Thomas Sankara zahlte mit dem Leben für eine ungewöhnliche Reform

Von Hille van Elst

Die Ermordung Thomas Sankaras hat Afrika um eine Illusion ärmer gemacht. Doch die Saat ist gesät. Viele Skeptiker, in Afrika wie in Europa, hatten sofort behauptet, die „Revolution des 4. August“ werde sich nicht lange halten können. Sie sollten recht behalten. Nur vier Jahre hat das revolutionäre Experiment gedauert, zu kurz, um die Probe auf seine Tauglichkeit abzulegen, aber lang genug, um dauerhafte Spuren zu hinterlassen. Thomas Sankara, der alles anders machen wollte, mußte sterben, weil er seine Revolution und seine Versprechen ernst nahm. Burkina Faso, das „Land der Unbestechlichen“, wie er das frühere Obervolta 1984, ein Jahr nach seiner Machtergreifung, programmatisch umgetauft hatte, sollte der ganzen Welt zeigen, daß es in Afrika auch anders geht. So wünschte es der forsche junge Staatschef, der keine ausgereifte Theorie anzubieten hatte, aber die Praxis seines Landes kannte und kritisch beurteilte. Er wollte beweisen, daß Korruption und Nepotismus, Armut und Unterentwicklung in Afrika keine Naturgesetze sind, mit denen man sich abfinden muß. Seine Reform sollte zeigen, daß es selbst für die armen Staaten Afrikas möglich ist, auf die eigenen Kräfte zu bauen und die scheinbar schicksalhafte Abhängigkeit von den ehemaligen kolonialen Mutterländern ein für allemal abzuschütteln.

Bewegliche Revolution

Der von Sankara angeführte „Nationale Revolutionsrat“ (CNR) straffte den aufgeblähten, überdimensionierten und wenig effektiven Beamtenapparat, reduzierte die ebenfalls überhöhten Gehälter und entließ korrupte Staatsdiener. Noch wichtiger als dieser Angriff auf die Beamtenprivilegien war der Entschluß, den Gewerkschaften den Kampf anzusagen. Nach Sankaras Meinung vertraten sie nur eine kleine Bevölkerungsminderheit, nämlich die Gehaltsempfänger in den Städten, nicht aber die Mehrheit, die traditionell vernachlässigte Landbevölkerung. Sie macht in Burkina Faso mehr als 80 Prozent der Bevölkerung aus, und ihre Förderung sollte deshalb das Kernstück der Revolution werden.

Außerhalb Afrikas würde ein solcher Beschluß kaum revolutionär genannt werden. Viele Fachleute und internationale Organisationen empfehlen den afrikanischen Regierungen, mehr für die Entwicklung des ländlichen Raumes zu tun und die Landwirtschaft zu fördern. In Afrika sieht das anders aus. Es kommt einem Kurswechsel um 180 Grad gleich, dem Agrarsektor Priorität einzuräumen, die „Stadt“ zu vernachlässigen und einer auf die Städte konzentrierten Verwaltung Vorrechte zu nehmen. Es bedeutet auch für viele Afrikaner, von einer Entwicklungstheorie Abschied zu nehmen, die ihr Heil in der Industrialisierung sucht, die also „modernisieren“ will. Für die „rückständigen“ Bauern ist in dieser Auffassung kein Platz.

Sankara schaffte es tatsächlich, die Korruption einzudämmen und die Bevölkerung zu Eigeninitiative zu bewegen, kleine Schritte zu propagieren und – in seiner Wichtigkeit gar nicht zu überschätzen – dem kleinen Mann Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Der junge Staatschef war vor allem Moralist. Er lebte vor, was er in seinen öffentlichen und privaten Reden forderte, pflegte demonstrativ einen bescheidenen Lebensstil, stellte die Klimaanlage in seinem renovierungsbedürftigen Präsidentenpalast nur bei allergrößter Hitze an und benutzte keine Staatskarosse mehr, sondern – wie auch seine Minister – einen schlichten schwarzen Renault 5.