Trotz des großen Aufwands: Die Mehrheit hält nichts vom Zensus

Von Sylvio Dahl

Boppard, im November

Der Tagungsort war mit Bedacht gewählt: weit ab, im Hunsrück gelegen, umgeben von Bäumen, hoch über dem Rheintal, in quasi klösterlicher Abgeschiedenheit. Wer es geschafft hatte hinzufinden, blieb zwangsläufig auch drei Tage da. „Deshalb sind wir ja hierher gegangen“, gestand Egon Holder offen. Der Präsident des Statistischen Bundesamtes hatte Statistiker, Meinungsforscher, Werbeleiter und Journalisten eingeladen, um in der Einsamkeit ein Mammutprojekt im Rückblick zu bewerten: die Volkszählung. „Wie spricht der Staat mit seinen Bürgern? Erkenntnisse aus der Informationskampagne der Volkszählung 1987 für den zukünftigen Dialog“ hieß das Thema genau. Diskutiert wurde in erster Linie, wie erfolgreich Bundespresseamt, Werbeagenturen und das Statistische Bundesamt waren, die „Zielgruppe 100 Prozent“ zu erreichen, oder, wie es Manfred Güllner formulierte, der Geschäftsführer von Forsa, einem der Meinungsforschungs-Institute, die zur Volkszählung wissenschaftliche Begleitstudien lieferten: „Wie es dem Staat noch besser gelingen kann, den Bürger zu indoktrinieren.“ Güllner erwies sich als das Enfant terrible der Tagung, leise sprechend, nicht geschliffen. Doch das Plenum hörte zu, wurde unruhig. Die Fakten, die er verkündete, schmeckten vielen Statistikern und den Werbeleuten nicht.

Das Fazit der Tagung ist zweischneidig: Sie haben die Kirche zwar voll bekommen – alles deutet darauf hin, daß nur etwa zwei Prozent der Bürger standhafte Boykotteure bleiben werden –, aber die Kirchgänger haben die Predigt nicht verstanden: Mehr als die Hälfte der Gezählten hält das Unternehmen nach wie vor für unnütz; ein Fünftel weiß bis heute nicht, wozu der Zensus überhaupt benötigt wird; fünf Prozent haben hinterher angegeben, daß sie den Fragebogen nicht vollständig oder nur ungenau ausgefüllt haben. Das hat eine Forsa-Untersuchung vom August dieses Jahres ermittelt, die deshalb den Schluß zieht, „daß die Qualität der Erhebung zumindest eingeschränkt ist“. Dies gelte besonders für Großstädte mit mehr als 500 000 Einwohnern. Dort hätten nach eigenen Angaben immerhin acht Prozent der Bürger ihren Fragebogen noch nicht erhalten oder nicht abgegeben.

Besonders die Tatsache, daß 55 Prozent der Bürger trotz der einzigartigen Werbekampagne die Zählung immer noch nicht akzeptieren, dämpfte das Selbstbewußtsein der Disputanten. Dabei hatte es doch an nichts gemangelt, die Bürger für ein Gesetz zu gewinnen, das der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet hatte. Schon gar nicht am Geld! Insgesamt 46 Millionen Mark wurden bereitgestellt, für die Großinventur Reklame zu machen.

Die Verwaltung holte sich dafür professionelle Unterstützung bei Werbeagenturen, das Bundespresseamt koordinierte, das Statistische Bundesamt demonstrierte Bürgernähe. Schulklassen wurden busweise nach Wiesbaden gekarrt; 1,2 Millionen Flugblätter an den Universitäten verteilt, es gab Telephonaktionen, oft mit Prominenten, die Auskünfte erteilten. Man lockte mit Preisausschreiben und fand mit dem Abakus ein unbelastetes Symbol, das jedem Bürger suggerieren sollte, wie sehr es gerade auch auf ihn ankomme. Plastiktüten, Aufkleber und Regenschirme wurden an Autobahn-Tankstellen verteilt; die Bundespost druckte ab flankierende Maßnahme eine Sonderbriefmarke. Und es wurde informiert, in den Medien und direkt: Bis zu 2000mal am Tag klingelte in Wiesbaden das Telephon, und die Beamten standen den fragenden Bürgern Rede und Antwort. Was nicht immer leicht, mindestens ungewohnt für die Staatsdiener war, wie die Statistiker verschämt zugaben.

