Von Susanne Mayer

Es war an einem Abend, als Gäste um den Tisch saßen, da klingelte es. Ein junger Mann. Wahrscheinlich ein Student meines Mannes, dachte sie; er brauche Hilfe, sagte er, Hilfe für Freunde. Sie seien in Schwierigkeiten. Ob sie ein paar Tage bei ihnen wohnen könnten. Und während sie redeten, neben dem Eßtisch, an dem die Gäste weiter plauderten, wurde Dorothee Sölle die Situation plötzlich klar. Eine Situation, die damals, in den siebziger Jahren, viele durchspielten, nichts weniger als ein bundesdeutsches linksliberales Gesellschaftsspiel: "Was tue ich, wenn sie plötzlich vor der Tür stehen ..." Sie reagierte spontan, ja emotional, sie sagte: "Nein."

Dorothee Sölle erzählt diese Episode ganz zum Schluß des Gesprächs, auf unserem Weg nach draußen: "Ich hatte ja leider keine Möglichkeit, das mit meinem Mann vorher durchzusprechen", sagt sie nachdenklich, als wir neben dem Eßtisch zum Stehen kommen und reden, so wie sie damals mit dem jungen Mann stand und diskutierte, während die Gäste davon nichts mitbekommen durften. Und tatsächlich, Fulbert Steffensky hätte vielleicht anders entschieden als seine Frau. Er, Theologe wie sie, der erste Leser und Kritiker ihrer Schriften, der in ihnen oft dieses "zu scharf" findet, jenes "zu prononciert negativ", er hätte, gesteht sie, die Terroristen nicht so unbedingt von seiner Tür gewiesen. Und sei es, um in seiner Entscheidung dem Prinzip der Nächstenliebe ein Gewicht zu geben.

Ist Dorothee Sölle, im entscheidenden Moment, vor der eigenen Radikalität zurückgeschreckt? Oder hat sie, ganz radikal, eine Trennungslinie gezogen? "Ich weiß nicht, ob das damals so richtig war", sagt sie fast demütig, nur eines habe sie gewußt, daß Gewalt kein Weg sei. Eine kleine Frau. Schwarze Latzhose, schlichte weiße Haare. Mit einer fast altmodischen Höflichkeit verabschiedet sie mich an der Tür des eleganten, in der Herbstsonne leuchtenden, Othmarschener Bürgerhauses.

Die Radikalität dieser Frau ist berühmt, ja berüchtigt. "Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte ..." – so begann sie 1983 ihr Referat vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver, das einen Skandal auslöste. "Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten", heißt es darin weiter. Erziehung, schreibt sie in ihren Texten, diene nur dem einen Zweck, "unser Bedürfnis nach Befreiung zu ersticken und es uns vergessen zu machen", nichts böten wir den Kindern als "Konsum-Sand".

Die ganze westliche Welt – "verödete Zentren der Kultur". Die dritte Welt – "ein Dauer-Auschwitz".

Ihre Kritik an unserer Politik, unserer Gesellschaft, an unserem Lebensstil ist unerbittlich, bitter, maßlos, sagen manche. Selbstgerecht, sagen andere.