Von Hans-Joachim Müller

Das Kreuz ist schon aus dem Lot, ins neue Leben ist es nur noch ein Sprung. Der "Auferstehende" reißt sich den Dornenkranz vom Kopf und umfängt mit steifen Armen den Tag, der sehr grau und sehr nebelfeucht und sehr langsam heute aus der Elbe über die Brühlsche Terrasse zu ihm hochgeschlichen kommt. Fritz Cremers Skulptur "Auferstehender" hat alle Eigenschaften eines klassischen Kunstwerks der DDR.

Hat sich alle Pein nun doch gelohnt? Nur die leeren Fensterhöhlen in den Fassaden des Residenzschlosses und des Taschenbergpalais erinnerten noch an die sinnlose Feuerkraft der Bomben vom Februar 1945, heißt es im mattfarbenen Prospekt "Dresden – Reverenz an eine Stadt". Ist nicht das Opernhaus ebenso präsentabel wiedererstanden, wie es das Bürgertum des vergangenen Jahrhunderts beim Modearchitekten Gottfried Semper bestellt hatte? Und der Theaterplatz davor, ein Areal doch "von monumentaler Schönheit und kulturgeschichtlichem Reiz". Kostbarer Mehrwert, vom sozialistischen Volksvermögen jüngst erst abgeschöpft. Das frische Parade-Dresden, an dem schon wieder jene schwärzliche Patina frißt, die die versengte Schloßruine wie eine modrige Flechte überzogen hat und ganz schamlos Permosers Nymphen am Zwinger in die steinernen Bauchfalten gekrochen ist. Den "Auferstehenden" kann nichts zurückhalten. Typ: Werktätiger aus solidem Gebein mit festem Muskelbelag, stößt er sich schwungvoll vom Kreuzbalken ab. Im Rücken den Lärm von der Großbaustelle, wo gerade der Keller eines neuen Nobelhotels betoniert wird. Und vor sich den Fluß, der nur ahnen läßt, wie viele giftige Opfer für den Aufbau des "besseren Deutschland" er träge mitschleppen muß.

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Der Volkspolizist scheint von dem bronzenen Mysterium keine Notiz zu nehmen. Aber als wir vor Fritz Cremers Plastik aus dem Jahr 1982 stehenbleiben, bleibt er auch stehen. Dienstlich gewissermaßen, gehört doch die Allegorie von der entschlossenen Selbstbefreiung zu den offensichtlich besonders schutzwürdigen Zielen seiner Patrouille. Sie gehört vor allem zu den rund 2700 Werken der sogenannten bildenden und angewandten Künste, die ganz in der Nähe, im Albertinum, und an anderen Plätzen der Stadt, zur "Zehnten Kunstausstellung der DDR" zusammengestellt sind. Wo sonst Caspar David Friedrich "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" versunken sein läßt, drängen sich alle fünf Jahre die organisierten "Kunstschaffenden" der DDR. Ihre Bilanz hat längst über die offizielle Bestimmung einer "nationalen Leistungsschau" hinaus den Rang einer Gegen-documenta gewonnen, wo nicht, wie in Kassel, die gerade geltenden kulturellen Stichworte der Epoche verhandelt werden, sondern die mal leiseren, mal auffälligeren Veränderungen des SED- oder ZK-amtlichen kulturpolitischen Kurses sichtbar werden.

Beifällig zitiert das Katalogvorwort den "Genossen Erich Honecker": "Im Entdecken und Gestalten der großen Wandlungen im Leben unseres Volkes und des einzelnen, dessen, was erreicht wurde und noch zu tun bleibt, liegt ein großes Bewährungsfeld für alle Kulturschaffenden, welche die Kunst als Waffe im Kampf für den gesellschaftlichen Fortschritt verstehen."

Es muß ein. Massenumtreibendes Vergnügen sein, den Künstlern bei ihrem Waffengang für den gesellschaftlichen Fortschritt zuzusehen. Ein durchaus kritisches und mit den Turnierregeln bestens vertrautes Publikum steht geduldig Schlange vor dem in ungeklärten Abständen auf- und zuklappenden Einlaß in die "Zehnte". Immer wieder fahren Busse vor und entladen neue Arbeitskollektive und Brigaden, die heute ihren "Kulturtag" haben. Die Arbeiterinnen und Arbeiter nebst mittlerem und höherem Kader von der "VEG Walter Schneider Mosterei" aus Eisleben zum Beispiel, die sich wie viele nicht nur verpflichtet haben, "um hohe Erträge zu kämpfen", sondern auch regelmäßig am sozialistischen Kulturleben teilzunehmen. Ein Plansoll, das sie zu einem gemessen an westlichen Erfahrungen ungewöhnlich souveränen Kunstpublikum ausgebildet hat. Ohne Führung mischen sie sich in die disziplinierte Masse, die sich Bild um Bild, Plastik um Plastik durch die Ausstellung windet.