Von Rolf Zundel

Im fernen Spiegel die eigene Situation zu betrachten, ist ein reizvolles Unternehmen. Barbara Tuchmann hat dies einmal versucht, als sie das von Krisen und Zukunftsängsten geschüttelte Europa im 14. Jahrhundert schilderte. Sie war klug genug, die Ähnlichkeiten mit der Welt von heute nicht in genaue Parallelen zu pressen; sie ließ der Phantasie ihrer Leser viel Raum. Eine ähnliche, allerdings mühsamere Aufgabe stellt sich auch der politischen Wissenschaft. Sie muß schon etwas genauer werden.

Wie mühsam das Unterfangen ist, hat eine Gruppe von deutschen Wissenschaftlern und sozialdemokratischen Politikern erfahren, die kürzlich auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Center for European Studies der Harvard Universität mit amerikanischen Partnern diskutierte: Wie ähnlich sind die Schwierigkeiten und Hoffnungen der amerikanischen Demokraten und der deutschen Sozialdemokraten? Und auch die Politologen, die auf Einladung der Adenauer-Stiftung mit ihren englischen Kollegen über die Zukunft der Volksparteien diskutierten, laborierten am schwierigen Vergleich.

Das Gehäuse westlicher Demokratie beherbergt Systeme, die sich in Tradition, Organisation und Einstellung zur Politik unterscheiden. Die trockene, eher beiläufige englische Bemerkung, das Funktionieren des politischen Systems hänge davon ab, daß die Wähler nur über begrenztes Wissen verfügen, oder etwa die Bemerkung, „die meisten Leute halten Politik für weniger wichtig als andere Dinge“ – in deutschen Ohren, den Dauerappell an staatsbürgerliche Pflichten gewöhnt, hört sich das einigermaßen seltsam an. Die politisch lockere, werbetechnisch freilich höchst professionelle Art, wie in den USA Wahlkampfplattformen gezimmert – und wieder vergessen – werden oder etwa der Satz „Ich gehöre keiner organisierten Partei an, ich bin ‚ein Demokrat‘“: Auch das klang für Sozialdemokraten, die in kontinuierlicher Programmarbeit (kein Zurück hinter Nürnberg!) und organisatorischer Geschlossenheit aufgewachsen sind, ziemlich fremd.

Der Unterschied reicht bis in die Wissenschaft hinein. Wo die englischen Wissenschaftler oft wie Journalisten reden, die amerikanischen wie Politikberater, sprechen die deutschen mit gesammelt normativem Ernst und arbeiten mitleidlos so lange an der Genauigkeit ihrer Begriffe, bis die Realität darin fast verschwindet. Wo sie angestrengt die Umbrüche, wenn nicht sogar die Krise in der Bundesrepublik in den Blick nehmen, betrachten die Briten angeregt die Absonderlichkeiten des Normalen.

So schlecht nimmt sich die Bundesrepublik von außen betrachtet im übrigen gar nicht aus. Die Sozialdemokraten zum Beispiel erfuhren zu ihrer Befriedigung, daß von „Eurosklerose“ in den USA längst nicht mehr die Rede ist. Ganz im Gegenteil, und vermutlich ebenso übertrieben wie damals, ist nun die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie im Gespräch, ihre minimalen Fortschritte in der Produktivität, ihre fehlende Flexibilität. Die Frage heißt jetzt, was ist eigentlich das Geheimnis, das die Japaner und Deutschen so erfolgreich macht?

Mit einiger Verwunderung hörten die Sozialdemokraten, daß bei der Suche nach einer Antwort typisch sozialdemokratische Themen ins Spiel kommen: Das Fehlen von Industriepolitik, verstanden als sinnvolle staatliche Intervention; der Mangel an Sozialpolitik im weitesten Sinn. Viele nachdenkliche Amerikaner scheinen sich zu fragen, wie Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen werden kann, wenn es an der industriellen Infrastruktur (Facharbeiter) mangelt und der Arbeitsmarkt sich noch weit mehr als in Europa spaltet, also der Anteil der in den modernen Industrien nicht mehr vermittelbaren Arbeitnehmer wächst. Dahinter steckt eine gewichtigere Frage: Wie kann dieses System sozial stabil bleiben?