Von Renate Kaufeld

Die Ziege legt den Kopf schief. Schwarze Schlitze in honiggelber Iris äugen neugierig. Ich äuge zurück. Hat man nicht schon einiges über die Hinterhältigkeit und Gemeinheit von Ziegen gehört? „Du solltest sie jetzt melken“, mahnt Inger in schönstem Vivi-Bach-Deutsch. Sollte ich wohl. Schließlich wartet meine Eisenzeitfamilie auf die Milch.

Knapp dreieinhalb Stunden Anreise – dann ist die Zeitmaschine zurückgedreht von 1987 auf Null. Mehrere reetgedeckte Lehmhäuser hinter einem Palisadenzaun, geduckt in eine Mulde inmit- – ten sacht geschwungener Wiesen an einem kleinen See. Richtig dänisch „hyggelig“ anzuschauen. Von wegen „gemütlich“. Im Museumsdorf des Historisch-Archäologischen Versuchscenters in Lejre, eine gute halbe Stunde Bahnfahrt von Kopenhagen entfernt, leben Urlauber wie die Eisenzeitmenschen. Voraussetzung, um daran Spaß zu haben: ausgeprägtes gruppendynamisches Bewußtsein und eine Vorliebe für verschärftes Camping unter den Augen der Öffentlichkeit. Diese Charakterkombination muß es öfter geben, denn die Warteliste für Ferien in Lejre ist lang.

Jutta, eine Deutsche, die es vor Jahren der Liebe wegen nach Dänemark verschlug, geht mit mir in die Kleiderkammer. Jeans, Polohemd, Sweatshirt – alles ausziehen. Statt dessen gibt es einen weiten Schlauch aus grob gewebter Wolle. Auf den Schultern wird er mit einer Fibula, einer Art Schaschlikspieß, zusammengesteckt, in der Taille mit einem Band gegürtet. Fertig ist das Kleid. Um die Füße gibt es Lederlappen, die mit Kaninchenfellen ausgelegt sind. Am ersten Tag habe ich ständig einen nassen linken Fuß. Bis ich feststelle: Die Konstruktion müßte zum Schuster. Aber den gab es wohl vor zweitausend Jahren noch nicht. Also muß ich mir selbst einen Fellappen organisieren, um das Loch in der Sohle zu stopfen.

Auch die Armbanduhr nimmt Jutta mir ab. Nun wird der Tageslauf nur noch durch den knurrenden Magen bestimmt. Und durch die Touristen. Wenn sie einfallen wie ein Bienenschwarm, ist es zehn Uhr. Wenn sie gehen, ist es siebzehn Uhr. Als Gegenleistung, daß wir hier kostenlos Urlaub machen, dienen wir tagsüber Scharen von Besuchern und Schulklassen als lebender Anschauungsunterricht für das beschwerliche Leben unserer Vorfahren.

Meine Eisenzeitfamilie, mit der ich in einem der beiden Langhäuser des Dorfes lebe, sind sechs junge Dänen, drei Frauen, drei Männer. Alle sind Lejre-erprobt. Ein Glück. Ich wäre sonst total verloren. Ständig hänge ich Inger, die sehr gut Deutsch spricht, an der Rockschlippe. „Was soll ich jetzt tun? Wie macht man das?“

Die Ziege ist kooperativer als erwartet. Geduldig läßt sie mich an ihren prallen Zitzen drücken und ziehen, bis sie wie schlaffe Fingerlinge herunterhängen. Warme Ziegenmilch, hmm! Schmeckt überhaupt nicht streng. Nach dem Melken darf ich Spelzen aus dem Gerstenmehl pulen. „Die bleiben so sswischen die Ssähne“, erklärt mir Inger. Ach, wie einfach wäre das jetzt mit einem Sieb!