da ändert es auch nicht viel, wenn in einer Einführung einmal kurz von dem „verbrecherischen Regime“ die Rede ist, dem die Kreta-Kämpfer dienten.

Beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg, das für die Kreta-Broschüre verantwortlich zeichnet und das bisher für seine seriösen zeitgeschichtlichen Publikationen bekannt war, ist man über das Produkt inzwischen nicht mehr besonders glücklich und wird, nachdem die ersten 6000 Exemplare jetzt vergriffen sind, eine Überarbeitung vornehmen. In dem neuen Text will man zumindest „die Problematik der deutschen Besetzung und des kretischen Widerstandes deutlicher konturieren“. Wie deutlich, das wird man sehen. Was es mit dieser „Problematik“ auf sich hat, darüber ist einiges in einem kleinen Buch nachzulesen, das der durch seinen Roman „Alexis Sorbas“ weltberühmt gewordene Schriftsteller Nikos Kazantzakis 1945 geschrieben hat. Sechs Wochen lang war er im ersten Sommer nach dem Krieg, begleitet von den Universitätsprofessoren Kalitsounakis und Kakridis, in einem von der Wehrmacht zurückgelassenen Kübelwagen kreuz und

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quer durch Kreta gefahren, und hatte mit Entsetzen gesehen, was vier Jahre Okkupation aus seiner geliebten Heimatinsel gemacht hatten: verbrannte Erde.

Brennend, mordend und plündernd waren die Besatzungstruppen über zahllose Dörfer hergefallen, wann immer die Kreter die Eindringlinge angriffen. 8800 bei sogenannten „Sühnemaßnahmen“ der Deutschen zerstörte Häuser notierte Kazantzakis, kaum ein Dorf, das keine Toten zu beklagen hatte, von den regelmäßigen Plünderungen, den vielen zerstörten oder als Ställe mißbrauchten Kirchen und den geraubten Ikonen gar nicht zu reden. In der Provinz Rethymnon, so ermittelte Kazantzakis, war die Landwirtschaft zu achtzig Prozent zerstört. Geplündert worden waren hier: 384 000 Oka Weizen (eine Oka entsprach 1,23 Kilo), 250 000 Oka Olivenöl, 25 200 Schafe und Ziegen. Die Kreter zahlten für ihren Freiheitswillen und für ihren Beitrag zur Befreiung Europas vom braunen Terror einen hohen Preis.

„Sühnemaßnahmen“ hießen bei der Wehrmacht die Rachefeldzüge der Okkupanten, sie wurden angeordnet, wann immer die kretischen Partisanen Überfälle oder Sabotageakte verübten oder britische Soldaten auf der Flucht versteckten. Für ihre Mitwirkung beim Kampf gegen das Nazi-Regime wurden die Kreter nach dem Krieg von den Briten mit allerlei Dankadressen bedacht. In der Kreta-Broschüre der Bundeswehr wurden sie dafür als von den Briten zum Heckenschützen-Krieg verführt abqualifiziert, als Leute noch dazu, die ihre gefallenen Gegner meist ohne Erkennungsmarke „verscharrten“.

Wie die Deutschen ihre Gegner beerdigten, davon haben die Einwohner des schwer heimgesuchten Dorfes Alikianos dem Schriftsteller Nikos Kazantzakis im Sommer 1945 zum Beispiel dies erzählt: „Am 2. Juni exekutierten sie auf dem Kirchhof 42 Männer, vor den Augen ihrer zum Zuschauen gezwungenen Frauen, als Sühnemaßnahme für die während des Angriffes getöteten Fallschirmjäger. Die Todgeweihten mußten mit eigener Hand ihre Gräber ausheben. Nachdem die Deutschen ihnen ihr Geld, ihre Ringe und Uhren abgenommen hatten, erschossen sie sie in Zehnergruppen und warfen ihnen jeweils – anstelle von Gnadenschüssen – noch eine Handgranate hinterher. Viele sind lebendig begraben worden. Augenzeugen berichten, daß sich die auf die Erschossenen geworfene Erde noch von den Todeszuckungen der so Begrabenen bewegte.“

