Neulich fragte mich ein Siebzehnjähriger in einem Moment der Vertraulichkeit: „Entschuldigen Sie, wie würden Sie eigentlich Ihren Beruf definieren?“ Ich antwortete instinktiv, mein Beruf sei der eines Philosophen – was mir gesetzlich erlaubt ist, da ich in Philosophie promoviert habe und eine Privatdozentur für Philosophie bekleide.

Daß ich mich als Philosoph fühle, liegt an Giacomo Marino, meinem Philosophie-Lehrer am Gymnasium von Alessandria. Diesen Sommer bin ich nach Pinerolo gefahren, um seiner zu gedenken. Marino hat mir gezeigt, daß man ein Philosoph sein kann, und somit ein Denker, auch wenn man dazu verurteilt ist, Philosophie in der Schule zu lehren. Er war mir Lehrmeister in philosphischem Denken, und das nicht nur, wenn er Descartes oder Kant erklärte, sondern auch, wenn er auf eher abwegige Fragen antwortete, solche wie: „Wer war Freud?“, „Was ist ein Leitmotiv bei Wagner?“, „Ist es statthaft, sich im Boxen zu üben?“ So hat Giacomo Marino meinem Vater einen schweren Kummer bereitet, denn der wollte (wie in Piemont damals üblich), daß ich Advokat würde.

Die Philosophie zu lieben und sie professionell zu betreiben ist ein sonderbares Metier. Man ist ein Denker. Manchmal wird mir, während ich an der Arbeit sitze, plötzlich bewußt, daß ich auf dem Stuhl zusammengesunken ins Leere starre und die Gedanken da oder dorthin schweifen lasse. Prompt regt sich in mir der Moralismus des Ex-Katholiken: Du vergeudest deine Zeit! Woraufhin ich mich gerade setze und mir sage: Schließlich übe ich den Beruf eines Denkers aus. Also ist es richtig, daß ich denke.

Falsch gedacht. Ein Denker denkt, aber nicht in den Zeiten, die er dem Denken widmet. Er denkt, während er eine Birne von einem Baum pflückt, während er über die Straße geht, während er wartet, daß ihm der Schalterbeamte ein Formular aushändigt. Descartes dachte, während er einen Ofen betrachtete. Ich zitiere aus zwei zeitgenössischen Texten, einem gewollt trivialen und einem gewollt trivialisierenden. Fleming beginnt seinen Goldfinger mit dem Satz: „James Bond, mit zwei doppelten Bourbon intus, saß in der Abflughalle des Miami Airport und dachte über Leben und Tod nach.“ Joyce läßt seinen Leopold Bloom, am Ende des vierten Kapitels von Ulysses, auf dem „Kackstuhl“ sitzend über die Beziehungen zwischen Leib und Seele nachdenken. Das ist philosophieren. Die leeren Zeiten nutzen, um über Leben und Tod nachzudenken, und über den Kosmos. Wenn ich den Philosophiestudenten einen Rat geben sollte, wäre es dieser: Notiert euch nicht die Gedanken, die euch am Schreibtisch kommen, sondern die, die euch auf dem Klo kommen. Aber erzählt es nicht überall, sonst gelangt ihr mit großer Verspätung auf einen Lehrstuhl. Andererseits verstehe ich schon, daß diese Wahrheit vielen schwerverdaulich erscheint. Das Erhabene ist nicht in jedermanns Reichweite.

Doch Philosophieren heißt auch, die anderen zu über-denken, besonders diejenigen, die uns vorausgegangen sind. Platon, Descartes und Leibniz zu lesen. Und dies ist eine Kunst, die man nur langsam erlernt. Denn was heißt Nachdenken über einen Philosophen der Vergangenheit? Wollte man alles ernst nehmen, was er gesagt hat, müßte man sich schämen. Er hat, unter anderem, auch einen Haufen Unsinn verzapft. Seien wir ehrlich, glaubt jemand im Ernst so zu leben, als hätten Aristoteles, Platon, Descartes, Kant oder Heidegger in allem und jedem recht gehabt?

Machen wir uns nichts vor. Die Größe eines guten Philosophieprofessors liegt darin, uns jeden dieser Denker als ein Kind seiner Zeit entdecken zu lassen.

Jeder hat versucht, die eigenen Erfahrungen aus seiner Sicht zu interpretieren. Keiner hat die Wahrheit gesagt, aber jeder hat uns gelehrt, in einer bestimmten Art und Weise nach der Wahrheit zu suchen. Dies muß man begreifen, nicht ob das, was sie gesagt haben, wahr ist, sondern ob die Art und Weise, in der sie nach Antworten auf ihre Fragen gesucht haben, wahr ist. Dann wird ein Philosoph, auch wenn er Dinge gesagt hat, die uns heute lächerlich vorkommen, zu einem Lehrmeister.