Im indischen Himalajastaat Himachal Pradesh

Von Sybille Hermann

No problem“, versichert Ashok und setzt sogleich ein freundliches Lächeln auf, das Kennern Indiens verrät: Es gibt eben doch Probleme. „Wir nehmen den Bus“, erklärt der Fremdenführer so gelassen, als sei es das reinste Vergnügen, 590 Kilometer auf holpriger, größtenteils kurvenreicher Gebirgsstraße zurückzulegen. Unergründlich bleibt, warum wir uns nicht wenigstens die Hälfte der Strecke ersparen. Wir könnten von Delhi aus nach Chandigar fliegen, das die Sikhs zur Hauptstadt ihres angestrebten unabhängigen Staates Khalistan machen wollen.

Reisen in Indien sind eben immer noch voller Überraschungen und erfordern die Kunst des Improvisierens. Vor allem, wenn man zu einem Landstrich unterwegs ist, der sich durch hohe Pässe und tiefe Schluchten moderner Infrastruktur widersetzt und daher bislang noch eine Touristeninvasion abgewehrt hat. Wir sind auf dem Weg in den indischen Himalajastaat Himachal Pradesh.

Es ist stockfinster, als wir nach zwölf Stunden wie gerädert in der Hauptstadt Simla eintreffen. Laut hupend kämpft sich der Busfahrer im Schrittempo durch das Menschengewirr in den engen Straßen, die sich durch das Häusermeer inmitten der von Pinien bewaldeten Hügel winden. Dorthin, in die Kühle der Berge, pflegten die englischen Kolonialherren vor der schwülen Sommerhitze in der Ebene zu flüchten. Vor der Kulisse der ewigen Schneegipfel des Himalajas richteten sie sich ein Stückchen „Merry Old England“ ein. Sie bauten eine gotische Kathedrale und eine pseudomittelalterliche Burg. Und sie setzten viktorianische Landhäuser auf den 2000 Meter hohen sanften Bergrücken zu Füßen der weißglitzernden Bergriesen. Wenn dem Vizekönig in seinem Regierungssitz Kalkutta Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit unerträglich wurden, ließ er Hausrat und Büroakten in Kisten und Säcke verpacken. Mit seinen Beamten und allem, was für die Verwaltungsgeschäfte und ein ausgiebiges Gesellschaftsleben notwendig war, zog er ins 1800 Kilometer entfernte Simla.

Von der würzigen Gebirgsluft und den Damen der Society angeregt, ergingen sich die Sahibs in ausgelassenen Partys und Picknicks. Dabei vergaßen sie bisweilen sogar die Regierungsaufgaben. Die Briten bauten nicht nur eine Pferderennbahn, sondern auch eine Straße und eine Schmalspurbahn zu ihrer Sommerresidenz.

Vergammelte Pracht