Letzter Akt, letzte Szene. Die Tür geht auf, der Vorhang zu. Das ist vielleicht auch besser so, denn sonst müßten die Dichter sagen, wohin sie ihre einsamen Helden und Heldinnen schicken.

Niemals werden wir erfahren, wohin Frau Nora Helmer geht: in die Freiheit oder ins Wasser, einmal um den Block oder zur Schwiegermutter. Niemand kennt Herrn Alcestes Weg – er könnte ins Exil führen, in die Wüste, in den Wahnsinn, oder auch nur hundert Schritte weit. Bis man ihn einholt, zurückholt in das alte Unglück, das seine einzige Behausung ist.

Ibsens Nora und Molières Menschenfeind gehören zu den wenigen wirklich unsterblichen Theaterhelden – auch deshalb, weil uns ihr jäher Abgang ein ewiges Rätsel, ein ständiger Vorwurf bleiben wird. Unser schlechtes Gewissen (waren nicht wir es, die sie vertrieben haben?) wird erst schwinden, wenn sie zu uns zurückgekehrt sind. Also nie.

Die Tür geht auf, der Menschenfeind verschwindet. Immer wieder, mit immer wieder anderen Worten. 1979 sagte er es so: „Du siehst, ich bin entschlossen, auszusteigen/Wohin es geht, das wird sich ja bald zeigen“. Damals ist der Menschenfeind ein Wechselbalg gewesen – halb von Molière, halb von Hans Magnus Enzensberger, der das alte Stück scheinbar mühelos in die zeitgenössische Schickeria versetzt hatte, mit abertausend geistreich klimpernden, schnellen, schicken Reimen.

Peter Zadek inszenierte, und keiner mußte um Alceste bangen. Denn der war „ziemlich down“, doch mehr auch nicht. Vier Wochen Gomera (schlimmstenfalls ein Jahr Australien), und er ist wieder unter uns, in alter Form, mit frischgebräuntem Zynismus.

„Auf den Endreim hätte nur ein Verrückter verzichten können“, hatte Enzensberger damals keck behauptet. Nun hat sich der „Verrückte“ gefunden: Er heißt Botho Strauß und hat für Luc Bondy (und mit Luc Bondy) eine neue Fassung des „Menschenfeindes“ erstellt. Herr Alceste lebt, schimpft und geht ab – alles in Prosa. Er ist nicht bloß „down“, sein „Herz ist leer“. Deshalb heißt sein letztes Wort an die Menschen so: „Ich will mir ein Stück Erde suchen, weit entfernt, wo man die Freiheit hat, so ernst zu sein, wie man muß.“

Schon dieser eine, letzte Satz zeigt, was aus Alceste bei Strauß geworden ist: ein Botho-Strauß-Leser, ja ein Doppelgänger seines Autors. Strauß hat dem Menschenfeind auch eine seiner letzten Vergnügungen genommen: die Fähigkeit, in rasanten Versen zu räsonieren, in deren Leichtigkeit und böser Heiterkeit die Depressionen auch verschwinden. Die Welt mag für Alceste eine Wüste sein, die Sprache ist die Oase – doch auch aus ihr hat man ihn nun vertrieben.