ZEIT: Vor zwei Monaten war Erich Honecker zu Besuch in der Bundesrepublik. Kurz zuvor haben SED und SPD ein gemeinsames Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" veröffentlicht. Seitdem fragt man sich bei uns: Geht es eigentlich voran mit den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten? Und man fragt sich gleichzeitig: Geht es wieder rückwärts auf dem Felde, den das SED-SPD-Papier abgesteckt hat?

Reinhold: Wir schätzen den Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik sehr hoch ein. In erster Linie deshalb, weil in Fragen des Friedens die gemeinsame Verantwortung doch in neuer Weise hervorgehoben wurde. Beide Seiten haben sich bereit erklärt, einen Beitrag zur Friedenssicherung zu leisten. Für uns ist dies auch deshalb eine Schlüsselfrage, weil wir der festen Überzeugung sind, daß in dem Maße, wie in Europa die militärische Konfrontation vermindert und abgebaut wird, auch bessere Bedingungen für die Beziehungen auf anderen Gebieten entstehen.

ZEIT: Was ist daran für Sie überraschend gewesen? Daß eine konservative Regierung diese Position ebenfalls voll unterschreibt?

Reinhold: Zum ersten Mal wurde dies in einer gemeinsamen Erklärung festgeschrieben. In der Vorbereitung der früher beabsichtigten Besuche gab es immer eine große Diskussion, welche Fragen im Mittelpunkt stehen sollten. Damals war die Bereitschaft nicht sehr groß, die Friedensfrage derart in den Vordergrund zu stellen. Im Kommuniqué ist außerdem zum ersten Mal gemeinsam schriftlich vereinbart, für welche Ziele auf dem Gebiet der Abrüstung sich beide Staaten einsetzen werden. Beide haben sich in vielen Fragen aufeinander zu bewegt.

ZEIT: Das Kommuniqué hat die Themen genannt und die Projekte, aber es hat keine konkreten Absprachen gebracht.

Reinhold: Es wurden drei Abkommen abgeschlossen: über Umweltschutz, Kernkraftsicherheit und Strahlenschutz, schließlich über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit. Und inzwischen wird ja sehr verhandelt, um diese Abkommen auszufüllen. Beispielsweise war in den letzten Tagen unser Minister für Hochschulwesen in Bonn und hat darüber verhandelt, wie die Beziehungen konkret weiter ausgebaut werden können, so durch Forschungskooperation sowie einen Austausch von Wissenschaftlern und Studenten. Ähnlich ist es auf vielen anderen Gebieten. Auch in der ökonomischen Zusammenarbeit laufen viele Verhandlungen. Dazu sind am 1. November eine Reihe von Erleichterungen in kraft getreten.

Auch der Reiseverkehr entwickelt sich sehr gut. Nach den letzten Zahlen, die mir bekannt sind, sind bis Ende August 3,2 Millionen Bürger der DDR in der Bundesrepublik gewesen.