Ich hab’ die Sirenen singen hören. Ihre Lieder waren auf eine Tonspur gestanzt, und auf der Leinwand gab’s grobkörnige schwarzweiße Bilder zu sehen: Zwei Frauen wandelten übers stille Wasser. Sie hatten luftige Kleider an, trugen Strohhüte auf den Köpfen und Sonnenschirme in den Händen. Das habe gewiß mit Phantasie, mit Kunst und mit Poesie zu tun, flüsterten mir die Sirenen zu. Ich aber war doch bloß im Kino. Ich hörte die Sirenen singen. Und sehnte mich nach Dolby-Stereo.

Ein Kunst-Märchen: Polly war arm, aber durchaus nicht unglücklich. Sie lebte von Aushilfsjobs, blieb nirgendwo lange, denn mit ihrer Schusseligkeit kamen die Arbeitgeber nicht zurecht. Eines Tages aber bewarb sie sich in einer schicken Galerie, wurde eingestellt – und ernstgenommen. Denn der Boß war eine Frau, und die fand Polly ganz liebenswert: Es war der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Man muß die schusselige Polly einfach mögen. Man muß die mondäne Galeristin einfach mögen. Man muß auch den Film mögen. Das ist sein Problem.

Ein Kunst-Film: drei Erzählebenen, kunstvoll ineinander verschachtelt. Es beginnt wie ein dokumentarischer Videoclip. Polly erzählt ihrer elektronischen Kamera, wie alles anfing, und wie es schließlich ausging. Dann beginnt die Rückblende, ein Spielfilm: Polly bei der Arbeit. Polly zu Hause. Polly mit dem Fahrrad unterwegs. Drittens die Träume: Polly photographiert gern, und sie macht keine schlechten Bilder. Wenn sie dann im Badezimmer sitzt, das sie zur Dunkelkammer umgebaut hat, dann tritt sie ein in die Welt ihrer Bilder: fliegt über die Dächer von Toronto, krabbelt an Wolkenkratzern hoch oder wandelt über die Wasser. Immer grobkörnig, immer schwarzweiß und immer, irgendwie, poetisch.

Drei Erzählebenen – und kein Raum für neue Blicke: Fein säuberlich getrennt und gegliedert sind die Wirklichkeit, die Träume und die Sehnsüchte. Polly photographiert, die Galeristin malt, und die Regisseurin filmt. Alle drei sind, mehr oder weniger bewußt, auf der Suche nach einer neuen, ausgesprochen weiblichen Ästhetik. Alle drei aber stolpern ständig über gebrauchte Zeichen, angestaubte Symbole und verrostete Strukturen. Die Galeristin über Pollys Photos: Kein Talent! Ein Kunstkritiker über die Gemälde der Galeristin: tiefes Empfinden, hohe Ausdruckskraft und so weiter. Patricia Rozema über sich selbst: „Toronto, hübsche Blondine, 29, intelligent, gewandtes Auftreten, humorvoll, aufgeschlossen, mag Woody Allen, Shakespeare, Fellini, Bergman, Laune Anderson, Peter Gabriel, Dorothy Parker, Joyce Carol Oates.“ So beginnen Poesiealben.

Das Poetische im Kino muß erst noch erfunden werden, schrieb einst ein Mann. Patricia Rozema ist eine Frau und kennt keine solchen Skrupel Das Poetische im Kino der Patricia Rozema sieht aus wie Giulietta Masina, hat Flügel, trägt verspielte Kleider und tritt meist schwarz-weiß und grobkörnig in Erscheinung. Am Schluß öffnet sich eine Küchentür, und dahinter liegt der Wald. Patricia Rozema findet für alles ein Bild. So treibt sie dem Kino die Visionen aus. Fürs Unsichtbare, Unerhörte und Unglaubliche ist kein Platz in ihrem Film.

Allerdings ist die Regisseurin gut gewappnet gegen solche Kritik. Ihr Credo heißt: „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sind.“ Folglich handelt diese Kritik nicht vom Film, nur vom Filmkritiker. „I have heard the mermaids singing“, das ist aus einem Gedicht von T. S. Eliot. Die nächste Zeile heißt: „I do not think that they will sing for me“. Claudius Seid!