Weil das alles noch zuwenig schien, weil „das Informationsangebot neben der reinen Wissensvermittlung motivieren und Vertrauen schaffen mußte“ (so Sibylle Appel, die Pressesprecherin des Statistischen Bundesamtes), wurde nach einem Mann gesucht, der die „gute Sache Volkszählung“ glaubwürdig vertreten sollte. Nachdem Wim Thoelke und Thomas Gottschalk abgesagt hatten, bei dem zuständigen Bundesinnenminister kontraproduktive Werbeeffekte nicht ausgeschlossen werden konnten, fiel das Los auf den parteilosen Egon Holder.

Wie der Onkel von Tchibo

Leger lehnte die weißhaarige Eminenz der Statistiker am Rednerpult und mit sich selbst kokettierend erinnerte er sich: „Plötzlich hieß es, man brauchte irgendeine Art Weizsäcker. Dann war ich geschockt, daß ich es sein sollte. Oft kam ich mir vor wie der Onkel von Tchibo, aber es war sinnvoll so“, sagt Holder heute, der sich mächtig und glaubhaft ins Zeug legte: Anfangs sei es etwas schleppend gelaufen, gerade mit dem Radio und dem Fernsehen. „Doch dann habe ich mich auch in Jugendsendungen reingemogelt und versucht, mich auf deren Jargon einzustellen.“ Besonders lästig dagegen fand er, sich in Podiumsdiskussionen immer wieder mit „denselben falschen Argumenten“ eines Herrn Professor Brunnstein auseinandersetzen zu müssen.

Der Name Brunnstein elektrisierte. Der Hamburger Informatiker ist wohl der Hackethal für die bundesdeutschen Statistiker, weil er nicht müde wurde, vor der Gefahr des Datenmißbrauchs zu warnen. Dabei „steht unser Volkszählungsgesetz, was den Datenschutz angeht, einmalig in der Welt da“, meinte der Frankfurter Professor Grohmann, und der Saal raunte Zustimmung. Er beklagte sich, wie schwer es deutsche Zensusbefürworter im Gegensatz zu ihren ausländischen Kollegen hätten. Von geradezu paradiesischen Zuständen wußte er aus Amerika und Schweden zu berichten. Dort steige der Nationalstolz, wenn alle zehn Jahre die Zähler ausschwärmen, begeisterte sich Grohmann, fast mit feuchten Augen.

Wie anders in der Bundesrepublik. „Droht der Schnüffelstaat?“ zitierte der Kölner Soziologe Scheuch einen ZEIT-Artikel, unmittelbar nach Bekanntgabe des Zählungsgesetzes erschienen. Dies sei typisch für die veröffentlichte Meinung gegen die Zählung, typisch für eine „Medienkampagne“. Scheuch hat mit seinen Untersuchungen bemerkenswerte Ergebnisse zutage gebracht: Je jünger, je gebildeter und je Grünen-näher ein Befragter war, desto skeptischer war er der Zählung gegenüber eingestellt.

