Wo Kiel liegt, weiß heute jeder. Ist das nicht faszinierend: wie zwei Männer, der selige Herr B. und der unselige Herr P., eine kleine, häßliche Landeshauptstadt zum Mecka der deutschen Presse gemacht haben? Aber diese Journalisten! Was schreiben sie bloß für einen Unfug. Das meiste ist doch gelogen oder übertrieben oder frei erfunden. Und wenn sie nicht wären, wäre Herr B. nicht gefallen, und ins Wasser schon gar nicht.

So denken viele in der schleswig-holsteinischen CDU. Zu den wenigen, die es offen aussprechen mögen, zählt die CDU von Helgoland. Helgoland, das sei geographisch Unsicheren in Erinnerung gerufen, ist dieser wackere Felsen in der Deutschen Bucht, sechzig Kilometer vom Festland entfernt. Unablässig droht auch er ins Wasser zu fallen und steht doch immer wie eine Eins, wenn die Touristen schwindlig aus den Butterdampfern steigen. Wer so wie Helgoland den Naturgewalten trotzt, der fürchtet die Macht der Presse nicht!

Also beschloß die Insel-CDU, dem CDU-Landesverband eine Änderung des Presserechts vorzuschlagen: „Wer vorsätzlich oder fahrlässig falsche Meldungen in die Welt setzt, unverhältnismäßig aufbauscht und/oder verbreitet, kann bestraft werden mit: 1. Haftstrafe bis zu zwei Jahren; 2. einer Geldstrafe bis zu 50 000 Mark; 3. Entziehung des Presseausweises, Vorgesetzte haften für ihre Mitarbeiter; 4. Gegendarstellungen sind auf der Titelseite, auffallend gebracht, zu plazieren.“

Natürlich hat der Landesparteitag der CDU, als er kürzlich in Timmendorfer Strand zusammentrat, diesen Vorschlag abgelehnt. Die CDU hätte nach Inkrafttreten eines solchen Gesetzes ja gleich ihre halbe Führungsriege hinter Gitter bringen müssen: Herrn Kohl, den Parteisprecher, der in der CDU-Parteizeitung der SPD den Kinder-Sex andichtete; Herrn Behnke, den Regierungssprecher, der die Parteizeitung Korrektur las; Herrn Ahrendsen, den stellvertretenden Regierungssprecher, der ...

So war es also töricht, diesen Vorschlag ausgerechnet einem CDU-Parteitag zu unterbreiten. Denn auch die CDU-nahen Journalisten der Springer-Presse, so CDU-nah, daß sie noch über Kontakte mit dem seligen Herrn B. im Jenseits verfügten („Ich bin im Sessel gestorben“, Bild am Sonntag), wären ja nicht ungeschoren davongekommen.

Wir fragen uns natürlich, warum gerade die Helgoländer CDU einen derart rigorosen Vorschlag macht. Gibt es auf der Insel womöglich auch so schlimme Finger? Ach nein. Auf Helgoland gibt es nur einen – sehr redlichen – Journalisten, und auch den nicht richtig, denn er wohnt auf dem Festland und erscheint nur so oft auf dem Felsen wie seine Zeitung Der Helgoländer, nämlich einmal im Monat. Dann trägt er Stoff zusammen für Reportagen über das Eiland, das an Historie und Histörchen sehr reich ist. 1841 ist zum Beispiel ein Thema: Damals schrieb Hoffmann von Fallersleben dort das Lied der Deutschen, dessen dritte Strophe wir heuer als unsere Nationalhymne singen. Oder James Krüss, der berühmteste Helgoländer, der jetzt Ehrenbürger wurde. Und 1990 wird auch wieder viel los sein, wenn Helgoland 100 Jahre deutsch sein wird. „Sie glauben gar nicht“, sagt der Insel-Reporter, „wie komplex das Gebiet Helgoland ist. Da gibt es immer wieder neue Gesichtspunkte.“

Also gut, steuern auch wir einen neuen Gesichtspunkt bei: Wir finden, die Gesetzesinitiative der Insel-CDU sollte aufgegriffen werden – mit einer Abwandlung: statt zwei Jahre Gefängnis zwei Jahre Helgoland: „Ab auf den Felsen!“ würden bald Schleswig-Holsteins Richter rufen, und selbst gestandene Journalisten bekämen weiche Knie. Für Helgoland hätte es freilich einen Nachteil: Es könnte eng auf der Insel werden. Ulrich Stock