Von Karl-Heinz Büschemann

Vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben hatte eine Journalistin Klaus Barthelt in Verlegenheit gebracht – und der seit fünfzehn Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende der Kraftwerk Union (KWU), des größten deutschen Kernkraftwerkbauers, hatte es nicht einmal gemerkt. Die Radioreporterin vom Südwestfunk wollte Mitte Juli von dem Atom-Industriellen wissen, was auf der gerade beendeten Reise von Bundeskanzler Helmut Kohl in die Volksrepublik China besprochen worden war. Zum Beispiel wollte sie wissen, ob die Chinesen bereit seien, zur Bezahlung von zwei kleineren Atommeilern, die die KWU möglicherweise im Reich der Mitte bauen soll, „eine Endlagerstätte für bundesdeutschen Atommüll in der Wüste Gobi einzurichten“. Barthelt konnte mit einer zufriedenen Antwort dienen. „Das ist besprochen worden“, meinte der KWU-Mann leutselig. „Wieweit sich das dann realisiert, das müssen wir mal abwarten“, schränkte er die Chancen dann aber wieder leicht ein, den Chinesen radioaktiven Müll aus bundesdeutschen Atomkraftwerken aufhalsen zu können.

Doch kaum war das Interview an einem Sonntag über den Sender gegangen, schlugen die Wellen in der Öffentlichkeit auch schon hoch. Barthelt hatte offensichtlich ein heißes Thema ausgeplaudert und wollte das Gesagte fortan nicht so gemeint haben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte das Privileg, die nunmehr korrigierte KWU-Meinung zu verbreiten: „In das Reich der Fabel darf man Berichte verweisen, nach denen deutscher Atommüll in der Wüste Gobi abgekippt werden soll. Geplant ist vielmehr, daß die Chinesen die hochradioaktiven Reststoffe aus der Wiederaufbereitung in Glasblöcken vergießen und in die Bundesrepublik zurückschicken, wo sie endgelagert werden sollen.“

Doch möglicherweise hat das Frankfurter Blatt eine falsche Meldung verbreitet. Denn nur rund drei Monate nach der KWU-Sprachregelung liest sich der Sachverhalt in einem internen an die Siemens-Konzernzentrale gerichteten Schreiben der KWU anders. In diesem Papier der früheren Siemens-Tochtergesellschaft, die im September ihre Selbständigkeit verlor und in den Elektrokonzern eingegliedert wurde, heißt es nämlich unter anderem, daß die Chinesen für die beiden zu bauenden Atommeiler auf dem Standort Quen Shan siebzehn Prozent des KWU-Anteils am Baupreis – der beträgt eine Milliarde Mark – durch Lagerung von Brennelementen in der Volksrepublik erbringen werden. Die übrige Finanzierung sei durch Lieferungen von Rohöl, Kohle, Natururan und Futtermitteln sowie durch das Stellen von Arbeitskräften aufzubringen.

Öffentlich bestreitet die KWU unverändert die Pläne, deutsche Brennelemente in der Wüste Gobi endgültig verschwinden lassen zu wollen. KWU-Sprecher Wolfgang Breyer hält die Lagerung von Brennelementen in China zwar „für denkbar“, aber nur als Zwischenlagerung, bevor sie in einer chinesischen Wiederaufbereitungsanlage verarbeitet werden, wie es heute schon bei der französischen Cogema und der britischen BNFL passiert und wie es künftig in der Wiederaufbereitungsanlage von Wackersdorf geschehen soll. „Es ist vorgesehen“, so teilt die KWU mit, „150 Tonnen abgebrannter Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken etwa ab Mitte der neunziger Jahre nach China zu transportieren.“

Unübersehbar ist, daß der neue Siemens-Unternehmensbereich KWU mit allen Mitteln versucht, bei den Chinesen zum Zuge zu kommen. Denn die Kernkraftwerkbauer, die bisher jährlich durchschnittlich fünf Milliarden Mark Umsatz machten, stehen vor gigantischen Problemen. Nicht erst nach der Katastrophe von Tschernobyl sind die Aufträge für Atommeiler ausgeblieben, und der Siemens-Bereich steckt tief in den roten Zahlen. Zwar bauen die KWU-Ingenieure und Techniker noch an den deutschen Kraftwerken Isar II, Lingen und Neckarwestheim II, und noch ist der Schnelle Brüter von Kalkar offiziell nicht fertiggestellt. Doch von 1989 an gibt es für die KWU, die vor der Eingliederung in den Siemens-Konzern rund dreizehntausend Beschäftigte hatte und die zu achtzig Prozent von der Atomtechnik lebt, kaum noch etwas zu tun.

Auch im Ausland sieht es katastrophal aus. Das spanische Atomkraftwerk Trillo I ist bald fertig. In Südamerika sind zwar offiziell noch drei Atommeiler im Bau, doch auf den Baustellen wird praktisch nichts mehr getan, weil den Bauherren das Geld ausgegangen ist. „Wir werden Anfang der neunziger Jahre leider Beschäftigungsschwierigkeiten an allen Standorten bekommen“, meint Barthelt. Bei der KWU wackeln deshalb rund zehntausend Arbeitsplätze. Barthelt bleibt praktisch nur noch der Hoffnungsträger Volksrepublik China, wo er die beiden ins Auge gefaßten 600-Megawatt-Meiler 120 Kilometer südlich von Shanghai bauen will. „Da sind wir in aussichtsreicher Position“, meint der KWU-Chef.