Von Manfred Sack

Nichts wird versteckt, vertuscht, verkleidet, beschönigt. Beton sieht aus wie Beton, Holz wie Holz, Blech wie Blech und was wie Schmuck aussieht, ist nur Zeichen von Sparsamkeit (Lochblech) oder Festigkeit (Wellblech). Selbst von den Menschen, die sich in den meist hellichten Räumen unter dem Flügelschlag der Dächer aufhalten, hofft der Architekt, daß auch sie nur sich selbst, keine Rollen Spielen.

In den fünfziger Jahren hatte man sich angewöhnt, derlei Bauten brutalistisch zu nennen – eine mißverständliche und demzufolge auch leidenschaftlich mißbrauchte Namensgebung; denn es war ja nicht eine brutale, grobe, erniedrigende Architektur gemeint, sondern eine, die bloß zeigt, woraus sie gemacht ist: beton brut sollte aussehen wie roher Beton und dabei nicht länger verheimlichen, welch rauhe Schönheit in ihm steckt; und Installationen, die bis dahin im Gemäuer oder unter dem Putz verschwanden, zeigte man nun und gewann ihnen dekorative, bald skulpturale Reize ab. Nicht genug damit; auch die von den Stuttgarter Architekten Günter Behnisch und seinen Partnern Winfried Büxel, Manfred Sabatke und Erhard Tränkner entworfenen Gebäude selber zeigen offen, was sie sind und wozu sie dienen, sie möchten jedermann wissen lassen, was in ihnen vor sich geht. Jede Aufgabe, sagt Günter Behnisch, hat ihre Gestalt und ihre Architektur. So ist es mit dem kapriziösen Hysolar-Institut in Stuttgart-Vaihingen, so ist es mit dem Zweigwerk der Leybold AG in der unterfränkischen Kreisstadt Alzenau, nicht anders verhält es sich mit der Zentralbibliothek der Katholischen Universität in Eichstätt an der Altmühl.

Sie wird nächste Woche eröffnet; im Hysolar-Institut beginnt man allmählich zu forschen; die Alzenauer Fabrik wird nach und nach in Besitz genommen. Die Bibliothek bekam schon ein Lob beim Deutschen Architekturpreis, und ebenso wie die Fabrik gleich noch den Preis des Bundes Deutscher Architekten in Bayern. Das Hysolar-Gebäude wird – auch ganz ohne Orden – dennoch die Neugierigen in Scharen anlocken; denn es ist eine konstruktivistische Bauskulptur, sperrig, verwirrend, lustig anzusehen, vor allem innen.

Auf den ersten Blick möchte man darin einen Absenker aus Wien (von dem eigenwilligen Architekten-Duo Coop Himmelblau) oder aus London (wo die Libanesin Zaha Hadid von sich reden macht) vermuten, wo man sich schwertut, Bauherren von der Solidität solcher schrägen, stürzenden, verwinkelten, verschobenen, verwirrende Raumperspektiven eröffnenden Gebäude zu überzeugen. Tatsächlich hat einer der Projektbearbeiter (Frank Stepper) eine Zeitlang bei dem Wiener Coop-Duo gearbeitet; aber derlei Form-Erkundungen sind ohnehin en vogue, dem Büro Behnisch dienen sie schon seit einiger Zeit zur „Ausweitung unserer Möglichkeiten“. Man findet solche Spuren schon in allerlei Entwürfen (für Hochschüler, Messebesucher, Wohnungsmieter, Elefanten): das Hysolar-Gebäude ist davon nun wahrhaftig gebaut worden.

Die Bereitschaft, einer kühnen, von manchen für utopisch, wenigstens für irgendwie futuristisch gehaltenen Idee nachzugeben, erklärt sich hier aus der Aufgabe: Eine innovative Technik rechtfertigt eine innovative Architektur. Das Hysolar-Institut in Stuttgart-Vaihingen, eine saudiarabisch-deutsche Einrichtung, finanziert von Wissenschaftsministerien und Forschungsanstalten beider Länder, wird die Nutzung der Sonnenenergie erforschen. Deshalb gehört ein großes gestaffeltes Solarspiegel-Regal an der Südwestecke dazu. Der kleine Komplex ist, da er für wenig Geld und ganz schnell errichtet werden mußte, zwar ziemlich kompliziert konstruiert, aber denkbar einfach konzipiert. Gut ein Dutzend Laboratoriums-Container bilden, zwei Stockwerke hoch, beidseitig eine gläserne Straße. Die Ebenen, in denen Menschen sich bewegen, sind gerade, alles andere ist schräg, schief, angeschnitten, gekrümmt, verdreht. Ein langer Rohrbügel, zugleich nach unten und seitwärts gebogen, spielt sich als Rückgrat auf, trägt aber nur ein Stück dekoratives Dach im Freien. Ihrer Wildheit zum Trotz ist diese Raum-Plastik mit ihren verspielten Einfällen und Zufällen gebrauchstüchtig – doch das war nicht schwer, weil die funktionalen Ansprüche an das Gebäude entschieden harmloser waren als die an die Apparate und die Köpfe der Wissenschaftler. Wie tröstlich, daß es Bauherren gibt, die solchen architektonischen Bocksprüngen gewogen sind. Der ruppige Standort ist nicht schlecht gewählt. Gleich nebenan steht ein berühmt gewordenes Holzbauexperiment von Stuttgarter Architekturstudenten.

Stetige Beobachter des beachtenswerten Werkes, das der Architekt Günter Behnisch mit seinen Partnern in mittlerweile fünfunddreißig Jahren zustande gebracht hat, werden dennoch ein paar Augenblicke lang stutzen. Und schon weckt die neutönerische Caprice manieristische Versuchungen. Schon tauchen selbst in so strengen Bauwerken wie der schönen Alzenauer Fabrik schiefe Pfeiler auf, rund oder eckig, mit zugespitzten und geflochten Stahlträgern, die lauter heimliche Kapitelle sind. Man sieht gewellte Wanddurchbrüche, schräge Brüstungsbretter, ein irgendwie schwebendes Mamorpodest für Besucher und eine Zickzacktreppe, und der Tresen im Empfang ringelt sich wie eine träge Schlange. In einer Außenmauer sitzt schief ein quadratisches Loch – Zierat, nichts weiter. Man möchte schon „postmodern“ rufen, und zögert doch.