Von Roger de Weck

Vor dreißig Jahren, am 22. September 1957, wählten die Haitianer den kleinen Landarzt François Duvalier zum Staatspräsidenten. Der schmächtige, stets schwarz gekleidete Mann entpuppte sich bald als der blutrünstigste Machthaber der Karibik, dessen Schergen – die berüchtigten Tontons macoutes – und dessen Voodoo-Hexereien das abergläubische Volk in Angst und Schrecken versetzten. "Papa Doc" und sein 1986 ins Exil geflüchteter Sohn "Baby Doc" plünderten das Land, das zu den ärmsten der Welt zählt. Jetzt, da drei Jahrzehnte vergangen sind, haben die Haitianer erstmals wieder die Gelegenheit, in freier Wahl ihren Präsidenten zu küren. Am Sonntag findet der erste Wahlgang statt, 23 Anwärter auf das höchste Amt sind vom "Provisorischen Wahlrat" zugelassen worden. Zwölf weitere Kandidaten wurden abgewiesen, weil sie einst dem verhaßten Duvalier-Regime allzu nahe standen.

Niemand vermag vorauszusagen, wer am 7. Februar 1988, dem zweiten Jahrestag des Sturzes von "Baby Doc", in den strahlend weißen Präsidentenpalast zu Port-au-Prince einziehen wird. Einer der ernsthaften Bewerber unter vielen Dilettanten und Demagogen ist Marc Bazin, den man Mister Clean nennt: Als Finanzminister Duvaliers hatte er mit der Korruption aufräumen wollen und war deshalb umgehend entlassen worden.

Ohnehin wird es fast einem Wunder gleichkommen, wenn der Demokratisierungsprozeß und die Präsidentenwahl glimpflich ausgehen. Vorerst herrscht das Militär, während die alten Duvalieristen im Hintergrund die Fäden ziehen. Bevor sich der unbedarfte "Baby Doc" nach Frankreich absetzte, berief er den General Henri Namphy zum Vorsitzenden eines "Nationalen Regierungsrats". Namphy galt als ein integrer, demokratisch gesinnter Offizier – in Haiti eine Ausnahmeerscheinung. Er sehne sich nach dem "wohlverdienten Ruhestand", beteuerte er vor Jahresfrist im Gespräch mit der ZEIT. Doch mittlerweile hat er seine löblichen Vorsätze fallengelassen: Namphy ernannte sich selber zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte, um auch nach der Präsidentenwahl das Sagen zu haben.

"Der General sieht zwar so behäbig aus, aber er scheint mehr und mehr Gefallen an der Macht zu finden", sorgt sich einer der haitianischen Bischöfe. Ähnlich wie in Polen bildet die katholische Kirche das größte Gegengewicht zum Regime. Die Revolution vor knapp zwei Jahren war ein Erfolg der Theologie der Befreiung und ihrer Methoden der "Bewußtseinsbildung", namentlich über den katholischen Rundfunksender Radio Soleil. Vom Büro des Generals Namphy im Präsidentenpalast öffnet sich der Blick auf die beiden Türme der Kathedrale von Port-au-Prince: Der Vorsitzende des "Nationalen Regierungsrats" weiß genau, daß er es mit der Kirche als Urheberin der Demokratisierung nicht verderben darf.