Die Besatzungstruppen, die sich selbst in der Regel nicht an die Mindeststandards des Kriegsvölkerrechts hielten, pflegten ihre Repressalien gegen die Zivilbevölkerung damit zu begründen, daß sie diese so zur Einhaltung des Kriegsrechts zwingen wollten. Ein Fehlschlag, wie die deutschen Generäle bald feststellen mußten. Aber daß die Repressalien den beabsichtigten Zweck der Abschreckung der Bevölkerung nicht erreichten, sondern das Gegenteil bewirkten, nämlich „verstärkten Haß gegen die Deutsche Wehrmacht und damit verstärkten Zulauf zu den Banden“ auslösten, wie etwa General Speidel es ausdrückte, hielt die meisten Kommandeure nicht von ihrer Terrorpolitik ab.

Eines der schlimmsten Massaker, berichtet Kazantzakis, geschah im September 1943 in der Gemeinde von Ano Viannos: „Am 14. 9. sollte eine der größten Katastrophen hereinbrechen, die Kreta während der ganzen Besatzungszeit erlebt hat. Die Deutschen überfielen die Dörfer von Viannos – Amira, Vachjos, Kephalovrissi, Krevatas, Aghios Vassilis, Pevkos, Kato Symi, Gdochia, Myrtos, Mournies, Malles und andere. Nachdem sie schon vorher auf dem Hinweg jeden getötet hatten, der ihnen begegnete – Männer, Frauen, Kinder – trieben sie in den Dörfern selbst alle Männer zusammen und exekutierten sie in Gruppen.“

In der geheimen Tagesmeldung des Oberkommandos der Heeresgruppe E an den Oberbefehlshaber Südost vom 22. 9. 1943 hieß es hinterher zynisch und knapp: „... 440 Banditen tot, 200 Festgenommene, 3 Bändenortschaften zerstört. Geringe eigene Verluste ...“

An anderer Stelle beschreibt Kazantzakis das Schicksal der Frauen von Kali Sykia, einem Dorf, das dem Partisanenführer Bandouvas mit Informationen und Proviant geholfen haben soll: „Da die Männer das Dorf verlassen hatten, trieben die Deutschen nach ihrer Ankunft alle Frauen am Brunnen zusammen zum Verhör, um zu erfahren, wo die Männer seien und die Waffenverstecke. Zur Einschüchterung hatten sie die MGs auf die Frauen gerichtet. Da die Frauen aber nichts verrieten, setzten sie vier Häuser in Brand und befahlen den Frauen, denen die Häuser gehörten, sich vor ihnen aufzustellen. ... Evangelia Grintaki hielt ihr zweijähriges Kind in den Armen. Die Deutschen nahmen es ihr weg, warfen es auf die Straße und die Frau in das brennende Haus, wo sie in den Flammen umkam. Malamatenia Petraki und Maria Nikitara wurden in das brennende Haus des St. Stavroulaki geworfen ...“

Und so geht das weiter, Seite um Seite. Unter den Opfern immer wieder Frauen, Kinder und Greise. In den offiziellen Meldungen der Truppe finden sich diese Opfer gelegentlich als „erschossene Banditen“ wieder. Aber der tatsächlichen „Banditen“, wie die kretischen Freiheitskämpfer im Jargon der Wehrmacht hießen, wurde man nur in den seltensten Fällen habhaft.

Es sei davon auszugehen, machte im Jahr 1951 das Augsburger Landgericht in einem Urteil gegen einen ehemaligen Hauptmann der Wehrmacht zur Entlastung geltend, „daß mit dem Begriff Partisanen, wie er auf deutscher Seite im Jahr 1944 gebraucht wurde, alle Zivilpersonen im besetzten Gebiete verstanden wurden, welche der Begehung feindseliger Handlungen gegen Personen und Sachgüter der deutschen Kriegsmacht auch nur in etwa verdächtig waren. Diese Auslegung des damals gebrauchten Begriffes ergibt sich aus der Aussage der sämtlichen damals auf Kreta weilenden Zeugen. Das allgemeine Bewußtsein ging damals jedenfalls in diese Richtung“.

