Genauigkeit durch Unscharfe: Der Erzählband "Das serbische Mädchen"

Von Martin Ahrends

Wasser ist sein Element. Siegfried Lenz ist im Sternzeichen der Fische geboren, er lebt in Küstennähe, das Küstensujet hat in seinen kleineren Prosastücken eine deutliche Betonung erfahren. Sein Element ist das Wasser: Gemeint ist damit auch der See in seiner etymologischen Verwandtschaft mit dem Wort "Seele". Gemeint ist jede Art von Feuchtigkeit, die zum Zeichen für Verbindlichkeit wird, gemeint ist das verbindende Element, das Urelement allen Lebens, wo immer Lenz in seiner Prosa sich darauf beruft als einen Grund, dem Leben zu trauen, als einen Beweis, daß das Verbindende allemal stärker ist als das Trennende. Und gemeint ist das Wasser als stilistisches Element zur Weichzeichnung allzu scharfer Konturen, zur Genauigkeit durch Unscharfe.

In der Tat hinterlassen die schönsten der Lenzschen Erzählungen, die in dem Band "Das serbische Mädchen" versammelt sind, den visuellen Eindruck von Aquarellen, die sich ja auch erst ganz erschließen, wenn man zurücktritt und den Sehspalt ein wenig verengt. Erst, wenn man die unspektakulären, alltagsfarbenen Stories gelesen hat und sie mit Abstand betrachtet, wird das Eigentliche sichtbar, das, was nicht zu sagen ist, weil es keines und aller Menschen Erfahrung ist, eine Stimmung, ein Gefühl, das uns wohl vertraut ist, ohne daß wir sagen könnten, woher.

Lenzens Sprache ist also nicht denotatorisch ehrgeizig; sie umkreist ihren Untertext auf schlichte, unaufwendige Art, was besonders dann auffällt, wenn die Schilderung für kurze Momente quasi-dokumentarisch und eindimensional wird, weil sie der Handlung eine präzise, scharf gezeichnete Wendung geben will, während der auch die Akteure mit hellwachen Sinnen nur den Moment wahrnehmen. Mit brillanter Sprachökonomie macht er einen nächtlichen Straßenraub, einen Verkehrsunfall zu atemberaubenden Szenen.

Für den hornhäutigen Betrachter sind seine "Aquarelle" vielleicht nur blaß. Für den Detailliebhaber vielleicht nur undeutlich. Nein, hier stimmt die Parallele nicht mehr: Lenz gibt besonders deutliche Details. Doch sind diese Details nicht von der Art jener "Indizien" in einem Krimi, die sich zu guter Letzt zum logischen Schluß, zum Fazit eignen, das sich in einem Satz ausdrücken läßt.

Eine Art Notwehr