So kennt man sein redseliges Bonn gar nicht: Da macht der Bundespräsident mit einem Telephonat Schlagzeilen, das er in heikler Situation mit dem Hamburger Bürgermeister führte, um diesen beim Kurs-Halten zu ermuntern – und die CDU ebenso wie die Regierung schweigen dazu. Tagelang. Kein öffentlicher Kommentar. Auch hinter vorgehaltener Hand: nichts. Entweder muß die Union überwältigt gewesen sein von der Courage Richard von Weizsäckers oder eben geschockt.

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Kiel, Hamburg, Frankfurt – die Schauplätze des Geschehens haben sich verlagert, die Blicke wandern weg von Bonn, schon gar vom Parlament. Aber all die Randereignisse haben den Bundestag nun in seiner Haushaltsdebatte eingeholt. Vorsichtig und abwägend – sagen die einen, meinen die anderen – bezog Jochen Vogel Position in den Streitfragen. Vogel zur Vermummung: Straffrei seien Vermummte nicht deshalb geblieben, "weil es an Paragraphen gefehlt hätte". Die Ausdehnung der Strafbarkeit "auf Tausende, ja gegebenenfalls auf Zehntausende von Personen" würde daran nichts ändern.

Er meinte, "rechtens" wäre ein massiver Polizeieinsatz in der Hafenstraße gewesen, aber die Entscheidung Dohnanyis war eben auch "rechtens". Vogel, der (anders als der Parteirat) dem Bürgermeister weder zugestimmt noch abgeraten hatte, bilanzierte nun aber: Dohnanyi habe für den Frieden in der Gesellschaft mehr getan, "als es zehn Polizeieinsätze oder gar die Scheinaktivität einer nutzlosen Gesetzesänderung vermögen würden".

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Helmut Kohl schien hin- und herzuschwanken, ob er getragen und moderat oder kämpferisch und auskeilend auftreten sollte. Das entspricht wohl auch der ambivalenten Stimmungslage der Regierungspartei. Als er das Pflichtkapitel zu den Streitfragen Kiel, Hamburg und Frankfurt hinter sich hatte, flüchtete sich der Kanzler auch fast aufatmend in die üblichen Betrachtungen über Etat und Wirtschaftslage.

Kohl, wie Kohl ist: Bei solchen Gelegenheiten versucht er, nicht allzu viele Worte zu machen. Er drückt sich dann zwar nicht unangemessen aus, aber auch nicht sehr genau. Das könnte man alles so stehenlassen, wäre Kohl nicht doch wieder in der Rolle desjenigen aufgetreten, der von der SPD über die Grünen bis zur Friedensbewegung alles so ziemlich über einen Leisten schlägt und vieles so "völlig unerträglich" findet, was er dort zu sehen und zu hören bekommt. So leicht ist es gar nicht, eine kontroverse Debatte zu führen und dennoch von Pathos oder Selbstgerechtigkeit frei zu bleiben.