Und dasselbe Gericht nannte es einen Akt „völkerrechtlicher Notwehr“, wenn „verdächtige Personen, die sich im Vorfeld der deutschen Hauptkampflinie aufhielten und nicht sofort als harmlos zu erkennen waren, ohne Standgerichtsurteil auf Befehl von Offizieren erschossen wurden.“

In dem Gerichtsverfahren ging es um einen vergleichsweise „kleinen“ Zwischenfall. Ein Hauptmann S. hatte sechs Zivilpersonen erschießen lassen, die „nicht sofort als harmlos zu erkennen waren“. Er wurde in Augsburg freigesprochen, in der einzigen Hauptverhandlung übrigens, die jemals vor einem westdeutschen Gericht wegen der Kriegsverbrechen auf Kreta stattgefunden hat.

Wie viele Opfer die „Sühnemaßnahmen“ auf Kreta insgesamt gefordert haben, das hat Nikos Kazantzakis nur schätzen können. „Wenn wir aber in Rechnung stellen, daß allein die offizielle Statistik des Departements Rethymnon 905 Exekutierte aus 130 Gemeinden anführt und berücksichtigen, daß die Departements Heraklion und Chania die Hauptbetroffenen waren, dürfte die Zahl der Exekutierten 3000 ziemlich nahekommen.“ Ein Jahr später bezifferte das Athener Landgericht, das die Kreta-Generäle Bruno Bräuer und Friedrich-Wilhelm Müller als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilte, die Zahl der getöteten Zivilisten auf 9000.

In diesem Prozeß kam auch das Schicksal der jüdischen Gemeinde von Chania zur Sprache. Die Juden waren seit vielen Jahrhunderten in der alten Hafenstadt ansässig, die meisten von ihnen Nachfahren spanischer Juden, die Ende des 15. Jahrhunderts vor der Inquisition geflüchtet waren. Von dem harmonischen Zusammenleben von Juden und Christen in Chania erzählt so manches alte kretische Volkslied, wie das von der schönen „Ovriopoula“, dem Judenmädchen, das einen Christen liebt und ihn gegen den Widerstand der Geistlichkeit schließlich heiratet.

Eine Liebesgeschichte zwischen einem christlichen Chanioten und einer Schönen aus dem Judenviertel wird auch aus dem Sommer 1944 erzählt. Die Juden hatten zu diesem Zeitpunkt keine Furcht mehr vor einer drohenden Deportation – das Großdeutsche Reich, so glaubten sie, hätte schließlich andere Sorgen, als sich um die letzten noch verbliebenen Juden in Griechenland zu kümmern. Die Juden des griechischen Festlandes waren, soweit sie nicht in den Bergen oder bei Freunden Zuflucht gefunden hatten, längst nach Auschwitz deportiert, fast 60 000 Menschen. Jetzt aber wankte die Ostfront, die alliierte Landung in der Normandie stand unmittelbar bevor. Und da sollten sich die Nazis noch mit ein paar hundert kretischen Juden abgeben, kostbaren Schiffsraum riskieren und Bahntransporte von Athen nach Polen organisieren? Aber die Juden von Chania hatten die deutsche Gründlichkeit unterschätzt.

Mitte Mai 1944 erhielt General Bräuer aus Berlin den Befehl zur Festnahme aller chaniotischen Juden. In der Nacht vom 20. zum 21. Mai wurde das Judenviertel umstellt, Lautsprecher brüllten den Befehl in die Nacht: Alle Juden in 15 Minuten vors Haus treten, erlaubtes Reisegepäck fünf Kilo. Wer sich versteckt oder zu fliehen versucht, wird auf der Stelle erschossen.

Der nächtliche Überfall war erfolgreich: Nur vier der in Chania anwesenden Juden entkamen der Menschenjagd. Die Gefangenen wurden zunächst im berüchtigten Gefängnis von Aghia eingesperrt, wo sonst kretische Partisanen gefoltert und Geiseln erschossen wurden. Sie wurden gezwungen, alles Geld und alle Wertsachen abzugeben. Wer das Unglück hatte, sichtbare Goldzähne und -Brücken im Mund zu tragen, der wurde, wie der chaniotische Chronist Joannis Androulidakis überliefert, in einer besonderen Baracke einer zahnärztlichen „Sonderbehandlung“ unterzogen. Einen ganzen Tag dauerte die Schatzsuche, berichtet Androulidakis, und es sei ein Vermögen zusammengekommen auf dem Gefängnishof von Aghia.

