Von Ben Witter

Glanz hatte sie ja bis zum Zweiten Weltkrieg, die Hafenstraße in Hamburg-St. Pauli, obgleich es auch ein Abglanz dessen war, was die Schiffahrtswelt ihr im Vorübergleiten bot: die schnellsten und größten Passagierdampfer – manche waren sogar gegenüber getauft worden, und was sonst noch die Docks wieder zu Wasser ließen, oder was von See kam und in See stach. Und immer so, als ob sie ‚ die Hafenstraße, dazugehörte; jedes Haus wie ein Dienstmädchen mit Schürze, das alles blank hielt und glänzend machte. Die Zimmerhöhen glichen meistens den englischen, 2,80 Meter; die Küchen hatten Delfter Kacheln, und die Toilettenbecken kamen aus England.

Im Parterre hatten Stauereien, Barkassen- und Schutenvermieter ihre Kontore, und einen Stock höher wohnte man. Zwischen den Häusern ging die Balduin-Treppe zur Bernhard-Nocht-Straße hoch, und am unteren Ende betrieb Peter Mösing sein Lokal "Atlantik" mit warmem Essen und Kaffee und Kuchen. Die Besatzungen der "New York" und der "Cleveland" im Liniendienst zwischen Hamburg und New York legten auf Fähren weiter unten an, und ihre Frauen warteten im "Atlantik" aufs Umarmen. An der Stelle ist jetzt nur noch eine Fassade zum Anpinkeln aus bepinselten Brettern.

Ein Stück weiter gab es Frau Hansens Kaffeeklappe zum Aufwärmen und Abwarten. Ihr Mann fuhr Seeleuten das Gepäck nach Hause oder an Bord. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als es gegenüber wieder Schiffstaufen gab, bekam die Hansen eine Nachfolgerin: Tante Hermine. Bei ihr machten sich die Segler und die ersten Blazer breit. "Tante Hermine" steht noch auf der Tür, und statt Glas sieht man Bretter. Und oben, neben der Balduin-Treppe, gleich rechts, war das "Balduin-Eck", mit Grog und Bier und Gerede über die ganze Welt und mit Gerüchen, die zufrieden machten.

In dem Haus drehte Helmuth Käutner Teile seines Films "Große Freiheit Nr. 7"; Hans Albers, Ilse Werner und Hans Söhnker lieferten sich in den dreieinhalb Zimmern mit Elbblick ihre Eifersuchtsszenen, aber sie durften nicht zu oft auf den Hafen sehen, wo nur noch Barkassen Wellen machten vor angebombten Helgen und Docks. Ob im zweiten oder dritten Stock? Hinrich S. behauptete: im dritten; er war damals mit dem U-Boot auf Grund geraten, zehn Tage hatten sie da gelegen, und als er auf Urlaub kam, sah er Hans Albers und ging hinter ihm die Treppe rauf.

Ja, und er mußte mir auch noch sagen, daß jeder zweite in St. Pauli damals mehr in der Welt herumgekommen war als das ganze "Führer-Hauptquartier", und "Große Freiheit Nr. 7" sei doch für Kenner eine Art Widerstandsfilm gewesen, das war’s.

Jetzt hat Hinrich S. Rheuma. Er geht an zwei Stöcken und sagt, das U-Boot hätte schuld. Das "Balduin-Eck" heißt jetzt "Onkel Max", der Eingang ist mit Farbe bekleckst, aber da gibt’s Striche drin, die Köpfe andeuten und Hinterteile. Die Bernhard-Nocht-Straße ist die Rückseite der Hafenstraße; und "Schmaal’s Hotel" steht seit zehn Jahren leer. Bis dahin war es so wie vor fünfzig Jahren, Zimmer für Seeleute, mit Frühstück oder Vollpension, die Fußböden waren aus Eiche, und die Besen kehrten auch in den Ritzen.