Von Bartholomäus Grill

Die Leute von der Hafenstraße haben die Barrikaden abgetragen; eine schiedliche Einigung zwischen Hausbesetzern und Stadtvätern zeichnet sich ab. Viel schaulustiges Volk strömt zum Elbufer, darunter ein eleganter älterer Herr. Ein junger Begleiter wieselt um ihn herum und lenkt ihn im Slalom an den vielen Funkmikrophonen vorbei. Alle wollen O-Töne von ihm, in allen Interviews äußert er tiefe Befriedigung über die Befriedung.

Wer ist dieser würdig auftretende Bürger, um dessen Mundwinkel ein so gütiges Lächeln spielt, daß einer raunt, dies müsse der Bischof der Hansestadt höchstselbst sein? Als das Publikum erfährt, daß einer der reichsten Hanseaten leibhaftig unter ihnen weilt, und daß ausgerechnet er maßgeblich zum vorläufig guten Ende im bitteren Streit um die acht verwahrlosten Gründerzeithäuser beigetragen hat, da veränderte sich das Szenario fast ins Skurrile.

Der Mann im Volk ist Robert Vogel, Landesvorsitzender der FDP, Bürgerschaftsabgeordneter und ein mit allen Wassern gewaschener Unternehmer. Seine Häuser kennt hier jeder – das BAT-Gebäude, den "Affenfelsen", wo der Stern residiert, das Spiegel-Hochhaus, das piekfeine Elysée-Hotel; sein Gesicht aber kennen die wenigsten. Denn der 68jährige trat erst in Sachen Hafenstraße richtig ins Rampenlicht.

Vogel hat stets für den sanften Weg plädiert. Sein Vorschlag zur Güte lockerte schließlich die Fronten innerhalb und außerhalb der Hafenstraße. Er sah vor, den von Senat und "Schmuddelkindern" unterzeichneten Pachtvertrag beim Präsidenten des Oberlandesgerichtes zu hinterlegen. In einer angemessenen Frist sollten die Trutzburgen entfestigt und von drei unabhängigen Bausachverständigen begutachtet werden. Anschließend könne der Vertrag in Kraft treten.

Das hanseatische Establishment rieb sich verwundert die Augen. Was bewog den größten privaten Immobilienbesitzer im Stadtstaat – Robert Vogel nennt 250 000 Quadratmeter Büro- und Wohnfläche sein eigen –, sich für das Anliegen der Krawallbrüder am Hafenrand stark zu machen? Ein Anfall von Altruismus, später karitativer Antrieb? Oder hegte der gerissene Geschäftsmann Hintergedanken zu Nutz und Frommen des eigenen Imperiums? Schielte er vielleicht auf linke Stimmen beim nächsten Urnengang?

"Das ist alles Unsinn! Einfach absurd!" knurrt er energisch am Verhandlungstisch in seinem Chefzimmer. "Wir haben niemals am Hafenrand investiert. Das Hinterland St. Pauli ist fürchterlich, eine hafentypische Gegend, in der das horizontale Gewerbe blüht." Das "Filetstück" des Hamburger Grundstückmarktes (so nennt ein Makler den umstrittenen Elbufer-Abschnitt) hat Vogels Spekulantenappetit nie angeregt.