Ein kleiner Frachter brachte die Gefangenen dann nach Heraklion. Er hieß „Anastassis“, Auferstehung, so wollte es die traurige Ironie des Schicksals. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Lager wurden sie, zusammen mit 150 gefangenen Italienern und ein paar Dutzend kretischen Partisanen, auf den Frachter „Danae“ verladen.

Und hier nun ist von der traurigen Liebesgeschichte zu berichten, die Joannis Androulidakis für die Zeitschrift Kritiki Estia aufgeschrieben hat: Der junge Klavierlehrer Lambis hatte sich in seine schöne jüdische Schülerin Jenny verliebt und, als er von der Deportation erfuhr, beschlossen, das Schicksal seiner Geliebten zu teilen. Er fuhr nach Heraklion, meldete sich bei der Kommandantur unter dem Namen Ahasver Baruch und kam so an Bord der „Danae“. Doch hatten Lambis’ Eltern Wind bekommen von der Verzweiflungstat ihres Sohnes. Sie bestürmten den Kommandanten, den falschen Ahasver wieder von Bord zu holen. Man schickte einen Arzt an Bord der „Danae“, um die „rassische Identität“ von Lambis alias Ahasver Baruch zu überprüfen. „Nicht beschnitten“, diagnostizierte der Arzt, und Lambis wurde von Bord geprügelt.

Am 5. Juni 1944 stach die „Danae“ mit ihrer menschlichen Fracht in Richtung Piräus in See, wo sie aber niemals ankommen sollte. Der Sonderbevollmächtigte des Auswärtigen Amts für den Südosten meldete am 28. Juni nach Berlin: „Die vor kurzem ... erfaßten griechischen Juden auf Kreta, mehrere hundert, sind auf dem Wege von Kreta nach dem Festland durch Feindeinwirkung umgekommen.“ Gemeint war: durch einen britischen Torpedo.

Nur: in den britischen Archiven ist unter dem 5. Juni 1944 keine Meldung über die Versenkung eines Schiffes in der Ägäis zu finden. Außerdem, so kann man in Chania erfahren, habe die kretische Widerstandsgruppe EOK das britische Nahost-Kommando in Kairo rechtzeitig per Funk von der menschlichen Fracht der „Danae“ informiert, um die Engländer von einem Angriff auf das Schiff abzuhalten. Und ebenfalls in Chania hat mir der Stadtschulrat und Historiker Evtychios Malefakis eine ganz andere Version vom Untergang der „Danae“ erzählt: Wenige Stunden nach dem Auslaufen habe die deutsche Begleitmannschaft das Schiff mit einem Rettungsboot verlassen, und kurz darauf habe eine von ihr plazierte Zeitbombe den Frachter mit seinen Gefangenen in die Luft gesprengt. Mit letzter Sicherheit geklärt ist die letzte Fahrt der „Danae“ bis heute jedoch nicht.

Kein Denkmal erinnert an das Ende der jüdischen Gemeinde von Chania. Die für den „Sieg der Kühnsten“ gefallenen deutschen Fallschirmjäger haben 1941 in Chania eins bekommen: einen herabstoßenden Raubvogel auf einem unförmigen steinernen Sockel, dessen Inschrift zu entnehmen ist, sie seien für Großdeutschland gefallen.

Es steht noch heute da, an einer Hauptstraße am Stadtrand von Chania. Lediglich das Hakenkreuz hat jemand dem großdeutschen Vogel aus den Klauen gefeilt. Und so stört nichts die Erinnerung an Hitlers „Unternehmen Merkur“, wenn ergraute Veteranen oder junge Bundeswehrrekruten zur Gedenkminute vor dem Denkmal verweilen. Aber vielleicht erfährt ja doch der eine oder andere der vielen tausend deutschen Touristen, die jährlich nach Kreta kommen, und auch der eine oder andere hier stationierte Bundeswehrsoldat beim Fraternisieren mit dem Feind von gestern in einer Hafenkneipe von Chania die traurige Liebesgeschichte von Jenny und Lamis, erzählt ihm ein alter Chaniot von dem Schicksal, das die Sieger von 1941 ihnen bereitet haben. Vielleicht.

Verantwortlich: Benedikt Erenz