Noch schwerer habe bei den kritisch Eingestellten allerdings die Homogenität ihres Milieus gewogen, die „Feigheit vor dem Freunde“, der sagte, er wolle auch boykottieren. Dieser Konformitätsdruck sei besonders stark gewesen, wenn Menschen verschiedenen alternativen Bewegungen angehörten. Kurz gesagt: Wer sich für Frieden, gegen Atomkraft, für die Belange der Frauen und mehr Tierschutz bewegt, „war auch zu 90 Prozent gegen die Volkszählung“, mithin für Informationen kaum erreichbar. Aber die meisten aus der insgesamt 27 Prozent starken Gruppe der Kritischen seien „weiche Kritiker“ gewesen, die durchaus für Informationen offen gewesen seien und letztlich auch deshalb nicht boykottiert hätten, weil sie „den Druck spürten, dafür bestraft zu werden“.

Da nickten alle, besonders Kollege Schiedermaier vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung. Er zeigte den Nordlichtern, wie mit Zuckerbrot und angedrohter Peitsche südlich des Mains für die Volkszählung geworben wurde: „Die Leute wurden informiert, aber es wurde auch rechtzeitig deutlich gemacht, daß in Bayern Zwangsgeld vollstreckt wird.“ Zunächst aber habe man sich voll auf die regionale Presse gestürzt und so lange geredet, „bis die Journalisten geschafft waren“. Weil er die Lacher auf seiner Seite hatte, lief er zur Hochform auf und teilte augenzwinkernd mit: „Denen sagte ich: Ich habe Ihnen jetzt auch die letzte Frage beantwortet, jetzt berichten Sie aber auch freundlich und sachlich.“ Auch vor den Kritischen habe man sich nicht gefürchtet: „Ich selbst bin in eine Grünen-Veranstaltung gegangen, habe diskutiert – und die Veranstaltung umfunktioniert.“

Das kurzgewachsene Energiebündel Schiedermaier strahlte über seine Pfiffigkeit und präsentierte stolz seine Rücklaufquoten, die natürlich weit besser sind als sonstwo im Bundesgebiet. Die Verweigerer in Bayern seien nur im Promillebereich erfaßbar. Da mußten auch die Statistiker aus den anderen Bundesländern begreifen, was Dialog auf bayrisch heißt.

Dialog mit dem Bürger

Die Statistiker und die Verwaltung wollten die Zählung, weil sie glauben, auf diese Daten für eine vernünftige Planung nicht verzichten zu können. Die Politiker wollten sie nicht zuletzt deshalb, weil bei einer Zurücknahme des Gesetzes ein Imageverlust für den Staat drohte. Das habe auch der Kanzler früh begriffen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Schmülling glatt. Nein, um einen Dialog im Sinne gegenseitigen Redens und Zuhörern handelte es sich nicht. Auf die Verkaufe kam es an.

Schmülling machte daraus kein Hehl, im Gegenteil. Und er hat bei der Kampagne gelernt, daß de neuen Medien sehr gut für so etwas zu gebrauchen seien – nein, das Wort „gebrauchen“ mochte er lieber zurücknehmen – aber auch mit den neuen Medien könne das Bundespresseamt in Zukunft gut arbeiten, bei jungen Leuten Sympathien für die Bundesregierung erwerben, beispielsweise bei dem Reklamefeldzug für die Steuerreform, für den sich Schmülling derzeit rüstet. Dafür möchte er auch die paar Restmillionen ausgeben, die vom 46-Millionen-Etat übriggeblieben sind.

Die Statistiker würden das Geld gern anders anlegen. Sie wollen nämlich wirklich den Dialog mit dem Bürger, möchten ein modernes Dienstleistungsunternehmen sein, das nicht nur Angaben fordert, sondern auch etwas bietet. Sie fühlen sich schuldlos bei den Problemen mit der Volkszählung. Forsa ermittelte, daß vor und nach dem 25. Mai 1987 82 Prozent ein positives Verhältnis zur Statistik haben. Die geringe Akzeptanz der Volkszählung muß also andere Gründe haben als eine grundsätzliche Statistikfeindlichkeit, zum Beispiel Mißtrauen gegen den Staat, bei einer Sache, von der die Statistiker sagen, daß sie eigentlich die normalste überhaupt sei.