Von Rainer Kayser

Der französische Astronom G. Soucail und seine Kollegen trauten ihren Augen nicht. Mitten auf der Aufnahme des Galaxienhaufens „Abell 370“ befand sich ein großer, leuchtender Bogen, gute 500 000 Lichtjahre lang. Ein Objekt mit diesen Ausmaßen konnte es nicht geben. Ein Bildfehler also? Eilig wurden weitere Aufnahmen der Himmelsregion zum Vergleich herangezogen. Auf allen war der rätselhafte Bogen zu sehen!

Offenbar war man durch Zufall auf eine noch unbekannte Art kosmischer Objekte gestoßen, Das französische Team befaßte sich seit längerem mit der Erforschung weit entfernter Haufen von Galaxien, von Sternsystemen ähnlich unserer Milchstraße, die aus bis zu 100 Milliarden Sternen bestehen können. Die aufregenden Aufnahmen waren im September 1985 an der französisch-kanadischen Sternwarte auf dem Mauna Kea in Hawaii entstanden. Worum konnte es sich bei dem rätselhaften Bogen handeln?

Soucail und seine Mitarbeiter waren ratlos. Zum einen ist der Bogen mit 500 000 Lichtjahren viel größer als alle bekannten Sternensysteme (ein Lichtjahr ist die Strecke, die Licht in einem Jahr durchläuft, rund 10 000 Milliarden Kilometer). Zum anderen bereitete die exakte Form des Bogens den Wissenschaftlern Kopfzerbrechen. Wie aus einem Kreisring herausgeschnitten, zieht sich der Bogen um das Zentrum des Haufens „Abell 370“ herum. Nahe der Haufenmitte, im Inneren des herum. befindet sich eine große elliptische Galaxie. Sollte sie etwas mit dem Bogen zu tun haben?

Vielleicht hatte es dort vor langer Zeit eine gewaltige Explosion gegeben, so wurde von einigen Astronomen spekuliert, und die sich ringförmig ausdehnende Explosionswelle hatte zwischen den Galaxien liegendes Gas so verdichtet, daß es zur spontanen Entstehung zahlreicher neuer Sterne, einer ringförmigen Lichterkette, gekommen ist. Solche Sternentstehungsprozesse sind bekannt und sollten sich nachweisen lassen, wenn man das Licht des Bogens analysiert. Die Spektralanalyse des Bogens ist jedoch äußerst schwierig, da er nur eine sehr geringe Helligkeit besitzt.

Im November 1986 gelang es Soucail mit großem Aufwand, ein erstes Spektrum des leuchtenden Bogens zu gewinnen. Zur Überraschung der Wissenschaftler fehlten nicht nur alle Anzeichen für Sternentstehungsprozesse. Das Spektrum war überhaupt nicht mit einem aus Sternen bestehenden Objekt in der Entfernung des Galaxienhaufens „Abell 370“ zu vereinbaren! Befand sich der Bogen also gar nicht in „Abell 370“, sondern dahinter?

Diese Möglichkeit eröffnete völlig neue Perspektiven. Vielleicht gab es den Bogen gar nicht, vielleicht handelte es sich um ein Trugbild einer weiter entfernten Galaxie, erzeugt durch den als „Gravitationslinse“ wirkenden Galaxienhaufen. Solche Gravitationslinsen-Wirkungen sind in der Astronomie nicht unbekannt. Schon 1916 hatte Einstein vorhergesagt, daß auch Licht dem Einfluß der Gravitation unterliegt. Im Schwerefeld eines Himmelskörpers verläuft ein Lichtstrahl gekrümmt, er wird abgelenkt. Der englische Astronom A. S. Eddington nutzte die totale Sonnenfinsternis 1919 zu einer genauen Vermessung von Sternpositionen in unmittelbarer Nachbarschaft der verdunkelten Sonnenscheibe. Die „Verschiebung“ der Sternpositionen durch die Schwerkraft der Sonne entsprach genau dem von Einstein vorhergesagten Wert! Schwere Himmelsobjekte vornen also durch Lichtablenkung zu optischen Täuschungen führen.